UNTER DRUCK: Noch fehlt Olympiagold

Die Schottin Eve Muirhead ist in ihrer curlingverrückten Heimat ein Star. Dementsprechend hoch sind die Ansprüche. In St. Gallen muss sie überzeugen, will sie ohne Nebengeräusche an die Olympischen Spiele.

Pascal Koster
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Der schottische Star-Skip Eve Muirhead: «Unter Druck spiele ich am besten.» (Bild: Urs Bucher)

Der schottische Star-Skip Eve Muirhead: «Unter Druck spiele ich am besten.» (Bild: Urs Bucher)

Pascal Koster

Eve Muirhead betritt hastig den Raum. Es ist unschwer zu erkennen, dass sie im Stress ist. Ihre Agentin macht mit Nachdruck klar, dass die Verspätung nicht Muirheads Schuld sei. Der Star-Skip hat einen Ruf zu verlieren. Die 27-jährige Muirhead ist das Aushängeschild der schottischen Curlingszene und gleichzeitig so etwas wie der Liebling der Nation. Viermal gewinnt sie für ihr Land den Juniorenweltmeistertitel. Bereits mit 19 Jahren vertritt sie das curlingbegeisterte Schottland als Skip an Grossanlässen. Seither gibt sie den Posten nicht mehr her. Die Erfolge sprechen für sie. Sieben EM-, drei WM-, und eine Olympiamedaille hat sie schon gewonnen. Ihre grössten Triumphe waren dabei der WM-Titel 2013 in Riga und der EM-Titel 2011 in Moskau. Kein Wunder, zählt für Muirhead vor allem eines: «Mein Ziel ist natürlich Olympiagold. Alles andere habe ich ja schon gewonnen.»

«Die Winterspiele sind ein Familienanlass»

Dass sich Muirhead zum Curlingsport hingezogen fühlt, ist wenig erstaunlich. Die ganze Familie ist vom Spiel mit den Steinen angetan. Ihr Vater Gordon fuhr mit dem schottischen Curlingteam 1992 an die WM in Garmisch. «Meine Mutter nahm mich meistens mit an die Wettkämpfe meines Vaters. Als ich ihn spielen sah, wollte ich gleich auch curlen», erinnert sich Muirhead. Als Achtjährige fängt sie an. Gleichzeitig versuchen sich auch ihre zwei Brüder Glen und Thomas im Curling – sie sind ebenfalls mit viel Talent ausgestattet. «Der ständige Wettkampf mit meinen Brüdern war die grösste Motivation für mich. Ich wollte unbedingt besser sein als sie. Schon immer war ich eine wetteifernde Person», sagt Muirhead.

Heute spielen auch Glen und Thomas im schottischen Nationalteam und werden wie die Schwester diesen Winter an den Olympischen Spielen in Pyeongchang teilnehmen. «Für die ­Muirheads sind die Winterspiele ein Familienanlass», scherzt die Weltmeisterin. «Meine Brüder, mein Vater und ich werden dort sein. Nur meine Mutter fehlt. Jemand muss ja zu unserer Farm schauen.» Muirhead ist auf eben dieser Farm nahe der schottischen Stadt Perth aufgewachsen. «Ich erfülle nicht nur dieses schottische Klischee», räumt sie ein. Muirhead ist auch eine leidenschaftliche Dudelsackspielerin. Viel Zeit für dieses Hobby bleibt ihr nicht. «Curling ist ein Full-Time-Job. Nur im Sommer hast du einige Wochen Zeit, etwas anderes zu tun.»

Doch auch dann kann Muirhead nicht ohne Sport. Sie sei eine begeisterte Golferin, sagt sie. «Die zwei Sportarten sind sehr ähnlich. Es geht in beiden vor allem um Gefühl, Präzision und Konzentration.» In jungen Jahren musste sich das schottische Multitalent entscheiden, ob es auf die Karte Proficurling oder Profigolf setzen will. «Mir wurde zwar ein Golfstipendium angeboten. Ich wusste aber damals schon, dass mein Potenzial im Curling grösser ist.» Sie habe es nie bereut, diesen Weg eingeschlagen zu haben.

Hoffnungsträgerin der Insel

Dazu hatte sie auch kaum einen Grund. Nur nach den Olympischen Spielen 2010 in Vancouver sei sie wirklich niedergeschlagen gewesen. Ein enormer Druck lastete auf der damals 20-Jährigen. Anders als an einer WM oder EM vertrat Muirhead nicht nur ihre Heimat Schottland, sondern die gesamte Insel. Mit dem Team Grossbritannien verpasste sie die Halbfinals und wurde enttäuschende Siebte. Sie weiss noch: «Es war eine extrem harte Zeit. Alle erwarteten ein erfolgreiches Abschneiden.» Im Nachhinein habe sie alles hinterfragt: «Haben wir zu wenig trainiert? Waren wir uns zu siegessicher?» Das Scheitern war aber auch eine Erfahrung, die sie reifen liess. 2014 gewann sie in Sotschi Olympia-bronze. «Mittlerweile kann ich sehr gut mit Druck umgehen. Ich würde sogar sagen, unter Druck spiele ich am besten.» Diese Fähigkeit ist an der EM in St. Gallen und im Februar in Pyeongchang in der Tat von Nutzen.