TESTLAUF: Eine Premiere mit vielen Fragezeichen

Wenn heute die besten Jungprofis an den «Next Generation ATP Finals» in Mailand gegeneinander antreten, kommen einige innovative Regeln zum Einsatz. Diese sowie die teilnehmenden Spieler könnten die Zukunft des Tennissports sein.

Pascal Koster
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Pascal Koster

Für die meisten Tennis-Cracks war das ATP-1000-Turnier in Paris-Bercy der Schlusspunkt einer langen Saison. Nur die ATP-Finals in London und der Davis-Cup-Final werden für gewöhnlich noch nach Paris-Bercy ausgetragen. Nicht so dieses Jahr. Die ATP-Finals der Jungen in Mailand, kurz Next-Gen-Finals, feiern Premiere. Heute ab 14 Uhr werden im Fiera-Milano-Stadion Karen Khachanov und Daniil Medvedev das Turnier eröffnen.

Den Next-Gen-Finals wohnen die besten U22-Spieler bei. Nur das grösste Talent von allen wird nicht mit von der Partie sein. Der 20-jährige Deutsche Alexander Zverev hat sich als Weltranglistendritter für das Saisonfinale in London von kommender Woche qualifiziert und nutzt die Woche zur Vorbereitung. Das Teilnehmerfeld besteht somit aus den Nummern zwei bis acht der U22-Weltrangliste (in der Infobox aufgelistet). In einem rein italienischen Ausscheidungsturnier sicherte sich Gianluigi Quinzi eine Wildcard und damit den achten und letzten Startplatz. Von den Schweizer Youngsters war keiner nahe an einer Qualifikation dran. Der 21-jährige Antoine Bellier ist als 139. der U22-Weltrangliste der Beste.

Wie beim Pendant der Elite wird auch an den Next-Gen-Finals in zwei Gruppen gespielt. Der Sieger der Gruppe A trifft im Halbfinal auf den Zweiten der Gruppe B und umgekehrt. Im Final geht es dann um ein Preisgeld von 1,275 Millionen Dollar. Einige Spieler haben in ihrer gesamten Karriere noch nicht so viel Preisgeld erspielt. Punkte für das ATP-Ranking gibt es allerdings keine.

Experimente im grossen Stil

Nicht nur das Turnier an sich ist neu, sondern auch einige Aspekte im Regelwerk. Die Anpassungen sollen Zuschauer- und TV-freundlicher sein und werden erstmals auf der grossen Bühne getestet. Die Überlegung der ATP ist, die Spiele planbarer werden zu lassen. So gehen die Sätze in Mailand nur bis vier. Bei 3:3-Gleichstand nach Games wird ein Tiebreak um den Satzgewinn gespielt. Darüber hinaus wird die No-Advantage-Regel eingeführt. Diese verhindert, dass bei Einstand unberechenbar lange um den Zwei-Punkte-Abstand gekämpft wird. Wer den nächsten Punkt macht, gewinnt das Game. Damit ein Spiel doch nicht allzu kurz dauert, muss der Sieger drei Sätze für sich entscheiden.

Neben der Zählweise wird der markanteste Unterschied für die Spieler die Atmosphäre in der Halle sein. Allen Zuschauern, die nicht unmittelbar hinter den beiden Grundlinien sitzen, ist es erlaubt, sich während den Ballwechseln zu bewegen. Dem Publikum entgegen kommen sollen auch die geplanten Verkürzungen der Wartezeiten zwischen den Punkten. Die gültige 25-Sekunden-Regel soll konsequenter angewendet werden. Mittlerweile braucht der Grossteil der Spieler mehr als 25 Sekunden vom Punkt bis zum Aufschlag. Ein kürzeres Einwärmen und nur ein medizinisches Time-Out verringern das Warten zusätzlich.

Ein weiteres Novum ist die No-Let-Regel. Sie besagt, dass bei einem Service mit Netzberührung weitergespielt werden muss. So werden sehr aussergewöhnliche Spielsituationen entstehen. Andererseits wird dabei viel dem Glück überlassen.

Regel-Revolution im Tennis?

Ob künftig irgendeine Idee umgesetzt wird, steht noch in den Sternen. Die ATP macht viel vom Feedback der Spieler abhängig. Für die meisten ist aber schon im Vorfeld klar, dass gerade die No-Advantage-Regel keine Chance auf eine Umsetzung haben wird. Denn ein Game, das um die zehn Minuten dauert, kann unter Umständen der Wendepunkt einer Partie sein. Zudem entlocken die zermürbend langen Games den gestanden Profis Emotionen, die sonst wohl verborgen blieben.