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TRANSFERS: Vom Helden zum Verräter

Wütende Anhänger, enttäuschte Trainer, sprücheklopfende Mitspieler – ein Clubwechsel kann für einen Spieler zur mentalen Herausforderung werden. Vor allem im Eishockey, wo die Transfers jeweils mitten in der Saison bekannt werden.
Sergio Dudli
Bei einem Transfer zieht der Spieler den Zorn der Anhänger auf sich – und auch der Trainer ist enttäuscht. (Bild: Illustration: Patric Sandri)

Bei einem Transfer zieht der Spieler den Zorn der Anhänger auf sich – und auch der Trainer ist enttäuscht. (Bild: Illustration: Patric Sandri)

Sergio Dudli

Als die Spieler das Eis betreten, ertönt auf den Rängen ein gellendes Pfeifkonzert. Im Fansektor wird ein Transparent ausgebreitet, auf dem ein eigener Akteur als Judas beschimpft wird. Gegen ihn richten sich die negativen Emotionen. Die Bekanntgabe eines Transfers in der laufenden Saison stellt den Spieler vor eine harte Probe – vor allem im mentalen Bereich. Wie schafft es ein Profi in einer solchen Situation, sich auf den Sport zu konzentrieren?

Die Frage stellt sich bereits zu einem früheren Zeitpunkt – nämlich beim ersten Angebot eines anderen Clubs. Sportpsychologe Robert Buchli war sechs Jahre lang bei einem NLA-Eishockeyclub tätig. «Bekommt ein Spieler ein Angebot, ist das, wie wenn man einkaufen geht und vor der Wahl steht: Cola oder Cola Zero?» Es setze ein Prozess des Abwägens ein, währenddem es schwierig sein kann, ­fokussiert zu bleiben. «Mit dem Unterschied, dass ein Spieler trotzdem spielen und Leistung bringen muss.» Sobald der Wechsel über die Bühne ging, falle diese Last ab. «Dann kann ein positiver Effekt eintreten, da der Spieler wieder finanzielle und sportliche Sicherheit hat.» Dass ein solcher Effekt eintreten kann, bestätigt Samuel Walser. Der 25-Jährige wechselt in der kommenden Saison von Davos zu Fribourg. «Nach der Vertragsunterzeichnung fiel viel Druck von mir ab.» Die vergangenen beiden Jahre seien für ihn nicht optimal verlaufen, daher habe er eine neue Herausforderung gesucht – und gefunden. Auch für Kloten-Trainer Kevin Schläpfer ist der Effekt spürbar. «Ich glaube, dass ein Spieler während der Verhandlungen eher aus dem Tritt kommt. Ist der Transfer durch, kann er sich wieder auf den Sport konzentrieren.»

«Der Spieler kriegt einen Stempel»

Mit einem kommunizierten Wechsel lösen sich die Probleme aber nicht in Luft auf. Eine zentrale Rolle nehmen in der Folge die Anhänger ein. «Wechselt ein Spieler den Verein, ist das für sie wie eine Trennung: Sie verlieren etwas, vom dem sie dachten, dass es zu ihnen gehört», sagt Buchli, der in Bern für die Sport Psychologie Wetzel GmbH arbeitet. Und ergänzt: «Die Konsequenz bei einer Trennung ist Enttäuschung.» Diese entlade sich dann auf den Spieler. Nicht selten kommt es vor, dass die Menschen im Stadion ihren Emotionen freien Lauf lassen. Vor allem bei schwachen Leistungen des betroffenen Spielers werden Vorwürfe laut. «Der ist mit dem Kopf schon beim neuen Club», heisst es dann. Luca Hischier, der bei Tabellenführer Bern spielt und nächste Saison zu Davos wechselt, lassen solche Vorwürfe kalt. «Es kommt immer wieder vor, dass du mit solchen Aussagen konfrontiert wirst. Aber wenn ich schlecht spiele, liegt es nicht daran, dass ich wegen des Wechsels mit dem Kopf nicht bei der Sache bin.» Er freue sich auf seine neue Aufgabe, könne das aber völlig ausblenden.

