Tanzen mit der Gang

«Saint Dymphna» der New Yorker Gang-Gang-Dance gilt als eine der klügsten Pop-Platten des letzten Jahres. Knapp vor Saisonschluss lädt das Palace das Quartett zum Tanz ein.

Georg Gatsas
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Ein vom Blitz getroffenes Bandmitglied, ein in einer Bar angeschossener Schlagzeuger, ein durch einen Brand komplett zerstörtes Soundequipment. Was die Flut der gehypten Retorten-Bands, die sich mit einem falschen Image des Rock 'n' Rolls schmücken, gerne in ihrer Biographie eingeschrieben hätten, ist bei Gang-Gang-Dance unbeabsichtigt harte Wirklichkeit.

Saint Dymphna, die Schutzpatronin der Ausgestossenen und psychisch Kranken, ist deshalb Namensgeberin des vierten Gang- Gang-Dance-Albums, welches 2008 in den Jahresbestenlisten diverser Musikmagazine wie «Spex» oder «Wire» zu lesen war.

Bizarr und beeindruckend

Die Historie der New Yorker Gruppe mag für Aussenstehende bizarr, verstörend, aber auch bemerkenswert wirken, denn die Truppe um die Gründungsmitglieder Lizzi Bougatsos, Brian DeGraw und Joshua

Diamond hat seit ihrem Start vor zehn Jahren Tiefschläge und Höhepunkte erlebt, wie sie sonst nur nach jahrzehntelangem Bestehen bei geistesverwandten Acts wie Suicide, My Bloody Valentine oder gar Aphex Twin vorzufinden sind. Todesfälle und Unglücke haben die Band zu einer geistigen und musikalischen Einheit zusammengeschweisst.

Touren mit den befreundeten Black Dice und Animal Collective gaben ihnen die Leichtigkeit, Selbstsicherheit aber auch nötige Radikalität bei Live-Auftritten, deshalb bespielten sie auch schon das New Yorker MoMA und die Whitney Biennial. Der Spagat zwischen Musik und Kunst fällt ihnen nicht schwer, Lizzi Bougatsos und Brian DeGraw sind selbst als Kunstschaffende tätig.

Sie stellten ihre Werke in renommierten Institutionen und Galerien aus, oft in Zusammenarbeit mit anderen Künstlern und Musikern, beispielsweise mit Sonic Youths Kim Gordon und Hot Chips Alexis Taylor. Ihre Fangemeinde überraschen sie mit jedem neuen Release, denn musikalische Grenzen gibt es bei ihnen keine. So klingt jedes ihrer Alben komplett anders als der Vorgänger. Auch bei den Formaten setzen sie sich keine Schranken.

Nach dem dritten Studio-Album namens «God's Money» aus dem Jahre 2005 folgte etwa nicht ein weiterer Tonträger, sondern eine 33minütige und auf DVD veröffentlichte Video-Arbeit von Brian DeGraw. «Retina Riddim» hiess das 2006 erschienene Werk und ist zusammengesetzt aus persönlichem Archivmaterial, Tour- und Live-Aufnahmen der vergangenen Jahre und sorgte für Lobeshymnen in der Musik- und Kunstpresse.

Dies rückte das angesehene britische Label Warp Records auf den Plan, das im vergangenen Jahr «Saint Dymphna» veröffentlichte, das bis anhin poppigste Album der Band.

Zerstörungslust und Schönheit

«Saint Dymphna» ist das bisherige Meisterwerk des New Yorker Quartetts und liefert Zeugnis ab bei ihrer rastlosen, visionären Suche nach neuen musikalischen Wegen.

Das Album dekonstruiert afrikanische und arabische Rhythmen, Techno, Post-Punk, Electronica, experimentelle Noise-Waves und setzt sie als ganzheitliches, ineinander verwobenes, rauschwirksames Tanzfeuerwerk zusammen.

Perfekter und faszinierender kann der Hybrid zwischen Zerstörungslust und Schönheit, zwischen Experiment und Dancefloor nicht sein.

Morgen Do, Palace, 22 Uhr

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