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TRAINER: Kleiner Giorgio, grosser Giorgio

Mit dem FC St. Gallen wurde Giorgio Contini als Spieler im Jahr 2000 Schweizer Meister. Deshalb glauben alle, ihn zu kennen. Gewiss ist die Geschichte des 43-Jährigen eng mit der Ostschweiz verknüpft. Doch da bahnt sich einer beharrlich seinen eigenen Weg.
Christian Brägger
Giorgio Contini: «Ich weiss, wie die Spieler ticken. Auch ich hatte meine Macken.» (Bild: Benjamin Manser)

Giorgio Contini: «Ich weiss, wie die Spieler ticken. Auch ich hatte meine Macken.» (Bild: Benjamin Manser)

Christian Brägger

Man stelle sich Giorgio Contini als Boxer vor. Wie er das Gesicht und den kahlen Schädel mit Vaseline eingesalbt hat. Und im Ring um seinen Gegner tänzelt, der ihn natürlich überragt. Der «Kleine» führt mit der Linken aus der sicheren Deckung heraus, manchmal macht er sich gross und setzt Akzente mit der Rechten. Bei Gegenangriffen weicht er wieselflink aus. Dann plötzlich erwischt der mit ­allen Wassern gewaschene, etwas unterschätzte Contini den Rivalen auf dem falschen Fuss. Und schickt diesen mit einer sagenhaften Rechts-links-rechts-Kombination auf die Bretter. Das alles mag vielleicht abwegig klingen. Ist es aber nicht. St. Gallens Trainer Giorgio Contini hätte durchaus im Boxsport landen können. Wie sein Vater, Giorgio senior, 1972 Schweizer Meister im Mittelgewicht. Später als Trainer hatte dieser seinen Sohn ins Boxen eingeführt, doch es sollte nicht sein, der Sport reizte nicht. «Mein Vater hat das nicht forciert, es ist ja nicht unbedingt gesund», sagt Giorgio junior, der mehr dem Tennis zugetan war. Und vor allem dem Fussball. Giorgio Continis Eltern, ein Nord­italiener und eine Leccese, waren in den 1960er-Jahren der Arbeit wegen ins Land gekommen. Sie liefen sich in Zürich über den Weg, verliebten sich, heirateten, die Tochter kam auf die Welt. Zwölf Jahre später gebar die Mutter ein zweites Kind, einen Knaben, der natürlich Giorgio heissen musste. Das war 1974. Weil Mutter und Vater die italienischen Papiere hatten abgeben müssen, um eingebürgert zu werden, besass auch der Bub den Schweizer Pass. Dennoch sagt dieser stolz: «Ich bin ein klassischer Secondo.» Wohlbehütet wuchs der Nachwuchs in Veltheim in der Nähe Winterthurs auf, der kleine Giorgio wurde als Nachzügler ein wenig verhätschelt, er hatte eine schöne Jugend und viel Sport im Kopf. Doch weil die Noten in der Schule nicht überragend waren, musste sich der Bub auf den Fussball ­beschränken.

Morgens um halb sechs nach Zürich

Die Lehre absolvierte Contini beim Schweizerischen Kaufmännischen Verband in Zürich, daneben spielte er bereits als 16-Jähriger leihweise bei den Young Fellows in der 1. Liga. Doch der FC Winterthur wollte ihn zurück, weshalb Contini fortan morgens um halb sechs den Zug nach Zürich nahm, um abends rechtzeitig im Training der ersten Mannschaft zu sein. «Meine Eltern haben mich zu einem pflichtbewussten Menschen erzogen, sie lebten das selbst vor.» Sie hätten alles für ihn getan, ihn neben ihrer Arbeit überallhin gefahren für seinen Sport. «Sie waren ständig unter Strom.» Ob das gut oder schlecht war, mag Contini nicht beurteilen. Aber es prägte. «Ich bin deswegen ein Gerechtigkeitsfanatiker geworden. Einer, der wohl schneller sagt, etwas sei nicht fair.» Wie die Eltern trage er es in sich, immer zu arbeiten, nicht zurückzulehnen, alles zu geben. Heute ist Contini selbst ­verheiratet, und es sind die ähnlichen Werte, die er seinen Mädchen Leona und ­Alessia vermittelt. Auch die Zeit im Fussballgeschäft hat Contini geprägt. Da war dieser unglückliche Abstecher nach Luzern, als der Profi 2001 nach dem finanziellen Kollaps des Klubs stempeln ging und Existenzängste ihn plagten. Und vor allem war da der FC St. Gallen, für den er davor fünf Jahre lang gespielt hatte. Es war die beste Phase der Aktivkarriere, in der er im Februar 2001 gar zu einem Länderspiel mit der Schweiz kam. Was wiederum viele Leute ungläubig die Augen reiben liess; denn als Stürmer war Contini keineswegs ein Überflieger. Und dennoch: Seine Geschichte ist deswegen so sehr und so stimmig mit St. Gallen verbunden, weil er in der Saison 1999/2000 ebenfalls in jenem Wagen sass, der als erster über die Ziellinie fuhr. «Die ganze Stadt war damals in einer ganz anderen Sphäre. Es war Flugzeit, nicht nur für den FC St. Gallen, sondern für die ganze Ostschweiz.» Es sei nicht so einfach gewesen, auf dem Boden zu bleiben, auch weil es so viele Einflüsse gab. «Gerade im Wissen, wie es damals war, verstehe ich heute die Sehnsüchte der Leute.»