Verständnis für die Reaktionen der Anhänger hat Trainer Schläpfer. Es sei menschlich, enttäuscht zu sein. «Zudem ist es ein gutes Zeichen für den Spieler, denn es zeigt, dass er gute Arbeit geleistet hat.» Sportpsychologe Buchli hält derweil fest, dass die sehr guten Spieler verstehen, dass es sich bei den Reaktionen der Anhänger um einen normalen Mechanismus handelt. «Wichtig ist, dass sich der Spieler keinen Druck macht und meint, dass er sich beweisen muss.» Dafür müsse er sich bewusst sein, dass er ­einen Stempel trägt. Als Vergleich nennt der zweifache Familienvater ein Beispiel aus der Arbeitswelt. «Klaut ein Lehrling Geld aus der Kasse, schauen die Menschen ­jedes Mal skeptisch, wenn er wieder mit Geld in Berührung kommt.» So ähnlich sei es im Eishockey bei einem angekündigten Clubwechsel, weil das Vertrauen in den Spieler verloren gehe. «Die Wahrnehmung, dass ein Spieler jetzt nicht mehr alles gibt, weil er bald irgendwo anders sein wird, hat eine grosse Kraft.» Sei dies dem Spieler bewusst, könne er besser mit den Reaktionen umgehen.

Angst davor, dass einer seiner Akteure aufgrund eines Wechsels nicht mehr alles gibt, hat Kloten-Trainer Schläpfer nicht. «Es ist eine Charakterfrage, die ich nicht beeinflussen kann. Aber ich appelliere an den Spieler, dass er alles gibt, solange er hier ist.» Dennoch gibt der Mann hinter der Bande des Tabellenletzten zu, dass es für ihn nicht einfach ist, wenn während der Saison mehrere Spieler ihre Abgänge vermelden. «Vor allem bei der Situation hier in Kloten. Aber Jammern bringt nichts, als Trainer musst du nach vorne schauen.» Eine wichtige Rolle im Umgang mit Transfers nehmen gemäss der Meinung des Sportpsychologen Buchli die Medien ein. Dies vor allem dann, wenn ein Akteur gegen seinen zukünftigen Verein spielt. «Medien haben ein Interesse daran, dass die Angelegenheit emotional wird und der Spieler hartes Brot essen muss.» Dadurch entstehe die Gefahr, dass die Berichterstattung manipulativ werde. Stürmer Walser, der nach fünf Jahren in Davos zu Fribourg wechseln wird, glaubt, dass dieses Problem durch die frühe Bekanntgabe der Wechsel im Eishockey verschärft wird. Walser wäre deshalb für eine Annäherung an den Fussball. «Ich würde es gut finden, wenn Verträge nur in einer gewissen Zeitspanne ausgehandelt und kommuniziert werden.»

Eishockey unterscheidet sich dahingehend von anderen Sportarten, dass die Transfers während der Saison bekanntgegeben werden – und nicht wie beispielsweise im Fussball in fest datierten Zeitspannen. «Eine Änderung der jahrelangen Praxis, wie wir sie im Eishockey kennen, ist nicht absehbar», sagt Janos Kick, Medienchef beim Schweizer Eishockeyverband. Die aktuelle Methode habe den Vorteil, dass die meisten Transfers vor dem Playoff kommuniziert werden. «Einen Transfer bis Ende Saison unter dem Siegel der Verschwiegenheit zu halten, ist praktisch unmöglich», so Kick. Bern-Stürmer Hischier hingegen zeigt Verständnis für das aktuelle System. «Die Clubs haben ein Interesse dar­an, früh Klarheit zu haben, um die nächste Saison zu planen.»

Wörter auf Handschuhen als mentale Hilfe

Im Umgang mit den mentalen Herausforderungen als Profi haben sowohl Walser als auch Hischier Erfahrungen mit Fachkräften gemacht. «Ich arbeite mit einer Mentaltrainerin. Wir analysieren Spiele, sprechen über meine Gefühlslage und arbeiten an der Denkweise», sagt Walser. Er glaube, dass solche Dinge unterschätzt werden. «Wir sind Profis und können mit Druck umgehen – aber manchmal regt dich etwas auf oder bringt dich im Spiel aus dem Tritt, da helfen Tricks wie Atemübungen oder Worte, die ich auf meine Handschuhe geschrieben habe.»

Hischier verzichtet auf solche Hilfe. Bern hatte zwar vor zwei Jahren einen Mentaltrainer, als man nur knapp das Playoff erreichte und dann doch noch Meister wurde. «Das fand ich gut, aber ich kann mit Personen aus meinem Umfeld besser über Probleme sprechen.» Ansprechpersonen ausserhalb des Eishockeys nehmen laut Psychologe Buchli eine wichtige Rolle ein. «Sie helfen dem Spieler, sich mental vom Sport zu distanzieren. So kann negative Energie abgeladen und neue getankt werden.» Letztlich sei dies auch das Ziel, welches er als Fachperson verfolge.

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