Leichtathletik
Trotz momentanem Hoch keine hohen Ansprüche

Die Schweizer Leichtathleten reisten nach erfolgreicher EM in Amsterdam euphorisiert nach Rio. Medaillenträume wären aber vermessen, auch für Sprinterin Mujinga Kambundji. Sie strebt die Halbfinals als persönliches Ziel an.

Kristian Kapp, Rio de Janeiro
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Strebt in Rio den Halbfinal an: Sprinterin Mujinga Kambundji.

Strebt in Rio den Halbfinal an: Sprinterin Mujinga Kambundji.

KEYSTONE/AP/GEERT VANDEN WIJNGAERT

Kambundji, Fabienne Schlumpf und Maja Neuenschwander haben sich den denkbar schlechtesten Tag ausgesucht, um ihren Medientermin im Schweizer TV-Studio in Ipanema wahrzunehmen. Erstmals seit Beginn der Sommerspiele meldet sich an diesem Mittwochnachmittag der Winter Rios, kurz zuvor regnete es in Strömen. Die drei Leichtathletinnen lassen sich am zweitberühmtesten Strand der Olympiastadt die Laune nicht nehmen.

Bereit, wenn es zählt

Kambundji kommt im Hoch nach Rio de Janeiro. Vor einem Monat gewann sie über 100 Meter Bronze an den Europameisterschaften in Amsterdam. Dort bewies sie einmal mehr, wie gut sie sich auf Grossanlässe fokussieren kann. Bereit war die Könizerin auch vor einem Jahr an den WM in Peking, als sie je einen zehnten (200 m) sowie zwölften (100 m) Platz belegte.

Sie steht offen dazu: An Meisterschaften zähle halt dieser eine Tag, während nach einem Meeting gleich das nächste folgen würde, Misserfolge deshalb weniger dramatisch seien.

Auch für ihre erfrischende Ehrlichkeit ist Kambundj eine der beliebtesten Schweizer Sportlerinnen. Ins Herz des Publikums wurde sie 2014 geschlossen, als ihr an der Heim-EM in Zürich der berühmteste Fauxpas einer Schweizer Staffel unterlief. Wie gut sie mit dem Missgeschick umging, bescherte ihr gar eine Nomination für die Humorschaufel am Festival in Arosa.

Seit drei Jahren in Deutschland

Kambundji kann auch anders. Den Humor verlor sie endgültig, als sie letzten März den temporären Austritt aus der Staffel gab. Es war das Ende mit Schrecken um den Zoff mit Trainer Laurent Meuwly, der es lieber gesehen hätte, wenn sich seine Schützlinge aufs Team statt die Einzelkarriere fokussieren.

Kambundji trainiert aber seit drei Jahren in Deutschland unter dem Kirgisen Valerj Bauer, sie wurde seither stets kräftiger und schneller.

Über die Episode mit Meuwly mag Kambundji nicht mehr sprechen. Der Erfolg hat sie selbstbewusster gemacht, sie ist nicht mehr das scheue Mädchen, das ihre erste Erfahrung mit der Staffel noch als Ersatzläuferin machte. Selbstvertrauen, das nahm sie auch aus Peking mit. Sie sah, dass auch die Weltspitze nicht mehr ganz so weit weg ist. Kambundji weiss aber auch, dass das Niveau in Rio mindestens so hoch sein wird: «Schon an der EM wurden sehr gute Zeiten gelaufen.»

Kein Vergleich zu einer EM

EM und Olympia. Dass das zwei verschiedene Welten sind, auch im Sprint, wo vor allem die Athleten aus Amerika und der Karibik dazukommen, ist jedem im Schweizer Leichtathletikteam bewusst. «Die ganze Welt ist da», sagt Kambundji. Sie träumt nicht von Medaillen, nicht einmal vom Final der Top 8.

Sie spreche bewusst vom Halbfinal als primäres Ziel – das wären die 24 schnellsten Sprinterinnen der Welt: «Es kommt mir nicht auf die Rangierung, sondern darauf an, dass ich meine bestmögliche Leistung abrufen und eine schnelle Zeit laufen kann. Immer, wenn ich von höheren Zielen gesprochen habe, kam das nicht gut heraus für mich.»

Es deutet vieles darauf hin, dass Kambundji ein Exploit eher über 100 Meter zuzutrauen ist. «Dort weiss ich, wo ich stehe, während die 200 Meter mich in Amsterdam eher verunsichert haben», sagt sie. «Aber abschreiben würde ich mich für jenes Rennen trotzdem nicht.»

Ein Abendmensch

Ein wichtiger Faktor stimme: «Die Freude! Ich freue mich aufs Rennen. Ich freue mich, im olympischen Dorf zu sein, wo die besten Sportler der Welt sind. Das ist beeindruckend, auch wenn ich es schon in London erlebt habe.»

Sogar im für viele Athleten irritierenden Zeitplan in Rio (ihr Vorlauf über 100 Meter startet um 9.30 Uhr, jener über 200 Meter um 22.40 Uhr) sieht sie ebenfalls einen Grund, erfreut vorauszublicken.

Sie sagt: «Ich hätte es zwar lieber, wenn alles zu ähnlichen Zeiten wäre. Aber so spät wie über 200 Meter bin ich noch nie ein Rennen gelaufen. Und ich bin ein Abendmensch. Ich mache mir darum nicht allzu viele Sorgen.»

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