UMSTRITTEN: Die Gier nach Anerkennung

Hier ein jubelnder Cristiano Ronaldo, da ein fassungsloser Gianluigi Buffon. Der Viertelfinal in der Champions League zwischen Real Madrid und Juventus Turin hallt nach. Ein Blick in Ronaldos Vergangenheit zeigt, woher seine provokante Art kommt.

Sergio Dudli
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Cristiano Ronaldo feiert sein Penaltytor in der 97. Minute. (Bild: EPA)

Cristiano Ronaldo feiert sein Penaltytor in der 97. Minute. (Bild: EPA)

Sergio Dudli

Die grossen Geschichten des Sports werden von seinen Stars geschrieben. Am Mittwochabend lieferten Cristiano Ronaldo und Gianluigi Buffon ein weiteres Kapitel. Eines, das zwei grosse Karrieren im Kleinen spiegelt. Dort der 40-jährige Buffon, ein sportliches und menschliches Vorbild, auf der ganzen Welt geschätzt. Jeder Liebhaber des Fussballs hätte ihm den ganz grossen Triumph zum Ende seiner Karriere gegönnt. Mit hängenden Schultern und bebend vor Wut verlässt er nach seiner roten Karte in der Nachspielzeit den Platz. «Fahr zur Hölle», soll Buffon zu Schiedsrichter Michael Oliver nach dessen umstrittenen Penaltypfiff gesagt haben. Nach dem Spiel doppelt Buffon nach: «Der Schiedsrichter hat kein Herz, nur einen Abfallkübel.» Ein kleiner Pfiff brachte Buffons Traum zum Platzen. Das schmerzt.

Auf der anderen Seite steht Cristiano Ronaldo, der den Penalty in der 97. Minute zum 1:3 verwandelt. Er reisst sich beim Torjubel das Trikot vom Leib, stellt sich in gewohnter Pose vor die jubelnden Anhänger. Nach einer blassen Partie seitens des Portugiesen strahlt dessen stählerner Körper unwirklich im Flutlicht, wirkt fast künstlich. Ein Mensch wie aus einer anderen Welt. Mit dem Treffer sichert Ronaldo seinem Team das Weiterkommen, beendet die Aufholjagd der Turiner. Nach dem Spiel wird der 33-Jährige für seinen Jubel kritisiert. Der Vergleich zwischen Ronaldos Selbstdarstellung und dem Abgang Buffons – er erhitzt die Gemüter.

Der Abtreibung knapp entkommen

Wer Ronaldo und sein Wesen verstehen will, muss ein Stück zurückreisen. Als jüngstes von vier Kindern wuchs er in ärmlichen Verhältnissen auf der Insel Madeira auf. «Ich wollte Cristiano abtreiben. Die Schwangerschaft war ungeplant, wir konnten uns kein viertes Kind leisten», schreibt seine Mutter Maria Dolores dos Santos Aveiro in ihrer Biografie. «Aber der Arzt sagte mir, ich sei im besten Alter, er könne keine Abtreibung verantworten.» Sie versuchte es mit dem Tipp einer Freundin: «Dunkelbier aufkochen, trinken – und dann kilometerweit marschieren.» Der Voodoozauber nützte nichts, Ronaldo kam am 5. Februar 1985 zur Welt. Seine Mutter liebte das ungeplante Kind innig. «Sie ist die wichtigste Person in meinem Leben, ihr verdanke ich alles», so Ronaldo. Sie schützte ihn vor ihrem Mann, einem gebrochenen Veteranen, der den Alkohol mehr liebte als seinen Sohn und 2005 an den Folgen der Sucht verstarb. «Ich habe meinen Vater nie richtig kennen gelernt», so Ronaldo Jahre nach dessen Tod. Die Flucht des kleinen Ronaldo aus dem kargen Alltag: Fussball spielen. Er ist talentiert, mit zwölf Jahren geht er auf das Festland in die Talentschmiede Sporting Lissabons. Es ist eine Flucht aus einem trostlosen Leben. Und eine Flucht vor dem eigenen Vater. Das Ziel von Ronaldos Reise: ein neues Leben. Und Anerkennung. Etwas, das ihm sein Vater nie entgegengebracht hat. Die Mutter liess er zurück. Im Ungewissen, den Launen des Vaters ausgeliefert. Ein grosses Opfer, das sein Drang nach Anerkennung von ihm abverlangte. Ronaldo: «Der Tag meiner Abreise war der schönste und traurigste meines Lebens.»

In den Jahren danach reift Ronaldo zum Weltstar. Wenn er im Estadio Santiago Bernabéu den Rasen betritt, wird er verehrt. «Dieser Junge ist von Gott gemacht», schreibt seine Mutter in ihrem Buch. So wird Ronaldo in Madrid auch behandelt – wie eine Gottheit. Die Anerkennung, die er als Kind von seinem Vater nie erfahren hat, schwappt ihm nun in hohen Wellen der Verehrung und der Bewunderung entgegen.

Ein Dorn namens Messi

Der Wunsch nach Anerkennung zog Ronaldo einst weg aus seiner Heimat. Heute sehen viele darin den Grund für seine Überheblichkeit und Selbstüberschätzung. «Ich bin der beste, zweitbeste und drittbeste Spieler der Welt», so Ronaldo. Die Vergleiche mit Messi sind ihm ein Dorn im Auge. Weshalb? Weil einer noch mehr Anerkennung erfährt, weil einer ebenso verehrt und geliebt wird wie er selbst. Diese Erkenntnis schürt Angst bei Ronaldo. Angst, einmal mehr nicht richtig beachtet zu werden. Unter all der Eitelkeit steckt letztlich immer noch der kleine Cristiano, der vor über 20 Jahren auszog, um ein besseres Leben zu finden. Seine Wurzeln und das Leid aus Kindertagen hat Ronaldo nie vergessen. Er setzt sich für syrische Kinder ein, die im Krieg alles verloren haben. Er ­bezahlt schwerkranken Menschen lebenswichtige Operationen. «Mein Junge hat ein grosses Herz», sagt die Mutter. Betritt Ronaldo den Platz, scheint er es in der Kabine zu lassen.