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Intersexuelle Athletinnen: Wenn Testosteron die Sportwelt spaltet

Chancengleichheit oder Diskriminierung? Das Sportgericht in Lausanne entscheidet, ob intersexuelle Athletinnen ihre Leistungsfähigkeit künstlich einschränken müssen, um als Frau starten zu dürfen.
Rainer Sommerhalder
Caster Semenya liess ihre Konkurrentinnen beim 800-Meter-Lauf im Letzigrund-Stadion in Zürich weit hinter sich. (Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone (Zürich, 30. August 2018))

Caster Semenya liess ihre Konkurrentinnen beim 800-Meter-Lauf im Letzigrund-Stadion in Zürich weit hinter sich. (Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone (Zürich, 30. August 2018))

Eine gerechte Lösung? Gibt es nicht. Denn es geht letztlich um ein moralisches Dilemma. Gegen Fairness im Sport ist niemand. Und gegen Menschenrechte erst recht nicht. Aber was, wenn sich die beiden Werte ausschliessen?

Der Internationale Sportgerichtshof (CAS) in Lausanne entscheidet in den nächsten Tagen, ob der Leichtathletik-Weltverband einen maximalen Testosteronwert für die Frauenkategorie einführen darf. Er erhebt diese Frage gleich selbst zu einem «der bedeutendsten Urteile» seiner 35-jährigen Geschichte. Experten vergleichen die Tragweite mit dem Bosman-Urteil im Fussball. Der Europäische Gerichtshof entschied 1995, dass Spieler nach Vertragsende den Klub ablösefrei wechseln können und dass eine Liga die Anzahl Ausländer nicht beschränken darf.

Seit drei Jahren ungeschlagen

Um was geht es diesmal? Frauen mit einem zu hohen Anteil des Sexualhormons Testosteron geniessen in vielen Sportarten gemäss wissenschaftlichen Studien einen entscheidenden Vorteil. Das Paradebeispiel aus der Leichtathletik ist die dreifache Weltmeisterin und zweifache Olympiasiegerin Caster Semenya aus Südafrika. Die 800-m-Läuferin ist intersexuell. Die 28-Jährige ist ohne Eierstöcke, dafür mit gegen innen gewachsenen Hoden auf die Welt gekommen. Diese produzieren ein Vielfaches des für Frauen üblichen Hormons Testosteron. Das macht sie für ihre Konkurrentinnen wie die Schweizerin Selina Büchel schier unbezwingbar. Seit 2016 hat Semenya über ihre Paradestrecke kein Rennen mehr verloren.

Seit die Südafrikanerin ab 2009 an internationalen Rennen startet – und gewinnt –, versucht die Leichtathletik, dieses Dilemma zu lösen. Man bot sie zum umstrittenen Sextest auf. Der damalige Generalsekretär des Weltverbandes setzte sich mit dem Satz «Es ist klar, dass sie eine Frau ist, aber vielleicht nicht zu 100 Prozent» in die Nesseln. Ein Startverbot für Semenya wurde schnell wieder aufgehoben.

Umstrittene Tests

Gerüchte über «falsche Frauen» im Starterfeld verfolgen die Leichtathletik seit Jahrzehnten. Den Höhepunkt der Diskriminierung erlebten die Athletinnen an den Europameisterschaften 1966 in Budapest, wo sich alle Starterinnen nackt vor Ärztinnen präsentieren mussten. Die Ankündigung dieses Verfahrens bewirkte, dass gleich fünf Weltrekordhalterinnen den Titelkämpfen fernblieben. Dieser Ansatz wurde ab den Olympischen Spielen 1972 in München zugunsten eines Chromatintests aufgegeben. 1200 Sportlerinnen wurden darauf getestet, ob in ihrem Blut etwas anderes als die für Frauen üblichen XX-Chromosomen zu finden ist. Drei Frauen bestanden den als unzuverlässig kritisierten Test nicht.

