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Novak Djokovic spielt Russisch Roulette – wie der Tennisspieler im Kampf gegen Ausweisung seine Karriere gefährdet

Novak Djokovic hat nicht glaubhaft darlegen können, weshalb er von der Impfpflicht in Australien befreit werden soll, das Visum wurde ihm entzogen. Der Tennisspieler geht mit seinen Anwälten gegen die drohende Ausweisung vor. Für Djokovic sind es Schicksalstage.

Simon Häring
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Novak Djokovic kämpft gegen seine Ausweisung aus Australien.

Novak Djokovic kämpft gegen seine Ausweisung aus Australien.

Lapresse / APA

Novak Djokovic hat sich entschieden, seine drohende Ausweisung aus Australien mit allen Mitteln zu bekämpfen und dabei einen ersten Erfolg erzielt. Seine Anwälte erwirkten aufschiebende Wirkung. Die Behörden stellen ihm ein Ultimatum bis Samstag, glaubhaft darlegen zu können, dass ein Anspruch auf Befreiung von der Impfpflicht besteht. Der Serbe hat wohl eine Infektion mit dem Coronavirus innerhalb des letzten Halbjahr als Grund geltend gemacht hat. Doch Ausländer müssen bei der Einreise nach Australien zusätzlich nachweisen können, dass sie sich auch davor und danach aus medizinischen Gründen nicht impfen lassen konnten.

Die australische Gesundheitsbehörde hat den Organisator der Australian Open in zwei Schreiben am 18. und am 29. November schriftlich auf diesen Umstand hingewiesen. Dennoch bestieg Novak Djokovic wohl im Glauben das Flugzeug, sein Status als wohl Genesener ermögliche ihm die Einreise.

Mit Schreiben vom 29. November 2021 weisen die Behörden Australia wiederholt auf die Einreisebestimmungen für Genesene hin.

Mit Schreiben vom 29. November 2021 weisen die Behörden Australia wiederholt auf die Einreisebestimmungen für Genesene hin.

Djokovics Familie organisiert Kundgebung

Längst ist die Angelegenheit zur Staatsaffäre geworden, die diplomatische Verwerfungen zur Folge hat. Serbiens Präsident Aleksandar Vucic kündigte an, «für Djokovic, die Gerechtigkeit und die Wahrheit» zu kämpfen. Sein australisches Pendant Scott Morrison argumentiert, Regeln würden für alle gelten. Halte Djokovic diese nicht ein, sitze er im ersten Flieger zurück.

Nicht zur Beruhigung der Lage beigetragen hat die Familie Djokovics, die am Donnerstag in Belgrad zu einer öffentlichen Kundgebung aufgerufen haben. Vater Srdjan erklärte seinen Sohn dort mit markigen Worten zum «Führer der freien Welt, der armen und der unterdrückten Länder und Völker». Man könne ihn zwar in Ketten legen, aber sein Sohn sei wie Wasser. Er finde immer einen Weg. Denn er sei der «Spartakus der neuen Welt, der Ungerechtigkeit, Kolonialismus und Heuchelei nicht dulde».

Die Familie von Novak Djokovic um Mutter Dijana, Vater Srdjan und Bruder Djordje bei einer Kundgebung in Belgrad.

Die Familie von Novak Djokovic um Mutter Dijana, Vater Srdjan und Bruder Djordje bei einer Kundgebung in Belgrad.

Andrej Cukic / EPA

Vor dem Quarantänehotel in Melbourne, in dem sich Djokovic befindet, haben sich Anhänger des Tennisspielers eingefunden, um für dessen Freilassung zu demonstrieren. Innenministerin Karen Andrews stellte jedoch klar, der Tennisspieler sei nicht in Gefangenschaft. «Ihm steht es frei, Australien jederzeit zu verlassen. Die Grenzbehörde wird ihm dabei behilflich sein, wenn er sich dazu entscheiden sollte.»

Doch das scheint für Djokovic keine Option zu sein. Von Bruder Djordje liess er in Belgrad folgende Sätze verlesen:

«Gott sieht alles. Moral und Ethik sind die grössten Ideale und die leuchtenden Sterne auf dem Weg zum spirituellen Aufstieg. Meine Gnade ist spirituell. Und ihre ist materieller Reichtum.»

