Unsichtbar und unentbehrlich

54 Ballkinder sind an den Swiss Indoors im Einsatz. Sie haben eine Statistenrolle, in der sie nicht auffallen dürfen. Dafür kommen sie den grossen Tennisstars näher als die meisten andern – und merken es vor lauter Konzentration kaum.

Ralf Streule/Basel
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Rahel Mensch, seit 2011 Ballmädchen an den Swiss Indoors, kennt die Angewohnheiten vieler Topspieler. (Bild: ky/Georgios Kefalas)

Rahel Mensch, seit 2011 Ballmädchen an den Swiss Indoors, kennt die Angewohnheiten vieler Topspieler. (Bild: ky/Georgios Kefalas)

TENNIS. Es gibt sie, die seltenen Momente, in denen auch die Ballkinder während eines Tennisspiels auffallen. Zum Beispiel, wenn im Publikum gespannte Stille einkehrt, der Aufschläger sich auf den nächsten Service vorbereitet. Dann sind oft noch fünf, sechs schnelle Schritte zu hören – ein helles Klack, Klack, Klack, bis sich das Ballkind wieder in Position gebracht hat und die Schritte in der Tennishalle verklungen sind. Und manchmal, viel seltener, ist den jungen Helfern gar Applaus sicher. Dann nämlich, wenn eines der Ballmädchen einen Ball direkt aus der Luft akrobatisch auffangen kann.

Meistens aber bleibt ihnen die Statistenrolle – so gehört es sich schliesslich auch. Es ist wie beim Schiedsrichter: Ballkinder machen ihren Job gut, wenn das Publikum sie nicht wahrnimmt. Wie kleine Wichtel müssen sie sein, die am Rand des Courts stehen oder neben dem Netz knien und auf ihren nächsten Einsatz warten: auf den nächsten Ball, der im Netz landen könnte. Und auf die Wünsche der Spieler zwischen den Ballwechseln. Meist ist es das Handtuch, das verlangt wird, mal drei, vier Bälle als Auswahl für den Aufschlag.

Die Ballkinder-Choreographie

Eine, die den Ballmädchen-Job an den Swiss Indoors seit fünf Jahren mit Begeisterung macht, ist die Baslerin Rahel Mensch. Hundertfach Handtücher von Weltstars hat sie seither aufgefangen, Tausende Bälle hin- und herrollen lassen und vom Netz wegtransportiert. Und sie hat die Spezialwünsche der Spieler kennengelernt. «Jeder hat seine Angewohnheiten», sagt die 16-Jährige. Sie weiss, wer für den Aufschlag wie viele Bälle von welcher Seite erwartet und wer den zweiten Aufschlag unbedingt mit demselben Ball wie beim ersten spielen will. Sie weiss, dass Rafael Nadal als einziger Spieler immer zwei Handtücher haben will – auf beiden Seiten eines, um es nicht hin und her tragen zu müssen. Sie weiss, dass Andy Roddick am meisten schwitzte und der Boden in den Spielpausen manchmal getrocknet werden musste. Und dass sie stehend neben dem sitzenden John Isner etwa gleich gross ist.

Das Schaffen der «Ball-Girls» und «Ball-Boys», wie sie offiziell angeschrieben sind, wirkt für den Zuschauer wie eine schwierige, hübsche Choreographie. Diese zu erlernen sei einfach, sagt die Gymnasiastin. «Die grosse Schwierigkeit ist, die Konzentration aufrecht zu halten. Und schnell zu reagieren – aber nicht zu schnell.» Oft habe es ihren Körper schon durchzuckt bei Netzrollern, nach denen sie beinahe schon aufs Feld gestürmt wäre, dann aber dem Spiel noch seinen Lauf lassen musste. Eine wirkliche Panne aber sei ihr nie passiert.

Mensch ist selber Tennisspielerin, spielt beim TC Old Boys, der einen klangvollen Namen hat, seit ein gewisser Roger Federer dort seine Sporen abverdient hat. Bereits Federer und sein Kollege Marco Chiudinelli waren Ballbuben an den Swiss Indoors. Und noch heute ist die Beziehung Federers zu den jungen Helfern eine besonders. Ein gemeinsames Pizzaessen nach dem Turniersieg ist Tradition geworden. «Ein riesiges Gedränge» sei das jeweils, sagt Mensch. Und es sei nicht etwa so, dass sie nun von sich behaupten könnte, Federer persönlich zu kennen. Ohnehin ist Fan-Sein nicht angebracht als Ballmädchen. Die ATP verbietet ihnen, in der offiziellen Kleidung Autogramme bei den Spielern abzuholen.

Über 170 Zentimeter geht nichts

Selber hat Rahel Mensch für ihre Tenniskarriere bescheidene Ziele – Musik und Schule beanspruchen den anderen Teil ihres Lebens. Ohnehin müssen Ballbuben und -mädchen keine ambitionierten Spitzenjunioren sein. Einige entstammen gar anderen Sportarten wie Fussball oder Handball. Einfach ist es aber nicht, Ball-Girl zu werden. Gegen 150 melden sich meist an, im Sommer wird ausgesiebt – 54 dürfen am Turnier dabei sein. Sechs sind es pro Spiel, plus ein Ersatz. Die Helfer müssen zwischen 11 und 16 Jahren alt sein und die Abläufe kennen. Und sie dürfen nicht grösser als 170 Zentimeter sein, damit sie Zuschauern nicht die Sicht nehmen.

Es sind schöne Erinnerungen, die Rahel Mensch in den vergangenen Jahren an den Swiss Indoors gesammelt hat. Sie ist etwas wehmütig, dass sie mit Jahrgang 1999 im nächsten Jahr nicht mehr dabei sein darf. Aber sie weiss, dass viele Ehemalige später in anderen Funktionen am Turnier dabei sind. Federer ist ein Beispiel – wenn auch nicht das alltägliche.