Um die Schweiz auf die harte Tour

Die Tortour gilt als das härteste Velorennen der Schweiz. Sie wird ihrem Namen bei den Teilnehmern und ihren Betreuern gerecht. Die 1000 Kilometer lange Strecke verlangt den Teams alles ab. Vor allem dann, wenn es wie an der diesjährigen Ausgabe in Strömen regnet.

Christof Krapf
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Mitten in der Nacht irgendwo in der Romandie: Dauerregen als Belastungsprobe für die Athleten.

Mitten in der Nacht irgendwo in der Romandie: Dauerregen als Belastungsprobe für die Athleten.

RAD. Irgendwann fragt man sich, warum man sich das antut. Das gilt nicht nur für die Athleten, welche das 1000 km lange Nonstop-Rennen rund um die Schweiz unter die Räder nehmen. Auch als Betreuer stellt man sich an der Tortour die Sinnfrage.

Der Moment, an dem man sich solche Fragen stellt, kommt spätestens auf der Etappe vom waadtländischen Yverdon ins neuenburgische Le Locle. Morgens um 5.30 Uhr: Es regnet in Strömen, die Temperatur beträgt acht Grad. Seit 27 Stunden ist das Team mit zwei Fahrern und vier Betreuern unterwegs. Fünf Männer eingepfercht in einem VW-Bus, einer sitzt jeweils auf dem Velo. Gefahren wird rund um die Uhr. Es fehlen zwei Nächte Schlaf. Pausen gibt es schon. Das Problem ist, dass man sie mit krummer Wirbelsäule auf dem Autositz verbringt. Überall hängen nasse Velotrikots, am Boden liegen Werkzeugkisten und Schachteln voller Sportlernahrung – Erholung sieht anders aus. Vor allem weil es im Fahrzeug längst müffelt: Die Duftnoten von Isostar und Perskindol vermischen sich mit jenen von nassen Kleidern und durchgeschwitzten Sportlern – zum Duschen fehlt die Zeit. Die Zeit fehlt auch, um ordentlich zu essen: Isotonische Getränke, Gels und Energieriegel, welche die Athleten nach einem Tag schon nicht mehr sehen können, müssen reichen. Abwechslung bieten manchmal Biberli und kalte Nudeln.

Start mitten in der Nacht

Begonnen hat die Tortour in der Nacht auf vergangenen Freitag. Normalerweise schläft Schaffhausen um drei Uhr morgens. Nun stehen auf einem Parkplatz Hunderte Kleinbusse. Velofahrer sitzen in Campingstühlen und schaufeln kalte Pasta in sich hinein. Es riecht nach Kaffee, Bouillon und Massageöl. Betreuer schrauben, pumpen und ölen die Velos – die Tortour ist schon ohne Defekt hart genug. Am Start steht ein Helfer und schickt Teams und Einzelfahrer auf die Strecke. Ein Paar nimmt das Rennen in der Mixed-Kategorie in Angriff nimmt. Er blickt geradeaus, die Zähne zusammengebissen. Sie lächelt nervös. Dann verschwinden beide im Dunkeln. Allein mit sich – der Blick reicht nicht weiter als der Lichtkegel der Velolampe.

David Degens Sitzbeschwerden

Die 700 Teilnehmer der Tortour bilden einen buntgemischten Haufen. Plauschsportler, ambitionierte Hobbyfahrer und Profis wie der frühere Weltmeister Alessandro Ballan sind gleichermassen vertreten. Auch Promis sind am Start: In einem Sechserteam fährt der frühere Fussballer David Degen. Im FC-Basel-Trainingsanzug trifft man ihn auf dem Grimsel. Degen erzählt im Restaurant lautstark von seinen Sitzbeschwerden – jeder soll merken, was für harte Kerle Fussballer sein können.

Die Könige der Veranstaltung sind aber die Athleten, welche das Rennen solo bewältigen. Sie sitzen 40 Stunden ohne Schlafpause im Sattel. Fahren von Schaffhausen durch den Thurgau ins Toggenburg, dann nach Chur und via Oberalp, Furka, Grimsel, Jaun und Col des Mosses an den Genfersee. Von dort geht es durch den Jura zurück nach Schaffhausen. Als Team ist die Tortour kräftezehrend – als Soloathlet brutal. Um sich zu motivieren, hat einer einen Zettel mit seinen Leitsätzen auf den Velorahmen geklebt. Darauf stehen Dinge wie: «Freue dich auf die Herausforderungen, mögen sie noch so hart und schmerzhaft sein» oder «Trinken, Essen und Treten, mehr musst du nicht tun» – wenn's nur das ist.

Auf den 200 Kilometern vor dem Ziel fallen Sportlern und Betreuern bei jeder Gelegenheit die Augen zu. Im Ziel ist die kollektive Müdigkeit greifbar: Mehr als ein Bier verträgt keiner. Die meisten gehen rasch nach Hause, nachdem ihr Team mit einer Motorrad-Eskorte auf der Bühne im Hockeystadion angekommen ist. Alle paar Meter sieht man bleiche Gesichter, Augenringe und hinkende Velofahrer. Dennoch fühlt man sich seltsam zufrieden und glücklich. Die Sinnfrage bleibt unbeantwortet: Schlafen ist jetzt wichtiger.

Entschädigung für eine harte, nasse und kalte Nacht. Ein Athlet fährt dem Genfersee entlang durch das Lavaux dem Sonnenaufgang entgegen. (Bilder: Lupi Spuma)

Entschädigung für eine harte, nasse und kalte Nacht. Ein Athlet fährt dem Genfersee entlang durch das Lavaux dem Sonnenaufgang entgegen. (Bilder: Lupi Spuma)

Kampf gegen den Oberalp. Sechs Pässe und 14 500 Höhenmeter müssen bezwungen werden.

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