TV-DUO: «Ein bisschen Fan dürfen wir sein»

Die Stimmen von Stefan Bürer und Heinz Günthardt begleiten Schweizer Tennisfans seit gut 20 Jahren. Am Rande der Swiss Indoors sprechen die beiden über Spontaneität – und den Autopiloten im Hintergrund.

Ralf Streule, Basel
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Roger Federer machte zu Beginn viele Fehler und wirkte angespannt. (Bild: Alexandra Wey/Keystone)

Roger Federer machte zu Beginn viele Fehler und wirkte angespannt. (Bild: Alexandra Wey/Keystone)

Interview: Ralf Streule, Basel

Die halbe Tennisweltspitze macht Pause, verletzungsbedingt oder aus Müdigkeit. Welche Verschleisserscheinungen gibt es beim Duo Bürer/Günthardt?

Heinz Günthardt: Bei Kommentatoren ist es ja nicht wie bei Tennisspielern, bei denen das Alter negativ ins Gewicht fällt. Mit den Jahren – wir haben gegen 10000 Stunden und dabei fast alle Federer-Spiele kommentiert – haben wir uns einen riesigen Tresor an Tenniswissen angeeignet. Deshalb macht uns das weiterhin Spass auf der Tour: Die Atmosphäre bringt das Adrenalin immer wieder schnell zurück. Stefan Bürer: Genau: Es gibt keine Verschleisserscheinungen. Es ist weiter eine Freude und ein Privileg, das machen zu dürfen.

Ihr Enthusiasmus wird vom Publikum geschätzt – wie auch Ihr Humor. Sind Ihre Wortwechsel immer spontan? Oder gibt es vor einem Spiel eine Abmachung: Diesen lustigen Aspekt lassen wir dann so und so einfliessen?

Bürer: Es ist alles spontan. Abgesprochen wird fast nie etwas. Wir wissen dank unserer Erfahrung, wie der andere funktioniert.

Wie wenn zum Beispiel der eine den Satz des anderen fertig spricht? Ist das nicht einstudiert?

Bürer: Überhaupt nicht. Vieles funktioniert über den Augenkontakt. Wir spüren, wann der andere das Wort übergibt. Günthardt: Schwer ist das nicht. Wenn wir beide eine Episode eines Spielers kennen, lassen wir bewusst einen Teil weg, um den anderen ins Spiel zu bringen. Bürer: Wir spielen Wort-Tennis.

Gibt es vieles, das Sie über Spieler wissen, aber dem Publikum verschweigen?

Bürer: Nichts, wir erzählen, was wir wissen. Es ist ja auch nicht so, dass wir am Abend mit Spielern an der Bar sitzen und zum Beispiel Federer privat gut kennen würden. Da gibt es eine professionelle Distanz. Es hat uns auch nie ein Spieler gesagt: Das dürft ihr nicht erzählen.

Sie haben auch schon elfstündige Übertragungen hinter sich. Was, wenn Ihnen einmal nichts mehr einfällt?

Günthardt: Das funktioniert anders. Irgendwann schaltet man auf Autopilot. Plötzlich kann man sich selber zuhören. Bürer: Irgendwann weiss man kaum mehr, wer gerade spielt. Da konzentriert man sich auf die Basics des Spiels. Günthardt: Elf Stunden mit Kopfhörer auf dem Kopf, den Blick auf den Monitor gerichtet – das wird schon anstrengend. Da hilft’s, wenn wir zu zweit sind... Bürer: ...und wenn wir gut verpflegt antreten und genügend trinken. Das mit dem WC ist zu zweit ja einfach zu lösen.

Wie sehr Federer-Fan dürfen Sie sein beim Kommentieren?

Bürer: Da gibt es keine Weisung. Wenn es um Schweizer im internationalen Kontext geht, wäre es seltsam, fieberten wir nicht mit. Ein bisschen Fan dürfen wir sein. Anders ist es in der Eishockeymeisterschaft. Dort erhält man von Fans schnell die Rückmeldung, man sei parteiisch. Ich als Rapperswiler habe nur zwei Rappi-Spiele kommentiert. Beide Male wurde mir vorgeworfen, parteiisch zu sein – zu Ungunsten von Rapperswil, notabene.

Zurück zu den Verschleisserscheinungen: Es pausieren so viele Weltklassespieler wie kaum einmal zuvor.

Günthardt: Interessanterweise sind es auch junge Spieler, die pausieren müssen. Da spielt wohl auch das Material eine Rolle. Jüngere setzen auf harte Nylonsaiten, ohne elastischen Naturdarm, Handgelenkverletzungen sind häufiger. Wer sich an Nylon gewöhnt hat, kann schlecht umstellen. Federer setzt auf eine Kombination Nylon/Kunstdarm. Bürer: Zudem wird immer häufiger auf Hartbelag gespielt – nicht das Gesündeste für die Gelenke. Günthardt: Und wenn Hartbelag immer wichtiger wird, trainieren auch die Junioren immer häufiger auf jener Unterlage. Was oben passiert, wirkt sich auch auf die Zehnjährigen aus.

Was muss sich ändern?

Günthardt: Man könnte das Umfeld ändern: 1976 fanden die US Open noch auf Sand statt, darum wurde auch vor dem Turnier meist auf Sand gespielt. Das wäre sicher gelenkschonender. Dass dies rückgängig gemacht wird, ist aber sicher nicht realistisch.

Federer betont, die Weltnummer 1 stehe für ihn nicht im Fokus. Nehmt ihr ihm das ab?

Günthardt: Ja, absolut. Federer würde sicher lieber auf einen Australian-Open-Sieg setzen, wenn er frei wählen könnte. Eine Woche mehr oder weniger als Nummer eins, das geht weniger in die Geschichte ein als ein 20. Grand-Slam-Titel. Bürer: Das sehe ich genau so. Für Federer ist die Weltranglistenspitze ein «nice to have». Sonst hätte er sich die vielen Pausen in der laufenden Saison wohl nicht gegönnt.

Wäre für Sie ein Abgang zusammen mit Federer denkbar, sagen wir im Jahr 2019? Man muss aufhören, wenn’s am schönsten ist, sagt man.

Günthardt: (lacht) Spitzensport ist schlecht planbar. Es gilt, das zu geniessen, was aktuell läuft. Bürer: Ich mache weiter, solange ich Freude habe und meine Arbeit geschätzt wird – unabhängig von Federer oder Wawrinka.