ÜBERZEUGUNGSARBEIT: Zukunftsweisende Tage

Zeit zum Wundenlecken bleibt dem FC Wil nach dem Investor-Ausstieg nicht. Er muss bis Ende Monat alle Spieler überzeugen, für tiefere Löhne zu spielen. Erste Erfolge gibt es: Bereits haben einige Profis in Wil neue Verträge unterschrieben.

Ralf Streule
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Banger Blick auf das Vereinslogo: Wohin steuert der Verein? (Bild: Urs Bucher/Freshfocus (Wil, 8. Februar 2017))

Banger Blick auf das Vereinslogo: Wohin steuert der Verein? (Bild: Urs Bucher/Freshfocus (Wil, 8. Februar 2017))

Ralf Streule

Was tun, wenn einen der Investor Knall auf Fall verlässt? Wenn die Millionen von Mehmet Nazif Günal von einem Tag auf den anderen ausbleiben? Nach dem unrühmlichen Abgang der türkischen Geldgeber beim FC Wil seien Anwälte daran, zu prüfen, ob die beim Clubverkauf 2015 unterschriebenen Kontrakte rechtliche Schritte gegen den Investor möglich machten, sagt Clubsprecher Patrick Bitzer. Die Aussichten auf Erfolg aber sind klein. Die Mehrheitsaktionärin ist weiter eine Gesellschaft mit Sitz im Ausland – diese kann kaum belangt werden. Und: «Das kann Monate dauern, es hilft kurzfristig nichts.» Kurzfristig hilft nur: Ausgaben senken und Geld auftreiben.

Sparen will man vor allem bei den Löhnen. Unter Günal waren diese zum Teil horrend, Stars wie der bereits seit längerem abgetretene Egemen Korkmaz sollen rund 40 000 Franken pro Monat verdient haben. Das Lohngefälle war gross, neu sollen noch etwa 20 bis 30 Prozent der vorherigen Löhne ausbezahlt werden. Die Bereitschaft, für weniger Geld zu spielen, scheint bei vielen da zu sein. Gegen zehn Spieler aus dem 26 Mann starken Kader haben bereits neue Verträge unterschrieben, so Bitzer. Unter anderem Silvano Schäppi aus dem eigenen Nachwuchs oder Sandro Lombardi, der eine langjährige Wiler Vergangenheit hat. Und auch Routinier Johan Vonlanthen soll sich entschieden haben, die Lohneinbussen auf sich zu nehmen. Laut Spielerberatern bleibt ihren Schützlingen nicht viel anderes übrig: Wer sich querstellt, riskiert, den FC Wil in den Konkurs zu treiben, womit die Gehälter ohnehin verloren wären. Genau dies dürfte die Chance für den Club sein.

St. Gallen und Vaduz sind nicht interessiert

Die andere Möglichkeit für die Spieler: sich einen neuen Club suchen. Anfragen von Spielerberatern sind beim FC St. Gallen wie auch beim FC Vaduz eingegangen. Bei beiden Clubs wird jedoch erklärt, die Transferaktivitäten seien abgeschlossen. Laut Bitzer zeichnet sich noch kein Wiler Abgang ab. Vom gestrigen Testspiel gegen Sirnach, das der FC Wil mit 7:1 gewann, obwohl viele Stammkräfte fehlten, seien keine Schlüsse auf allfällige Abgänge zu ziehen. Noch seien alle Spieler vor Ort. Auch Mattia Bottani, ein Topverdiener des Teams. Für ihn ist die Situation besonders delikat, da er im August von Lugano zu Wil stiess und ­einen Vertrag bis 2020 unterschrieben hat. Statt eines sicheren Einkommens hat er nun ein Problem: Er darf innerhalb einer Saison in der Schweiz nicht für ein drittes Team auflaufen. Es bleibt für den Familienvater der Wechsel zurück ins Tessin oder hartes Brot in Wil.

Als Erstes muss der Club die noch ausstehenden Januarlöhne aufbringen können – möglichst rückwirkend unter den neuen Gehaltsbedingungen, wie Bitzer sagt. Bis zum 28. Februar muss der Verein bei der Liga nachweisen, dass die Januarlöhne bezahlt sind. Sollte dies nicht der Fall sein, wird die Disziplinarkommission benachrichtigt, die dem Club auf Anhieb drei Punkte abziehen kann, erklärt Philippe Guggisberg, Sprecher der Swiss Football League (SFL). Von dieser strengen Handhabe werde die Liga nicht abweichen, auch sollte der FC Wil bald schon eine plausible längerfristige Lösung präsentieren können, sagt Guggisberg. Hier müssten die Clubs mit der gleichen Elle gemessen werden.

Die Gespräche mit dem FC Wil ­seien aber intensiv, sagt Guggisberg. Man hoffe auf eine Lösung und bedauere, dass nach dem FC Biel 2016 wieder einem Club der Konkurs drohe. «Der Fall zeigt, dass wir trotz weitreichender Kontrollmechanismen an die Grenzen kommen und nie die Garantie haben, dass alles reibungslos abläuft», so Guggisberg.

Es drohen: Punkteabzug, Lizenzentzug, Konkurs

Nach Punkteabzügen kämen bei wei­teren finanziellen Verfehlungen, gleich wie beim FC Biel vor einem Jahr, weitere Sanktionen dazu. Bis hin zu einem ­Lizenzentzug. Damit würde der Club die Zugehörigkeit zur SFL verlieren und in die Promotion League zwangsrelegiert. Noch verheerender wäre ein Konkurs. Dieser träte dann ein, sollten Spieler und andere Angestellte auf juristischem Weg ihre Löhne einfordern und der Club diesen Forderungen langfristig nicht nachkommen. Der FC Wil hätte dann wohl, wie Biel vor einem Jahr, einen Fall in die Tiefen der 2. Liga zu verkraften.

Eines versprach FC-Wil-Präsident Roger Bigger am Mittwoch: Lange hinauszögern, wie der FC Biel, werde man die Sache nicht. Was dem FC Wil entgegenkommt: Investor Günal hinterlässt immerhin keine Altlasten. Sein Darlehen von zehn Millionen Franken, mit dem er die Verluste der vergangenen Saison deckte, bleibt mit seinem Rücktritt nicht am FC Wil hängen. Dies war vertraglich so vereinbart. Das ist ein Trost. Wenn auch ein schwacher.