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«Und dann gab es kein Halten mehr»: Vor 10 Jahren wurden die Schweizer Fussballer U17-Weltmeister – wer dann Karriere machte und wer scheiterte

In einer Woche ist es 10 Jahre her seit dem einzigen Schweizer Fussball-Weltmeistertitel. Trainer Dany Ryser erinnert sich an seine Helden.
Etienne Wuillemin und Raphael Gutzwiller
Das legendäre Jubelbild: Die Schweizer U17 in Ekstase nach dem Sieg im WM-Final 2009. (Bild: Pius Utomi Ekpei/AFP (Abuja, 15. November 2009))

Das legendäre Jubelbild: Die Schweizer U17 in Ekstase nach dem Sieg im WM-Final 2009. (Bild: Pius Utomi Ekpei/AFP (Abuja, 15. November 2009))

Am nächsten Freitag ist es zehn Jahre her, seit die Schweizer U17-Nationalmannschaft Weltmeister wurde. Es ist bis heute der einzige Titel einer Schweizer Fussball-Auswahl. Trainer damals war Dany ­Ryser. Er sagt: «Was wir leisteten ist aussergewöhnlich – aber ich sage bewusst nicht: einmalig. Der Traum existiert, dass sich so ein Triumph eines Tages wiederholt, vielleicht sogar auf höchster Stufe.»

Dani Ryser. (Bild: Keystone)

Dani Ryser. (Bild: Keystone)

Heute ist der damalige U17-Trainer Ryser für die Uefa in der Aus- und Weiterbildung von Trainern tätig. Gerade war er in Island und Kroatien, bald fliegt er nach Zypern. Zudem ist er an EM-Endrunden der U17 und U21 als technischer Berater ­tätig. Dabei eruiert er fussballerische Trends der Zukunft.

Am Montag findet in Zürich die grosse Feier für die U17-Helden statt. Tage davor nimmt sich Ryser Zeit, um sein Team von damals vorzustellen.

Torhüter:

«Benjamin Siegrist war meine klare Nummer 1. Er hat ein überragendes Turnier gespielt, wurde verdient als bester Goalie ausgezeichnet. Ich habe ihn damals als sehr fokussierten jungen Keeper wahrgenommen. Die beiden Stellvertreter, Raphael Spiegel und Joel Kiassumbua, waren sich bewusst, dass sie nur in Ausnahmefällen zum Einsatz kommen werden. Dennoch haben sie Siegrist jederzeit unterstützt. Dass ­diesem später keine richtig grosse ­Karriere gelang, lag sicher auch daran, dass er schon früh nach England wechselte, wo der Konkurrenzkampf gerade auf der Torhüterposition riesig ist. Ich bin nicht sicher, ob er immer die richtigen Entscheidungen getroffen hat.»

Benjamin Siegrist spielte unter anderem für Vaduz. (Bild: Keystone)

Benjamin Siegrist spielte unter anderem für Vaduz. (Bild: Keystone)

Verteidigung

«Frédéric Veseli war mein Captain, ein absoluter Leader. Bei ihm wusste ich zwar, dass er in jedem Match einen ­Fehler drin hatte, sonst war er aber ­unglaublich zuverlässig und sehr loyal. Ich freue mich, dass er schliesslich an der EM 2016 gespielt hat – auch wenn es für Albanien war. Als erst 17-Jähriger war er schon sehr reif. Ich erinnere mich noch gut daran, wie er reagierte, als wir vor dem Final gegen Nigeria am Flughafen festsassen. Er beruhigte mich mit den Worten: «Ohne uns ­fangen sie den ­Final schon nicht an.» Das war beeindruckend.

Neben Veseli spielte stets Charyl Chappuis. Was er später erleben sollte, ist fantastisch. In Thailand ist er ein Star. Er zeichnete sich damals vor allem durch eine hervorragende Spielauslösung aus. Leider war es zu jener Zeit so, dass die meisten Super-League-Trainer nicht auf Innenverteidiger unter 1,86 m setzten. Schade – Chappuis hätte sich durchaus ebenfalls in der Schweiz durchsetzen können. Unser dritter ­Innenverteidiger war Sead Hajrovic, der ein Jahr jünger als die anderen war. Ihn wechselte ich jeweils zur Stabilisierung ein, ich wusste einfach: Ich muss ihm 15 Minuten vor seinem Einsatz ­Bescheid geben, ansonsten ist er mit seinen Ritualen noch nicht fertig – und die waren zwingend für ihn.

