Tokio 2021
Als wäre die Pandemie überwunden: Wie Tokio um jeden Preis Olympische Spiele veranstalten will

Die Organisatoren von Tokio suggerieren Normalität. Doch die Mehrheit der Japaner will vom Grossanlass im Juli nichts mehr wissen.

Felix Lill
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Die Spiele von Tokio gehen jetzt ihren Weg. Mitte Dezember bestätigte das japanische Organisationskomitee, dass der Fackellauf der um ein Jahr verschobenen Grossveranstaltung wie zuvor erneut geplant ist. 859 Orte und damit jede der 47 Präfekturen des ostasiatischen Landes werden mit dem brennenden Stäbchen durchquert. 10'000 Menschen werden die Fackel tragen, am 25. März soll es im zehn Jahre zuvor von einem Tsunami, Erdbeben und einer Reaktorkatastrophe beschädigten Fukushima losgehen. Am Abend des 23. Juli findet die Fackel dann ihren Weg ins Tokioter Olympiastadion, wo die Spiele damit eröffnet wären.

Die olympischen Ringe leuchten beim Tokioter Odaiba Marine Park.

Die olympischen Ringe leuchten beim Tokioter Odaiba Marine Park.

Bild: Kimimasa Mayama/Keystone (1. Dezember 2020)

Nicht nur dieses Vorhaben klingt seltsam normal in einer Zeit, in der auch in Japan wieder täglich die Infektionszahlen mit Covid-19 rasant ansteigen. Die Organisatoren von «Tokyo 2020», das mittlerweile eigentlich zu «Tokyo 2021» geworden ist, bemühen sich auch ansonsten um ein möglichst hohes Mass an gefühlter Normalität. So wurde Mitte Dezember freudig verkündet, dass die olympische Marathonstrecke in Sapporo nun genehmigt ist – während auf der Nordinsel Hokkaido, deren Hauptstadt Sapporo ist, die führende Ärztevereinigung gerade den pandemiebedingten Ausnahmezustand erklärt hat.

In diesem schwierigen Spannungsfeld bewegen sich die Veranstalter der grössten Sportveranstaltung der Welt schon das gesamte Jahr über: Auf der einen Seite steht das ökonomische und politische Interesse, auf dem ganzen Globus bewunderte Spiele zu präsentieren. Für das Internationale Olympische Komitee (IOC) sind die nur alle zwei Jahre stattfindenden Sommer- und Winterspiele die einzige nennenswerte Einnahmequelle, sodass ein Ausfall finanziell zu Milliardenverlusten führen würde. Andererseits steht die Pandemie – zumal bei diesem globalsten aller Sportevents, zu dem Athleten aus jedem Land kommen – der Idee einer sicheren Durchführung klar im Weg.

Organisatoren wollen gefüllte Stadien

Dieser Konflikt gilt bei Olympia besonders. Das IOC präsentiert sich schliesslich als Hüter universeller Werte von Fairness, Respekt und Hoffnung. Gern wird auch die Parallele zwischen Sport und Gesundheit gezogen. Im Fall der Pandemie aber wollten ausgerechnet das IOC und die Tokioter Organisatoren wochenlang nicht wahrhaben, dass gerade die Veranstaltung ihres Events die globale Gesundheit gefährdet hätte. Die Verschiebung um ein Jahr wurde Ende März erst dann beschlossen, als mehrere nationale olympische Komitees verkündet hatten, dass sie im Jahr 2020 keine Athleten entsenden würden.

Seither haben die olympischen Organisationen mehrmals ihre Kommunikationsstrategie geändert. Zwar hiess es vordergründig von Anfang an, Sicherheit und Gesundheit haben oberste Priorität. Doch jenseits dieser kaum überraschenden Aussage wurden immer wieder unterschiedliche Botschaften in die Welt gesandt. Zuerst beteuerte die japanische Regierung, dass es ohnehin keine Verschiebung gebe. Dann wollte man partout nicht, dass die Stadien leer bleiben würden, auch wenn das vielleicht sicherer wäre. Als man die im Frühjahr gesetzte Frist, ob «Tokyo 2020» nun im Sommer 2021 stattfinden werde, im Oktober erreicht hatte, blieb man über mehrere Wochen kleinlaut.

Und nun, wo das neue vermeintliche Olympiajahr 2021 anbricht, übt man sich in der Verkündung von Normalität. Neben den Ankündigungen zum Fackellauf und der Marathonstrecke hörte man zuletzt auch, dass sich möglichst alle Athleten auf freiwilliger Basis impfen sowie alle drei bis vier Tage getestet werden sollen. Und dass es weiterhin beim Plan gefüllter Stadien bleibe. Es wirkt, als wäre die Pandemie, deren Infektionszahlen auf globalem Niveau weiterhin rasant steigen und in der Impfstoffe auf absehbare Zeit Mangelware bleiben, quasi schon überwunden.

Diese mittlerweile wieder offensivere Kommunikationspolitik könnte den Organisatoren noch auf die Füsse fallen. Denn in Japan ist die einst schier unerschütterliche Euphorie für Olympia schon lange verflogen – und bis jetzt deutet wenig daraufhin, als könnte sie noch einmal wiederkommen. Eine Umfrage des öffentlichen Rundfunksenders NHK ergab im Dezember, dass nur 27 Prozent dafür sind, Olympia im Jahr 2021 in Japan steigen zu lassen. Seit Monaten ist eine Mehrheit der Befragten höchst olympiaskeptisch.

2,4 Milliarden US-Dollar Zusatzkosten

Neben der Pandemielage sorgen besonders die finanziellen Umstände für Unmut. Die Organisatoren von «Tokyo 2020» haben jahrelang behauptet, die Spiele würden die Steuerzahler in Japan kein Geld kosten. Was von Anfang an eine kreative Auslegung der Fakten war, hat sich mit dem Ausbruch der Pandemie als besonders wenig wahrheitsgetreu herausgestellt. Derzeit wird von Zusatzkosten in Höhe von zumindest 2,4 Milliarden US-Dollar (rund 2,11 Milliarden Franken) ausgegangen, was noch einmal mehr als einem Drittel des ursprünglich geplanten Budgets entspricht. Diese Kosten werden letztendlich zu einem Grossteil auf die japanische Öffentlichkeit abgewälzt.

Im Land zeigen sich die Probleme dieser Entwicklung schon jetzt. Mehrere der sogenannten «Host Towns», die hundertfach quer über Japan verstreut Athletendelegationen für Trainingslager und andere Aktivitäten beherbergen und unterstützen sollen, überdenken nun, angesichts der auch für sie gestiegenen Kosten, ihr Programm. Die «Host Town Initiative» sollte japanweit in rund 500 Orten die grosse Begeisterung für Olympia verkörpern. Nun wirkt es auch hier zusehends so, als würden die Tokioter Organisatoren eine Party veranstalten, bei der in Japan immer weniger mitfeiern wollen.

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