Analyse zur am Sonntag beginnenden Moto2-Saison

«Töff-Vodoo», das Ende der Ausreden und das grösste Drama aller Zeiten

Tom Lüthi fährt mit einem eingespielten Team und Dominique Aegerter hat bei den Gebrüdern Kiefer perfekte Voraussetzungen, um seine Karriere neu zu lancieren – Ausreden gibt es in der neuen Saison für keinen der beiden mehr.

Klaus Zaugg
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Dominique Aegerter und Tom Lüthi fahren ab 2017 nicht mehr im gleichen Team.

Dominique Aegerter und Tom Lüthi fahren ab 2017 nicht mehr im gleichen Team.

Waldemar Da Rin/freshfocus

Alles ist vor dem ersten Rennen am Sonntag hergerichtet für ein grosses helvetisches Töffdrama. Dominique Aegerter (26) geht endlich wieder eigene Wege. Er ist aus der Zwangsjacke der Zweckgemeinschaft mit Tom Lüthi (30) nach zwei verlorenen Jahren befreit. Die Nähe seines einstigen Vorbildes hatte den charismatischen Rock’n’Roller gelähmt.

Nach zwei fünften WM-Schlussrängen stürzte er in der zweitwichtigsten Töff-WM auf die 17. (2015) und 12. Position (2016) ab. Zusätzlich bremsten ihn 2015 schwere Stürze und 2016 kam es schliesslich zum Eklat – das Team setzte ihn vier Rennen vor Schluss vor die Türe.

Weiche Faktoren spielen eine wichtige Rolle

Der Rennsport ist der Sport der Ausreden. Selbst in der Moto2-WM mit Einheitsmotoren und Einheitsreifen. Kein Fahrer gibt in dieser «Mach-Welt» zu, dass ihn «weiche» Faktoren wie Selbstvertrauen oder Angst bremsen. Aber Dominique Aegerter ist ein spektakuläres Beispiel dafür, wie sehr Rennsport im Kopf entschieden wird.

Die vordergründigen Schwierigkeiten mit der Abstimmung der Maschine, die tatsächlich entscheidend sind, haben ihre Ursachen letztlich im fehlenden Selbstvertrauen. Vieles, was wir von aussen ehrfürchtig als High-Tech wahrnehmen, ist oft nichts Anderes als «Voodoo». Wenn ein Fahrer im Training ratlos an die Box zurückkehrt und sagt, dies und das funktioniere nicht, er könne deshalb nicht schneller sein, verändern die Techniker manchmal gar nichts, sagen dem Fahrer aber, dies und das sei nun justiert – und auf einmal gelingen schnelle Rundenzeiten.

Die Sprache und die Maschine passen wieder

Dominique Aegerter hat nun keine Ausreden mehr. Bei den Gebrüdern Kiefer aus Deutschland ist die Teamsprache Deutsch (und nicht mehr, wie vorher, französisch oder englisch), er hat keinen Teamkollegen, den er als übermächtig empfindet und er darf wieder eine Suter fahren. Die Maschine, auf der er 2014 auf dem Sachsenring triumphiert hat. Gelingen ihm jetzt nicht regelmässige Klassierungen in den «Top Ten», dann ist seine Karriere zu Ende. Er muss sogar darauf achten, sich wenigstens als Nummer zwei in der helvetischen Töff-Hierarchie zu behaupten.

Jesko Raffin (21) ist drauf und dran, in seiner dritten WM-Saison den Schritt zum «Top-Ten» Piloten zu schaffen. Er ist jetzt Teamkollege von Tom Lüthi – und die Nähe zum Titanen wirkt auf ihn stimulierend, nicht lähmend. Weil niemand von ihm erwartet, Tom Lüthi herausfordern oder gar besiegen zu können.

Die mentale Verfassung ist ausschlaggebend

Tom Lüthi (30) kennt Dominique Aegerters Probleme nicht. Der mental «unzerstörbare» Emmentaler beherrscht die Kunst der totalen Konzentration viel besser als sein wilder Herausforderer, der an einem Tag mehr Zeit in die Präsenz auf sozialen Medien investiert als sein Rivale in einem Monat.

Wie zerbrechlich die Psyche der Asphaltcowboys ist, musste auch Tom Lüthi erfahren. Während der Zeit, als er Mitte der letzten Saison intensiv über einen Wechsel zu KTM verhandelte – es ging um das beste Angebot, das er je hatte – produzierte er, abgelenkt, zwei «Nuller» durch Stürze, die ihn am Ende den ersten Moto-2-Titel kosten sollten. Als er sich dann entschieden hatte, seinem bisherigen Team treu zu bleiben, dominierte er die Schlussphase der Saison mit zwei Siegen in den letzten vier Rennen.

Weltmeister Johan Zarco, Alex Rins und Sam Lowes, drei der ersten fünf der letzten WM sind in die Königsklasse aufgestiegen. Als WM-Zweiter rückt Tom Lüthi, ob er will oder nicht, in die Favoritenrolle. Seit der Einführung der Moto2-WM im Jahre 2010 hatten wir immer wieder diese Situation: die Stars, die Tom Lüthi vor der Sonne standen, stiegen auf. Aber es rücken junge Piloten nach, die er nicht im Schach halten kann.

Vorfreude auf die Duelle zwischen Lüthi und Aegerter

So wie Dominique Aegerter um die Fortsetzung seiner Karriere, so fährt Tom Lüthi 2017 um die vielleicht letzte Chance, zum zweiten Mal nach 2005 (125 ccm) Weltmeister zu werden. Und auch für ihn keine Ausreden mehr: Das technische Personal um Cheftechniker Gilles Bigot ist eingespielt, alle erdenklichen technischen Vorkehrungen sind getroffen.

Weil Tom Lüthi und Dominique Aegerter wieder getrennte Wege gehen, dürfen wir uns auf Zweikämpfe auf der Piste und auf verbale Auseinandersetzungen freuen – und in diesem Zusammenhang im «psychologische Kriegsführung» von Tom Lühti. Anders als sein Rivale hat er die Bedeutung von «Voodoo» in diesem Sport sehr wohl erkannt.