Ricardo Rodriguez links aussen war schon damals ein aussergewöhnlicher Spieler. Ich habe noch nie einen so jungen Spieler gesehen, der so abgeklärt war wie er. Spannend war ja, dass Rodriguez erst kurz vor dem Turnier überhaupt den Schweizer Pass erhielt. Wir waren uns lange nicht sicher, ob es klappt. Es war dieselbe Situation wie mit Josip Drmic. Bei Drmic endete es in einem Desaster, er verpasste die WM. Bei ­Rodriguez folgte zum Glück das Happy End.»

Er machte in der Nati und auf Clubebene vieles richtig: Ricardo Rodriguez. (Bild: Keystone)

Er machte in der Nati und auf Clubebene vieles richtig: Ricardo Rodriguez. (Bild: Keystone)

Mittelfeld

«Das zentrale Mittelfeld bildeten ­Oliver Buff und Pajtim Kasami. Buff war ein richtig guter Box-to-Box-Spieler, fussballerisch ausgezeichnet. Er fand auch auf engem Raum immer ideale Lösungen. Seine letzten Pässe, seine Abschlüsse und seine Standards waren wichtig. Neben dem Platz war er durch seine eigene, sympathische Art wichtig im Team. Auch in schwierigen Situationen hat er häufig unfreiwillig alle zum Lachen gebracht.

Kasami ­dagegen hatte ich für eine Weile nicht mehr aufgeboten, da bei seinem Wechsel von GC zu Liverpool nicht alles mit rechten Dingen abgelaufen ist. Als er seine Zukunft geregelt hatte, sprach ich zunächst mit meinen Führungsspielern darüber, ob wir Kasami nochmals eine Chance geben sollten. Klar war, dass er uns fussballerisch weiterbringt und mehr Optionen bietet. Wir entschieden uns dafür, und das war richtig. Kasami war es auch, der gegen Mexiko unser erstes Turniertor schoss. Mit einem Freistoss. Ich weiss nicht mehr, wer für die Ausführung vorgesehen gewesen wäre – aber sicher nicht er.

Pajtim Kasami spielt aktuell für den FC Sion. (Bild: Keystone)

Pajtim Kasami spielt aktuell für den FC Sion. (Bild: Keystone)

Einer der Leidtragenden von Kasamis Klasse war Kofi Nimeley. Ich habe wohl noch nie einen Menschen kennen gelernt, der mit 17 Jahren schon so reif war. Er war lange Captain des Teams. Leider erlitt er ein Jahr vor der WM einen Kreuzbandriss und kam danach nicht mehr an sein vorheriges Niveau heran. Darum verlor er seinen Stammplatz. Trotzdem sage ich: Ohne Nimeley wären wir nicht Weltmeister geworden. Warum? Im zweiten Spiel gegen Japan erhielt er eine Chance, Buff war wegen einer roten Karte gesperrt. Doch nach 20 Minuten lagen wir schon 0:2 hinten. Ich wusste: Jetzt muss ich etwas tun. Ich wechselte Nimeley aus, wir gewannen noch 4:3. So ein ­Erlebnis ist für jeden Spieler hart, für ihn als Captain sowieso. Klar, dass er sehr enttäuscht war. Einen Tag später aber kam er zu mir und sagte:

«Trainer, Ihre Entscheidung, mich auszuwechseln, war richtig. Aber seien Sie sich sicher: Ich bin ­bereit, jede Rolle anzunehmen für das Team.»

Diese Einstellung war unglaublich reif. Als Typ war er in der Mannschaft weiterhin enorm wertvoll, er war von allen akzeptiert und blieb ein Leader. Das war für unsere Stimmung wichtig. Und da er der einzige Dunkelhäutige im Team war, war er in Nigeria doppelt wichtig. Alle afrikanischen Journalisten wollten mit ihm reden. Für ihn freut es mich besonders, dass er heute so glücklich ist, obwohl es nicht für eine grosse Fussballkarriere gereicht hat.