Contini war als Spieler ein Spassvogel

Er habe Contini als Spassvogel kennen gelernt, sagt die St. Galler Clublegende Marc Zellweger, ebenfalls Exponent jener Meistermannschaft. Als einen, der auch Seich machte. «Er war zugänglich, immer gut drauf, ein positiver Typ. Vor allem half es auch, dass er das Tor manchmal traf. Zudem hat er damals seine Ersatzrolle vollends akzeptiert.» Privat habe sie trotz Fahrgemeinschaft aus Winterthur wenig verbunden, und dass Contini später einmal Coach werden würde, sei zu jener Zeit nicht wirklich ­absehbar gewesen, sagt Zellweger.

Doch genau das ist Contini geworden. Ein Trainer. Vom Beruf des Fussballers zog er sich als 30-Jähriger relativ früh zurück, ein Leben in der Privatwirtschaft sollte folgen. Nur, der Fussball lockte weiter, und so bekleidete er alsbald das Traineramt der U21 des FC St. Gallen. Doch es gab Unruhen im Verein, und auch Contini wurde geopfert. Der Gang auf Arbeitsamt folgte nur deswegen nicht, weil er im Trainerkurs in Magglingen Murat Yakin traf. Und dieser ihn als Assistent mit nach Luzern nahm. «Wir hatten eine gute Zeit. Er kam vom defensiven Part, ich vom offensiven. Mich beeindruckt, wie ruhig und mutig Murat bleibt, wenn es eng wird», sagt Contini. Später war das familiäre Vaduz die ideale Versuchsanlage, zu jenem Coach heranzureifen, der er heute ist. Viereinhalb Jahre blieb er bei den Liechtensteinern, am Schluss endete die Zusammenarbeit, weil sich beide Parteien neu ausrichten wollten. Der Profi Philipp Muntwiler, den Contini in Vaduz, Luzern und St. Gallens U21 trainierte, sagt: «Contini hatte stets ein offenes Ohr für uns ­Spieler. Er lässt Inputs zu, man kann offen und ehrlich seine Meinung sagen. Das ist nicht selbstverständlich. Und in all den Jahren hat er sich als Mensch überhaupt nicht verändert.» Heute arbeite Contini wohl fokussierter, doch stehe die Freude am Fussball immer an vorderster Stelle.

Gibt es den Karriereplan?

Beim FC St. Gallen bestätigt Contini das Bild, das Muntwiler zeichnet. Zwar kann der selbstbewusste Coach misstrauisch sein, wenn man ihm mit Misstrauen begegnet. Oder er sein Projekt torpediert sieht. Unter den Spielern gilt der 43-Jährige als zugänglich. Als einer, der Fehler zulässt, mutige Spieler mit Selbstvertrauen will. Contini pflegt einen respektvollen, eher kumpelhaften Umgang. Er setzt auf natürliche Autorität, auf gegenseitiges Vertrauen. Und er will alle Kadermitglieder ins Boot holen. «Ich weiss, wie die Spieler ticken, auch ich hatte meine Macken. Sie brauchen manchmal Erklärungen, um das ganze Projekt zu verstehen. Um dann zu brennen, wenn sie auf dem Feld stehen.» Dass er in St. Gallen nur bis 2018 unterschrieben habe, sei einfach so gekommen. Er sagt, es brauche eine gewisse Demut im Job, nicht nur auf der sicheren Seite stehen zu wollen. «Am Schluss ist immer das herausgekommen, was ich mir erarbeitet habe.» Natürlich strebe man nach Besserem, Grösserem. Irgendwann werde auch der FC St. Gallen vorbei sein, «die Deadline gesetzt». Noch sei es längst nicht so weit.

Continis Geschichte ist nicht jene des Tellerwäschers, dafür stand der Zürcher wegen seiner Beharrlichkeit schon immer eher auf der Sonnenseite des Lebens. Aber es ist die Geschichte eines Menschen, der viel in sich investiert hat. Der es mit Willen, Gespür und Ehrgeiz zu diesem nächsten Etappenort als Trainer des FC St. Gallen geschafft hat.

Giorgio Contini wohnt heute in Niederbüren. Er liebt es, mit der ganzen Familie und den beiden Hunden spazieren zu gehen. Es sind Boxerhunde.

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