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TENNIS: Federer verliert nur den Kampf mit den Tränen

Mit dem Finalsieg gegen Marin Cilic bei den Australian Open steht Roger Federer bei 20 Grand-Slam-Titeln. Eine magische Zahl für den besten Spieler aller Zeiten – für den Schweizer Superstar mit den vielen Facetten.
Jörg Allmeroth
Roger Federer geniesst das Bad in der Menge nach dem dramatischen Fünfsatzsieg gegen Marin Cilic, der dem Schweizer Grand-Slam-Rekordsieger alles abverlangte. (Bilder: Tracey Nearmy/EPA (Melbourne, 28. Januar 2018))

Roger Federer geniesst das Bad in der Menge nach dem dramatischen Fünfsatzsieg gegen Marin Cilic, der dem Schweizer Grand-Slam-Rekordsieger alles abverlangte. (Bilder: Tracey Nearmy/EPA (Melbourne, 28. Januar 2018))

Jörg Allmeroth

Ganz am Ende dieses langen Tages in Melbourne verlor Roger Federer dann doch noch. Aber nur gegen Roger Federer selber. Gern hat es der grösste Tennisspieler aller Zeiten nicht, wenn ihm die Gefühle auf öffentlicher Bühne einen Streich spielen, er hat selber einmal gesagt, es sei ihm «irgendwie peinlich». Aber in einem der grössten Momente seiner ohnehin schon sehr grossen Karriere war es schliesslich doch komplett um seine Beherrschung und Kontrolle geschehen, und das war auch gut so.

Denn was 15 000 Zuschauer in der Rod-Laver-Arena und Hunderte von Millionen Tennisfans rund um den Erdball an diesem historischen 28. Januar 2018 sahen, war nicht einfach nur den Rekordjäger Federer, der sich seinen überragenden 20. Grand-Slam-Titel mit dem 6:2, 6:7 (5:7), 6:3, 3:6, 6:1-Sieg über Marin Cilic sicherte. Sie sahen unverstellt den emotional berührten Federer, den in Tränen aufgelösten Federer, den strahlenden und heulenden Federer. Den Mann, dem Tennis noch immer die halbe Welt bedeutet, neben seinem noch wichtigeren Familienleben mit Frau Mirka und vier Kindern. Den Mann, der sich über Titel 20 noch so sehr freuen kann wie über Titel Nummer 1, den er im Sommer 2003 auf einem Fleckchen Rasen im Südwesten Londons holte, vor einer kleinen Ewigkeit. «Es ist unglaublich, dass ich immer noch hier bin, solche Titel holen kann», sagte Federer, der überaus sympathische Roger Nimmersatt.

Der Spass an seinem geliebten Sport

Vor vielen Jahren hatte Federers früherer Trainer Tony Roche einmal über Federer gesagt: «Je mehr grosse Titel er holt, umso hungriger wird er. Du willst immer wieder dieses grosse Gefühl des Sieges haben.» An dieser Wahrheit hat sich für Federer nichts verändert, er kann immer noch nicht anders, als weiter den Pokalen nachzujagen – mit einer Intensität, einem Ehrgeiz und einer brennenden Leidenschaft, von der sich die Jüngeren und Jüngsten im Wanderzirkus eine Scheibe abschneiden können. «Ich liebe immer noch die Herausforderung, ich habe Spass an jedem Tag, an dem ich auf den Platz gehe», sagte Federer zum Ende dieser Australian Open, als ältester Grand-Slam-Champion seit den Tagen von Ken Rosewall im Jahr 1972. Es sei fast «ein bisschen unwirklich und unglaublich», die Tatsache, dass er nun mit seinen 36 Jahren den Titel in Melbourne verteidigt habe, so Federer: «Ich habe mir das zwar alles gewünscht, ich habe auch geträumt davon. Aber habe ich das auch erwartet? Bestimmt nicht.»