Die verzweifelte Suche nach einer fairen Lösung entwickelte sich in den letzten Jahren zur eigentlichen «Lex ­Semenya». Im Jahr 2011 führte der Leichtathletik-Weltverband die Hyperandrogenismus-Verordnung ein. Diese untersagte Sportlerinnen mit zu viel Testosteron, an Wettkämpfen teilzunehmen. Semenya musste ihren Testosteronspiegel mit Medikamenten senken. Während mehrere russischen Konkurrentinnen ihre körperlichen Leistungen damals mit Doping verbesserten, wurde Semenya der entgegengesetzte Effekt aufgezwungen. Sie war in der Folge mehrere Sekunden langsamer.

Die intersexuelle indische Sprinterin Dutee Chand legte 2014 beim Sportgericht Berufung gegen die Gültigkeit der Bestimmungen ein. Die Lausanner Richter setzten die Verordnung aus und verlangten vom Leichtathletikverband wissenschaftliche Beweise, dass hyperandrogene Frauen aufgrund ihrer höheren Testosteronspiegel tatsächlich einen Leistungsvorteil aufweisen. Im April 2018 veröffentlichte der Weltverband eine neue Verordnung auf Basis aktua­lisierter Studien. Nun war es Caster ­Semenya selber, die mit Unterstützung des südafrikanischen Landesverbandes Einspruch erhob.

Wie unterschiedlich die Wissenschaft das Thema bewertet, zeigt die Tatsache, dass Semenya und der Weltverband Mitte Februar mit je rund zehn Experten zur mehrtägigen Verhandlung nach Lausanne reisten. Neben dem erbitterten Streit der Wissenschaft über das Ausmass der Vorteile eines hohen Testosteronspiegels geht es in der hochkochenden Diskussion um grundsätzliche Fragen. Darf der Sport von Athletinnen verlangen, Pillen zu schlucken, um an Rennen zu starten? Gehört das Beispiel von Caster Semenya, die sich selber «zu 100 Prozent als Frau» fühlt, nicht einfach zur Vielfalt des Frauseins? Sind genetische Vorteile – Grösse im Basketball, Lungenkapazität im Langlauf oder schnelle Muskelfasern im Sprint – im Sport nicht überall ein entscheidender Faktor? Ist es zulässig, dass ein Sport­gericht entscheidet, wenn es um ein Menschenrecht geht?

«Ich habe keine Lösung für diese Frage»

Die Zerrissenheit innerhalb des Sports wird auch jüngst an einer Tagung in Lausanne deutlich. Mehr als 80 Sportlerinnen und Sportler aus verschiedensten Athletenkommissionen diskutierten über ihre Rechte im organisierten Sport. Nie waren die Stimmen der Athleten lauter als in diesen Monaten. Was aber sagen sie zum aktuellen Fall? Namentlich wollte sich niemand zitieren lassen, selbst wenn sich die Athletenvertretung der Leichtathletik für das Vorgehen ihres Verbandes ausgesprochen hatte. Ein Leichtathlet sagt:

«Ich weiss nicht, ob man Fairness im Sport wirklich über das Recht, eine Frau zu sei, stellen darf.»

«Ich habe keine Lösung für diese Frage», erwiderte der Vorsitzende einer weltweiten Athletenorganisation. Einzig Sprinterin Mujinga Kambundji sagte gegenüber Radio SRF: «Egal, wie die Lösung ausfällt – sie ist für jemanden unfair.»

Nun müssen also die Richter entscheiden. Auf der einen Seite steht die Ansicht, dass ihr Testosteronspiegel intersexuellen Athletinnen einen unnatürlichen und unfairen Vorteil bietet. Auf der anderen Seite das Argument, dass solche Vorteile nicht unfair, die Diskriminierung dieser Sportlerinnen aber ein klarer Verstoss gegen Würde und universelles Menschenrecht darstellen. Spätestens in einer Woche wird sich zeigen, ob das Sportgericht in der Lage ist, einen Ausweg zu finden.

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