Tristesse und Sorgen in Mailand

Morgen ab 20.45 Uhr ist Derbyzeit im Stadion San Siro in Mailand. Während Inter bei einer Niederlage die Titelträume wohl definitiv aufgeben muss, kam es bei Milan unter der Woche zu Hausdurchsuchungen durch die Finanzpolizei.

Lukas Plaschy/Rom
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FUSSBALL. In den kalten Wintermonaten sucht man in Mailand die Sonne vergebens. Dichter Nebel und stickiger Smog gehören zum Alltag in der lombardischen Finanzmetropole. Triste Stimmung herrscht aktuell auch bei den beiden Serie-A-Clubs der Domstadt. Inter holte aus den vergangenen fünf Spielen nur fünf Punkte und fiel auf den vierten Rang zurück. Der Traum vom «Scudetto» ist wohl ausgeträumt, die beiden Spitzenreiter Napoli und Juventus sind derzeit entrückt. Die «Nerazzurri» wirken momentan wie ein Orchester, in dem nur Solisten spielen. Technisch begabte Einzelspieler wie der Kroate Ivan Perisic oder Captain Mauro Icardi können Spiele nicht mehr wie zu Beginn der Saison alleine entscheiden.

In der Hinrunde beeindruckte das Team mit einer unglaublichen Effizienz und gewann neun Partien 1:0, darunter auch das erste Derby. Mitschuld an der momentanen Baisse trägt auch Trainer Roberto Mancini; in 21 Meisterschaftsspielen stellte er 20mal die Mannschaft um.

Fehlende europäische Reife

Mit ihren 33 Punkten hat die AC Milan vor dem Derby bereits acht Punkte Rückstand auf den Stadtrivalen. Der sechste Platz würde momentan nicht einmal für die Europa-League-Qualifikation reichen, das neue Minimalziel der Clubleitung. Mit Carlos Bacca kann Trainer Sinisa Mihajlovic zwar immerhin auf einen Weltklassestürmer zurückgreifen. Der Kolumbianer erzielte bisher zehn Treffer. Trotzdem gewann Milan in den vergangenen elf Partien nur dreimal. Zudem lässt das 1:0 im Halbfinal-Hinspiel gegen das drittklassige Alessandria an der europäischen Reife des siebenfachen Champions-League-Siegers zweifeln.

Die Verunsicherung hat jetzt sogar die Chefetage der «Rossoneri» erreicht. War die AC Milan in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten neben Juventus Turin der wohl bestorganisierte Verein der Serie A, hat sich auch wegen dem erlahmenden Interesse von Besitzer und Geldgeber Silvio Berlusconi die Fehlerquote erhöht. Der brasilianische Stürmer Luiz Adriano war letzte Woche bereits nach China verkauft, als der Deal wegen fehlender Garantien der Chinesen doch noch platzte. Divergenzen zwischen Berlusconis Tochter Barbara und dem alteingesessenen Manager Adriano Galliani, welche sich die operativen Aufgaben teilen, häufen sich. Seit Monaten verhandelt Patron Berlusconi zudem mit einem asiatischen Konsortium über einen Anteilverkauf – bisher ohne Ergebnis.

Galliani unter Beschuss

Zusätzliche Unruhe ins Mailänder Ambiente brachte diese Woche die Meldung um einen neuen Steuerskandal. In der so genannten Operation «Fuorigioco» ermittelt die Staatsanwaltschaft Neapel gegen insgesamt 64 Personen und 41 italienische Clubs. Den Beschuldigten wird vorgeworfen, Erträge aus Spielerverkäufen nicht korrekt deklariert und damit Steuern hinterzogen zu haben. Ins Visier der Ermittler geriet auch Milan und der für die Transfers verantwortliche Galliani. Die Polizei stellte am Club-Hauptsitz Material sicher und beschlagnahmte Besitztümer im Wert von zwölf Millionen Euro. Geschäftsführerin Barbara Berlusconi erklärte am Donnerstag in einer Medienkonferenz, es handle sich bei den Ungereimtheiten nur um «geringe Beträge». Man mache sich keine Sorgen. Auch der Präsident des italienischen Fussballverbands, Carlo Tavecchio, versprach, mit den Behörden zu kooperieren. Er betonte jedoch, dass die Profivereine pro Jahr über eine Milliarde Euro Steuergelder an den Fiskus überweisen würden.

Der für die Sportjustiz des italienischen Verbands verantwortliche Generalstaatsanwalt Stefano Palazzi verlangt nun Akteneinsicht. Er will abklären, ob auch sportjuristisch ein Verfahren eröffnet werden könnte.

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