Uli Hoeness: Der Patriarch ist müde

Der geplante Rückzug von Uli Hoeness beim FC Bayern kommt überraschend. Und doch gibt es eine Logik.

Maik Rosner
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Noch hat dieses Bayern-Duo das Sagen: Präsident Uli Hoeness (links) und Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge. (Bild: DPA)

Noch hat dieses Bayern-Duo das Sagen: Präsident Uli Hoeness (links) und Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge. (Bild: DPA)

«Uli Hoeness ist Kopf, oft Bauch, stets Herz und immer Seele von Bayern München.» Schon bald wird dieser Satz des zwischenzeitlichen Präsidenten Karl Hopfner mit einem «war» versehen werden müssen. Am Dienstagabend, als sich das Team von Trainer Niko Kovac auf den letzten Test der USA-Reise gegen die AC Milan (1:0) vorbereitete, vermeldete die «Bild», dass der 67-jährige Hoeness sich zum Rückzug entschlossen habe. Demnach wolle er sich auf der Jahreshauptversammlung im November nicht zur Wiederwahl als Präsident stellen und zudem seinen Aufsichtsratsvorsitz abgegeben.

Übernehmen soll beide Ämter sein Vertrauter und Stellvertreter im Kontrollgremium, der ehemalige Vorstandschef des Anteilseigners Adidas, Herbert Hainer.

Mittelfristig liefe es auf ein Führungsduo mit Hainer und dem 50-jährigen Vorstandschef Oliver Kahn hinaus. Der ehemalige Torhüter soll ab Januar eingearbeitet werden und den Posten von Karl-Heinz Rummenigge spätestens Anfang 2022 übernehmen. Ende 2021 läuft Rummenigges Vertrag aus – der Entschluss, sich dann zurückzuziehen, steht längst fest.

Eine Erklärung folgt am 29. August

Bestätigt wurde der Bericht zunächst nicht. Weder vom Verein, den die Nachricht unvorbereitet traf, noch von Hoeness, der eine Erklärung für die nächste Sitzung des Verwaltungsbeirates am 29. August ankündigte. Das Gremium wählt die Aufsichtsräte und schlägt den Präsidenten vor. Doch auch ohne Bestätigung darf man davon ausgehen, dass der Entschluss von Hoeness feststeht. Nach fast 50 Jahren als «Mister FC Bayern» (Rummenigge), gut 40 davon als Führungsfigur. Zunächst seit 1979 als Manager, zu dem er nach neun Jahren als Profi wegen einer Knieverletzung mit 27 Jahren aufstieg und als der er den damals verschuldeten Club zum europäischen Schwergewicht formte. Seit 2009 ist Hoeness der Präsident, unterbrochen von seiner Haftstrafe wegen Steuerhinterziehung zwischen 2014 und 2016. Nun ist der Patriarch müde, vielleicht auch zerknirscht.

Die Spieler Joshua Kimmich und David Alaba sprachen in ersten Reaktionen von einer «Bombe» und einem «Schock». Kovac sagte, er wolle sich nicht äussern, da er den «Wahrheitsgehalt» nicht kenne.

Ein wichtiger Beweggrund für den Rückzug soll Hoeness’ Frau Susanne sein, mit der er seit 1973 verheiratet ist. Sie musste oft zurückstehen, besonders schwer war für sie und die Familie die Zeit während seiner Inhaftierung. Seiner Frau hatte Hoeness schon seit längerem versprochen, sich ihr mehr zu widmen. Den Ausschlag zum geplanten Rückzug geben wohl auch weitere Beweggründe. Darunter die Anfeindungen gegen Hoeness von einem beträchtlichen Teil der Mitglieder bei der Jahreshauptversammlung im vergangenen November.

Kritik der Mitglieder bei Jahreshauptversammlung

«Der FC Bayern ist keine One-Man-Show», hatte das Mitglied Johannes Bachmayr damals den Präsidenten zitiert, der 2010 fast gleichlautend den damaligen Trainer Louis van Gaal angegriffen hatte. Zuvor hatte Bachmayr die aus seiner Sicht zahlreichen Verfehlungen, speziell von Hoeness, pointiert bis polemisch vorgetragen. Es ging um den verschleppten Umbruch, Verträge mit Katar sowie um die legendäre Pressekonferenz vom Oktober, auf der Rummenigge die Menschenwürde angeführt hatte, ehe Hoeness über den Abgang Juan Bernat sagte, dieser habe einen «Scheissdreck gespielt». Und es ging um die Verbannung von Paul Breitner von der Ehrentribüne, nachdem dieser Hoeness für dessen Auftritt auf der besagten Pressekonferenz kritisiert hatte. «Es ist nicht Ihr Stadion, der Verein ist nicht Ihr Eigentum», sagte Bachmayr zu Hoeness. Er war nicht der einzige beklatschte Kritiker unter den Rednern gewesen.

In den vergangenen Monaten hatte Hoeness mehrfach betont, diese «überraschenden Erfahrungen» in seinen Entscheid einfliessen zu lassen. Und er sagte auch: «Der Tag ist nicht mehr fern, an dem ich sage: Das war’s.»

So folgt der Entschluss auch der Logik der Entwicklungen in der Vergangenheit. Bevor Hoeness seine Haftstrafe antreten musste und Rummenigge die Vereinsgeschicke erfolgreich lenkte, hatte er kämpferisch gesagt: «Das war’s noch nicht.» Tatsächlich kehrte er zurück an die Spitze seines Lebenswerks und trat ähnlich kraftstrotzend auf wie zuvor. Doch er spürte, dass sich sein Status als unangefochtene Autorität nicht mehr in dem Masse einstellte wie vor der Haft. Rummenigge liess ihn das zuweilen auch spüren, nicht nur bei den zuletzt häufigeren Meinungsverschiedenheiten und Machtrangeleien, sondern auch, als er sagte, Hoeness solle weniger in der Öffentlichkeit über Transferaktivitäten sprechen.