TRAINERWECHSEL: Alles anders innert 36 Stunden

Der FC St. Gallen trennt sich von Joe Zinnbauer nicht nur aus sportlichen, sondern auch aus wirtschaftlichen Gründen. Sponsoren drohten abzuspringen, und der Saisonkartenverkauf läuft schlecht.

Patricia Loher
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St. Gallens früherer Meisterstürmer Giorgio Contini hat einen Vertrag bis Sommer 2018 unterschrieben. (Bild: Hanspeter Schiess)

St. Gallens früherer Meisterstürmer Giorgio Contini hat einen Vertrag bis Sommer 2018 unterschrieben. (Bild: Hanspeter Schiess)

Patricia Loher

Als Joe Zinnbauers Stunden gezählt waren, liess sich der FC St. Gallen auf keine Spielchen ein. Präsident Dölf Früh, der dem Deutschen so lange treu zur Seite gestanden hatte, und Sportchef Christian Stübi informierten den Trainer. Sie sagten: «Joe, wir beginnen, uns nach einem Nachfolger umzusehen.» Das war am Dienstagmorgen. Nach einem Tag also, an dem trotz der fünften Niederlage in Serie lange nichts darauf hingedeutet hatte, dass in die Trainerfrage Bewegung kommen könnte. Doch plötzlich ging es schnell. Man traf sich mit Pier­luigi Tami, mit Giorgio Contini und mit zwei weiteren Kandidaten. Es sickerte durch, dass sich Stübi, Früh und Tami in Uzwil getroffen hatten. Als die Wahl von Früh und Stübi schliesslich auf den ehemaligen Vaduz-Coach Contini gefallen war, stellten sie im Verwaltungsrat den Antrag auf die Freistellung Zinnbauers und die Anstellung Continis. «Der Entscheid war einstimmig», sagt Früh.

Am Mittwochabend war über das Schicksal von Zinnbauer nach eineinhalb wenig erbaulichen Jahren entschieden, besiegelt innerhalb von 36 Stunden. Am gleichen Tag hatte er mit seinen Spielern noch auf dem Platz gestanden. An der Medienkonferenz sagt Früh: «Contini ist unser Wunschkandidat.»

«Joe hatte keinen Kredit mehr, das war nicht mehr zu reparieren»

Aber Früh sagt ebenfalls, so wie Zinnbauer sei auch er der Überzeugung, dass man die nötigen Punkte auch ohne Wechsel noch geholt hätte. Am Ende aber war vor allem der Druck der Öffentlichkeit und der Sponsoren zu gross. Anscheinend drohten Geldgeber mit dem Ausstieg, auf der Geschäftsstelle trafen Hunderte Briefe von empörten Anhängern ein. Und trotz fast schon verzweifelt gerührter Werbetrommel lief der Saisonkartenverkauf so schlecht an wie schon lange nicht mehr. «Wir haben aus sportlichen, aber auch aus wirtschaftlichen Gründen gehandelt», so Früh, der sein Amt im Mai gesundheitsbedingt abgeben wird. «Joe hatte keinen Kredit mehr, und das war nicht zu reparieren.»

Freigestellt wurde auch Assistenztrainer Daniel Tarone, dessen Vertrag noch im März bis Sommer 2018 verlängert worden war. Man habe einen kompletten Neubeginn gewollt, so Stübi. «Tarone hat all die Vorgeschichten gekannt. Es hätte nichts gebracht, wenn er geblieben wäre», so Stübi. Tarone war seit 2011 Assistenzcoach in St. Gallen. Interimsweise ist nun Kristijan Djordjevic, Trainer von St. Gallens U21-Equipe, für vier Wochen Continis Assistent. Die 1.-Liga-Mannschaft wird bis zum Saisonende von Marco Otero, Technischer Leiter des Nachwuchses, und Assistent Aydemir Demir geleitet, ehe auf die neue Saison eine interne Lösung gesucht wird.

Somit ist das Kapitel Zinnbauer an der Seitenlinie des FC St. Gallen abgeschlossen. Der Deutsche, der am 1. Mai seinen 47. Geburtstag gefeiert hat, verfügt noch über einen Vertrag bis 2018. Er bleibt, so wie Tarone, bis dann auf der Lohnliste, sofern er keine neue Arbeitsstelle findet. Zinnbauers Bilanz in der Ostschweiz spricht Bände: Von den 58 Pflichtspielen in der Super League hat er nur 16 gewonnen, aber 28 verloren.

Früh lobt Zinnbauer für Professionalisierung des Umfelds

Auf Hochs folgten immer wieder Tiefs. Nach einem hoffnungsvollen Herbst und einem schwungvollen Beginn der Rückrunde haben die Ostschweizer von den zwölf Partien dieser zweiten Saisonhälfte sechs verloren und nur zwei gewonnen. Damit ist St. Gallen das schlechteste Rückrundenteam. Der Vorsprung auf den letzten Rang beträgt sechs Runden vor Schluss fünf Punkte, noch im März war dieser doppelt so gross gewesen. Zuletzt, nach sieben sieglosen Partien in Serie, waren die Zweifel so gross wie noch nie, ob es Zinnbauer noch einmal schaffen würde, die Mannschaft aus dem Loch zu coachen. Zumal sich die Anzeichen verdichtet hatten, dass sein Rückhalt im Team nicht mehr eben gross war. Die vielen, teils schwer nachvollziehbaren Wechsel lösten Verunsicherung aus.

Doch noch einmal unterstrich Präsident Früh, weshalb er sich so lange schwergetan hat, die Reissleine zu ziehen. «Zinnbauer hat gut gearbeitet und mitgeholfen, das Umfeld zu professionalisieren. Wir sind unglücklich, aber so läuft das Geschäft.»