«Und der Prophet Elias brach hervor»

Das war Zufall: Der Oratorienchor Frauenfeld und der Kammerchor Oberthurgau haben erst dann erfahren, dass sie beide Mendelssohns «Elias» einüben, als das Datum für die Premieren schon stand. Die Zuhörer und die Thurgauer Zeitung waren von beiden Aufführungen angetan.

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Eine Bilderbuchaufführung im Dienste der Besinnlichkeit war die Frauenfelder Inszenierung. Die Zuhörer waren erbaut von der musikalischen Demut des Oratorienchors Frauenfeld unter Leitung von Christian Dillig; zusammen mit dem Orchester Capriccio Basel und den Solisten erklang Felix Mendelssohns Oratorium besonders tiefgründig.

Die Orchesterklänge hören sich immer unruhiger an. Die Töne wachsen und wachsen in der reformierten Stadtkirche Frauenfeld. «Hilf, Herr!», erschallt es in flehendem Gesang aus dem Oratorienchor Frauenfeld, während Dirigent Christian Dillig in nachdrücklichen Gesten die Ohnmacht der Lage unterstreicht.

In Gottes Hand

Ob Hungersnot oder Lebensmüdigkeit – mit dem Oratorium «Elias» vertont Felix Mendelssohn Sackgassen, wie sie das Leben zeichnet. Doch die Bibel legt das Schwergewicht auf ihre Auswege. Mendelssohn verstärkt sie, indem er Einhalt bietet und langsam gesungene Passagen wie Psalter in die dramatische Handlung einschiebt. So entsteht Abstand zur vermeintlich hoffnungslosen Situation. Elias' Lösung ist einfach: Sie liegt in Gott. Vor diesem Hintergrund ist in Frauenfeld allen Beteiligten eine Interpretation gelungen, die Demut und Gottesfurcht ausstrahlte.

Eine tiefe Besinnlichkeit entstand dadurch, dass Stimmen und Klänge schlank gesungen und gespielt wurden und so für eine maximale Klangvereinigung sorgten. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass Bach als Aushängeschild für geistliche Musik gilt und die barocke Aufführungspraxis Assoziationen zur Sakralmusik weckt. Zwar ist es umstritten, ob sie auch auf die Romantik anwendbar ist. Aber Dirigenten wie Sir Roger Norrington haben in den letzten Jahren erfolgreiche Pionierarbeit geleistet, so dass sich filigrane Klangkörper mit historischen Instrumenten als charmante Alternative zu den kolossalen Besetzungen bewährt haben. Daher hat sich der Oratorienchor Frauenfeld zu Recht entschieden, des Barocks kundige Solisten und das Orchester Capriccio Basel einzuladen. Genauso recht gab ihm der Konzerterfolg durch den besonders langen Applaus aller Hörer und Hörerinnen, die dazu aufstanden.

Selten passen bei solchen Aufführungen Chor, Orchester und Solisten wirklich zusammen. Christian Dillig ist es gelungen, für eine harmonische Einheit zwischen allen Künstlern zu sorgen: Die musikalischen Dialoge gingen ineinander über, Pianostellen erklangen ausgewogen und transparent, und Steigerungen führten konsequent zum Ziel.

Capriccio mit präziser Diktion

Mit seinem lebendigen, nuancierten Ganzkörpereinsatz engagierte Dillig sich für jeden einzelnen Takt. Dem Chor verlieh er Sicherheit, indem er ihn auf seine Einsätze souverän vorbereitete. Dementsprechend vollmundig erklangen die rund 70 Sänger und Sängerinnen: Sie glänzten durch präzise Diktion und Intonation und strahlten eine grosse Begeisterung aus. Das Orchester Capriccio Basel legte ein zuverlässiges und sensibles Begleitfundament und überzeugte durch Differenziertheit, Virtuosität und eine Selbstverständlichkeit im Zusammenspiel.

Für gerne gehörte Momente sorgten auch die Solisten. Peter Brechbühler verkörperte mit seiner Souveränität und seiner konstanten Stimme einen glaubhaften Elias. Miriam Feuersinger, Sopran, gefiel durch die Kunst der schlichten, schnörkellosen Töne. Elisabeth Graf, Alt, verlieh den Bibelstellen mit ihrer grossen und zugleich unprätentiösen Stimme eine Tiefgründigkeit. Ein feines Vibrato zierte Raphael Wittmers unverkennbares Timbre. Es liess aufhorchen und gab ihm in seinen Rollen eine liebenswürdige Demut. Claudius Wand, Bass, Marcel Fässler, Tenor, Fabienne Rüegg, Sopran, und Katrin Frühauf, Alt – Mitwirkende beim berührend gesungenen Psalm 121 – sorgten für Verstärkung bei grösseren Besetzungen. Sarah und Basil Pirijok

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