Es war ein Grand-Slam-Turnier, das Federers Ausnahmestellung in seiner Berufswelt noch einmal in aller Eindringlichkeit zeigte. Und das hatte nicht nur mit der neuen Bestleistung von 20 Major-Siegen zu tun, sondern auch mit seiner Professionalität und der bestechenden Physis in seinem vorgerückten Alter. Oft wird er ja wegen seiner Genialität, seiner Magie und seiner Ideenkraft auf dem Centre Court gerühmt, aber Federer ist auch ein extrem harter Arbeiter. Seine Leichtigkeit und Lockerheit gewinnt er aus vielen schweisstreibenden Übungsstunden. Er trainiert auch so methodisch, flexibel und in den richtigen Umfängen, dass er nur ganz rare Ausfallzeiten in seiner Karriere hatte. «Ich spiele noch so gutes Tennis, weil ich in den letzten Jahren immer effektiver trainiert habe», sagt Federer, «ich bin niemand, den man zum Training zwingen muss.» Tatsächlich hat er nie aufgehört, besser werden zu wollen, in keiner Stunde, keiner Minute.

Der entscheidende Durchbruch in Wimbledon

Er hat jetzt jeden zehnten Grand Slam der Neuzeit gewonnen, 20 von 200 Majors. Seine Reise ist erstaunlich gewesen, ist erstaunlich geblieben. Federer hat sich unzählige Male neu erfunden, er hat erst seine jugendliche Ungeduld, seinen Jähzorn, seine Wildheit in den Griff bekommen. Und dann dem Druck standgehalten, der auf ihm, dem Riesentalent, seit Kindertagen lastete. Der erste Wimbledonsieg war der entscheidende Durchbruch, die Initialzündung. Danach war Federer befreit, er hat immer wieder gesagt, er hätte auch bis zum Lebens­ende mit einem Grand-Slam-Erfolg ­ruhig schlafen können.

Aber Federer schlief noch besser mit immer mehr Titeln, er ist auch ein Mann, der die Geschichtsbücher kennt – und der sie nur zu gern umschrieb. Innerlich beruhigte er sich noch ein gutes Stück mehr, als er die lange Zeit für ihn verfluchten French Open 2009 zum ersten Mal gewinnen konnte. «Es war ein Moment, in dem ich wirklich meinen Frieden machte mit dem Tennis», sagte er nun in Melbourne, «es war ein Meilenstein.» Auch eine Besänftigung für sein Ego, für seinen eigenen allerhöchsten Anspruch. Schliesslich fand er, er könne nur als «kompletter Spieler» gelten, wenn er alle vier Majors mindestens einmal gewonnen habe.

Federer macht seinen Gegnern wieder Angst

Und nun der nächste Meilenstein, schon 20 wichtige Titel für den Mann, der wie kein Zweiter die Big Points macht. Und der in seinen späten Jahren die Gegner wieder so einschüchtern kann wie in den Jahren der absoluten Dominanz vor über zehn Jahren. Federer macht ihnen allen Angst, weil man ihm sein Alter nicht ansieht, weil nichts in seinem Spiel auf Unmodernes, Überkommenes oder gar Angestaubtes hindeutet. Ganz im Gegenteil: Federer hat die Schnelligkeit des aktuellen Spiels adaptiert, da kann ihm keiner der Next-Generation-Burschen etwas vormachen. Spielt einer der Stars von morgen rasant, spielt Federer noch rasanter. Auch das Powertennis von Cilic, dem 29-jährigen Kroaten, federte Federer im Endspiel dann doch weitgehend mühelos ab. Bis zum Final war Federer durch das Turnier spaziert, hatte keinen Satz abgegeben – und als er erstmals so wirklich geprüft wurde, hatte er in dem hin und her schwankenden Match auch das bessere Ende und machtvolle Schlusswort für sich. Federer erlebte, dass sein Satzvorsprung zwei Mal egalisiert wurde. Aber er riss sich zusammen, steigerte in Satz 5 das Tempo, machte Druck, suchte die Entscheidung – wartete nicht auf Fehler des anderen. Typisch Federer.

36 Jahre und kein bisschen müde. «Es wird nicht langweilig, dieses Turnier zu gewinnen», scherzte Federer, der nun sechsmalige Grand-Slam-König von Melbourne. Wo wird das alles enden mit ihm, dem Maestro? Niemand weiss es, auch Federer nicht. Aber auch Melbourne, Titel Nummer 20, könnte eine Zwischenstation bleiben. Federers Traumreise geht noch in die Verlängerung der Verlängerung.

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