Mit solchen Aussagen sammelt Djokovic in Australien mit Sicherheit keine Sympathiepunkte. Auch nicht mit den Wehklagen, im Hotel, in dem er sich befinde, habe es Kakerlaken. Der Antrag auf ein privates Appartement wurde abgewiesen. Djokovic wohnt derzeit Tür an Tür mit Flüchtlingen, die zum Teil seit Jahrzehnten kaserniert sind und deren Asylverfahren nicht vom Fleck kommt. Und so kommt es zur grotesk anmutenden Situation, dass Anhänger eines privilegierten Sportlers, der in seiner Karriere gegen eine halbe Milliarde Franken verdient hat, Seite an Seite mit Menschenrechtlern demonstrieren, die die mediale Aufmerksamkeit nutzen, um auf die Situation der Flüchtlinge aufmerksam zu machen.

Menschenrechtsaktivisten nutzen die mediale Aufmerksamkeit, um das Schicksal der Geflüchteten in den Fokus zu rücken.

Menschenrechtsaktivisten nutzen die mediale Aufmerksamkeit, um das Schicksal der Geflüchteten in den Fokus zu rücken.

Joel Carrett / EPA

Es gilt, die Relationen zu bewahren. Sport gilt als schönste Nebensache der Welt, aber angesichts des Schicksals dieser Menschen ist er eben nur das.

Novak Djokovic setzt mit seinem Vorgehen gegen die Ausweisung alles auf eine Karte. Der 34-Jährige will seine Teilnahme bei den Australian Open erzwingen. Er spielt damit Russisch Roulette und setzt seine Karriere aufs Spiel. Denn nach australischem Recht kann mit einer Einreisesperre von bis zu drei Jahren belegt werden, dessen Visum annulliert worden ist.

Weiterer Sportlerin wurde Visum entzogen

Eine schlechte Nachricht ist für Djokovics Kampf auch, dass mit Renata Voracova einer weiteren Spielerin das Visum entzogen worden ist, die von der Impfpflicht befreit worden war. Die Tschechin, die früher eingereist war und auch schon ein Turnier bestritten hat, wurde in das gleiche Hotel überführt, in dem sich Djokovic befindet und auf seine Anhörung wartet.

Ganz genau beobachten werden die Entwicklung auch die Organisatoren der anderen Grand-Slam-Turniere, der French Open, Wimbledon und der US Open. Denn in Melbourne wird gerade ein Präjudiz geschaffen, wie mit ungeimpften Spielern umgegangen werden soll. Sollte Djokovic scheitern, werden die anderen die Daumenschrauben eher nicht lockern, zumal der Druck der Politik hoch bleibt. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sagte Mitte Woche in der Zeitung «Le Parisien», er habe «grosse Lust, sie zu nerven» und meinte damit alle, die sich nicht impfen lassen wollen.

Die anderen Grand-Slam-Turniere wie Wimbledon dürften sehr aufmerksam beobachten, wie der Fall Novak Djokovic ausgeht.

Die anderen Grand-Slam-Turniere wie Wimbledon dürften sehr aufmerksam beobachten, wie der Fall Novak Djokovic ausgeht.

Neal Simpson/ Aeltc / SPO,AELTC

Sportlich hat Djokovic in der Vergangenheit aus Konstellationen, in denen er sich als Opfer einer Verschwörung sah, immer Kraft gezogen. Doch für ihn geht es in den nächsten Tagen nicht nur darum, seine Einreise und die Teilnahme bei den Australian Open zu erwirken. Auf dem Spiel steht nicht sportlicher Ruhm, kein Rekord für die Ewigkeit, sondern die Frage, ob er es schafft, in dieser Angelegenheit sein Gesicht zu wahren. Novak Djokovic wird diesen Weg bis zum bitteren Ende gehen. Der Ausgang ist offen.

Von «Gefangenschaft» bis «Befolge die Regeln»: Zahlreiche Rückmeldungen zum Fall Djokovic

Video: Melissa Schumacher

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