Und dann war da noch Granit ­Xhaka. Er war ein Spätzünder, bei uns war er noch nicht jener Leader von ­heute in der Schweizer Nationalmannschaft. Erst auf die WM hin rückte er in die Startelf. Bei Basel spielte er schon damals als zentraler Mittelfeldspieler, mir war er mit seinem schmächtigen Körper aber noch nicht robust genug, um dort international zu bestehen. ­Darum stellte ich ihn auf dem Flügel auf. Auch wenn er noch körperliche ­Defizite hatte, war sein grosses Potenzial zweifellos vorhanden. Dass er eine solche ­Karriere machen kann, freut mich sehr für ihn.

Captain der Schweizer Nati: Granit Xhaka. (Bild: Keystone)

Captain der Schweizer Nati: Granit Xhaka. (Bild: Keystone)

Auf der anderen Seite spielte meist Janick Kamber. Er verausgabte sich jeweils so sehr, dass er von allen Spielern am längsten Zeit für die Regeneration brauchte. Der medizinische Staff sagte mir nach jedem Spiel, dass Kamber unmöglich auch die nächste Partie wird durchspielen können. Aber am Tag vor dem Spiel war er dann doch immer wieder bereit.»

Sturm

«Mit Nassim Ben Khalifa und Haris ­Seferovic hatten wir ein hervorragendes Sturmduo. Es war aber nicht nur einfach mit den beiden. Sie spielten beide bei GC, harmonierten aber nicht wirklich. Beide gönnten einander die Tore nicht, Querpässe vor dem Tor waren ihnen fremd, weil sie das Tor lieber selbst schiessen wollten. Ich suchte das Gespräch mit beiden, sagte:

«Wenn ihr so weitermacht, nehme ich nur einen mit an die WM.»

Nassim Ben Khalifa wurde beim FC St.Gallen sowie in vielen anderen Clubs nicht glücklich. (Bild: Keystone)

Nassim Ben Khalifa wurde beim FC St.Gallen sowie in vielen anderen Clubs nicht glücklich. (Bild: Keystone)

In Einzelgesprächen fragte ich sie zudem, was sie glauben, für wen ich mich entscheiden würde. Beide antworteten: für Ben Khalifa. Ja, Nassim war zu diesem Zeitpunkt weiter als ­Seferovic. Aber ich stellte klar: Wenn sich nur Seferovic mannschaftsdienlich verhält, würde ich Ben Khalifa zu Hause lassen.

Am Ende wurden die zwei ein ­unglaublich gut harmonierendes Sturmduo, das viel Freude machte. Ben Khalifa war einer der besten Spieler des Turniers, obwohl Akteure wie Mario Götze oder Neymar dabei waren. Und Seferovic überzeugte durch seine Konstanz. Er spielte sich in einen richtigen Flow, erzielte Tor um Tor.

Im Abschlusstraining vor dem Final stellte ich aber wieder fest, dass bei beiden der Egoismus zurückkehrt ist. Es war wie vor dem Turnier. Ich stellte sie noch einmal zur Rede. Ich wusste: Es geht darum, wer Torschützenkönig wird. Sie führten das Klassement mit je vier ­Toren gemeinsam an. Darum fragte ich: «Wollt ihr morgen Weltmeister werden oder Torschützenkönig?» Ben Khalifa antwortete: «Beides!» Daraufhin machte ich ihnen klar, dass wir so garantiert nicht Weltmeister würden. Sondern ­genau das brauchen, was uns bis zu ­jenem Zeitpunkt so stark machte.

Haris Seferovic gelang eine grosse Karriere – in der Nati und auf Clubebene. (Bild: Keystone)

Haris Seferovic gelang eine grosse Karriere – in der Nati und auf Clubebene. (Bild: Keystone)

Im Final funktionierte das Zusammenspiel aber wieder, Seferovic schoss gegen Nigeria gar das einzige Tor. Ich war nicht ganz unglücklich, dass er nicht Torschützenkönig wurde. Der Spanier Borja Bastón schoss im Spiel um den dritten Rang ebenfalls ein Tor, kam auch auf fünf Treffer und zog an Seferovic vorbei, weil er einen Assist mehr hatte. Dafür war Seferovic Weltmeister! Und dann gab es kein Halten mehr.»

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