Türkisch-St. Gallische Annäherung

Seit der FC Wil in türkischer Hand ist, ist die Zukunft der Nachwuchs-Partnerschaft mit St. Gallen offen. Nach einem Treffen mit Investor Mehmet Nazif Günal ist Dölf Früh zuversichtlich. Es sei gar eine intensivere Zusammenarbeit denkbar.

Ralf Streule
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Wils millionenschwerer Investor Mehmet Nazif Günal (links) und FC-St. Gallen-Präsident Dölf Früh trafen sich kürzlich zum Gespräch. (Bilder: Benjamin Manser/Urs Bucher)

Wils millionenschwerer Investor Mehmet Nazif Günal (links) und FC-St. Gallen-Präsident Dölf Früh trafen sich kürzlich zum Gespräch. (Bilder: Benjamin Manser/Urs Bucher)

FUSSBALL. Die Zusammenkunft vor einer guten Woche kann als Ostschweizer Fussball-Gipfeltreffen bezeichnet werden. Mit dabei waren Mehmet Nazif Günal, türkischer Investor beim FC Wil, und dessen Sohn Murathan Doruk Günal, seit kurzem FC-Wil-Präsident. Mit dabei waren auch Wils Vize Roger Bigger, FC-St. Gallen-Präsident Dölf Früh und Marco Otero, Technischer Leiter beim Nachwuchsprojekt «Future Champs Ostschweiz» (FCO). Die Männer trafen sich in der AFG Arena, dem Zuhause des FC St. Gallen, aber auch dem der Ostschweizer Nachwuchsakademie. Ein «Kennenlern-Treffen» nennt es Früh.

Es war aber auch ein Treffen, das Gewicht haben dürfte für den hiesigen Fussballnachwuchs. Die beiden Clubs sind Hauptakteure im 2011 gegründeten FCO. Und tatsächlich war diese Partnerschaft auch Hauptthema bei der Zusammenkunft, sagt Früh. Es seien gute Gespräche gewesen, sagen er und Bigger. Und der St. Galler Präsident lobt die türkischen Gäste explizit als «moderat, offen und sympathisch». Tatsächlich kann nur schon die Tatsache, dass der türkische Chef eines milliardenschweren Unternehmens sich die Zeit für die Fragen zur Nachwuchs-Zusammenarbeit nimmt, positiv gewertet werden.

Pyramiden-Modell obsolet?

Im Sommer, als Bigger das Einsteigen des türkischen Milliardärs Günal und das Ziel Aufstieg kundtat, hatte sich Früh noch kritischer geäussert. Im «Blick» hatte er die Zusammenarbeit in Frage gestellt. In der Tat droht mit den neuen Wiler Ambitionen das FCO-Gleichgewicht durcheinander zu geraten. Bisher war die Hackordnung klar: Der FC St. Gallen ist Hauptakteur, bei dem die besten Talente landen sollen. Der FC Wil als Challenge-League-Club gilt als Vorstufe dazu, wo der Nachwuchs Sporen abverdient. Auch wenn dieser Austausch in der Praxis nicht immer reibungslos funktionierte, sprach man von einem «Pyramiden-Modell», in welchem St. Gallen zuoberst steht. Unter den neuen Voraussetzungen dürfte der FC Wil die Rolle als zweitrangiger Partner nicht mehr übernehmen wollen – auch wenn es derzeit nicht nach einem schnellen Aufstieg Wils ausschaut.

«Aus dem Partner dürfte ein sportlicher Konkurrent werden», so formuliert es Früh. Dennoch sei eine langfristige Zusammenarbeit im Nachwuchs weiterhin wünschenswert. Es sei im Sommer eine Grundskepsis dagewesen, nach all den Erfahrungen mit ausländischen Investoren in der Schweiz, sagt Früh. Der FC St. Gallen habe Wil die Türe in der Nachwuchsarbeit aber nie zuschlagen wollen.

Früh spricht nach dem Treffen mit Günal sogar von einer möglichen Intensivierung der Partnerschaft. Wie diese genau aussehen könnte, lässt er aber offen. Ein Konzept sei in Arbeit. Die Frage, ob auch ein verstärktes finanzielles FCO-Engagement seitens des FC Wil zur Diskussion steht oder von St. Gallen sogar erwartet wird, kommentiert Früh nicht. Bisher übernimmt der FC St. Gallen einen Grossteil der Kosten für das Nachwuchsprojekt.

Wiler Alleingang nicht denkbar

Es scheint sicher, dass Wil im Nachwuchs derzeit keinen Alleingang anstrebt – auch wenn im Sommer solche Gerüchte im Umlauf waren. Man sei an einer Zusammenarbeit interessiert, sagt Bigger. Ohnehin sei die Situation nicht ganz neu: «Wir haben schon zuvor nicht verschwiegen, dass wir mit dem FC Wil Ambitionen haben und irgendwann aufsteigen wollen.»

Auf die Probe gestellt würde die Zusammenarbeit wohl erst, sollte Wil in den kommenden Jahren das Ziel Aufstieg tatsächlich realisieren und sich in der Super League etablieren. Dann würden zwei Clubs auf Augenhöhe um die besten Talente der Ostschweiz buhlen. Wie dies sich auf eine Partnerschaft auswirken würde, die schon bisher nicht immer von Harmonie geprägt war, steht in den Sternen.

Fussball Interview mit Dölf Früh, Präsident FC St. Gallen (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

Fussball Interview mit Dölf Früh, Präsident FC St. Gallen (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))