TALENTSCHMIEDE: Vor zehn ins Bett – Lift fahren verboten

Salzburg ist in Österreich das Mass der Dinge im Fussball. Dort wartet nach dem Sieg gegen Dortmund heute im Europa-League-Viertelfinal Lazio Rom auf den Serienmeister. Wie ist dieser Erfolg möglich?

Christian Brägger, Ives Bruggmann, Salzburg
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Das Flaggschiff der Akademie in Salzburg. Im Hauptbau befinden sich Fitnessräume, eine Turnhalle, medizinische Einrichtungen, die Mensa, aber auch die Zimmer der Jugendlichen. (Bild: FC RBS/Gepa Pictures)

Das Flaggschiff der Akademie in Salzburg. Im Hauptbau befinden sich Fitnessräume, eine Turnhalle, medizinische Einrichtungen, die Mensa, aber auch die Zimmer der Jugendlichen. (Bild: FC RBS/Gepa Pictures)

Christian Brägger, Ives Bruggmann, Salzburg

Draussen ist es kalt, eine steife Brise weht an diesem Märztag in Salzburg. Drinnen, in der Jugend-Akademie ausserhalb der Stadt, weht ein anderer Wind. Ein angenehmes Klima herrscht, das ein Fremder vielleicht als etwas steril beschriebe. Die aufgeräumte Architektur wirkt sachlich wie das Leben ihrer Bewohner im Alter zwischen 15 und 18 Jahren; es entspricht schon jetzt jenem des Berufssportlers.

Ein Spielerprofil auf der Internetseite «Transfermarkt» hat er bereits, und Fussballprofi, das ist es, was der 16-jährige Fabian Windhager werden möchte. Auch deshalb lässt er sich mindestens zweimal in der Woche die Blutwerte nachmessen, um festzustellen, wie es ihm geht und wo er körperlich steht. Fabian ist 40 Autominuten entfernt aufgewachsen, er spielt in der U18 von Salzburg, trainiert sechsmal wöchentlich für seinen Traum, teilweise übernachtet er in der Akademie. Am Mittwoch hat er frei, um für die Schule – er ist als Gymnasiast eine Ausnahme – oder an körperlichen Defiziten zu arbeiten. Diese sind derzeit grösser, weil Windhager sich vor einem halben Jahr die Hand gebrochen hat. Nun sagt er, der als zehnjähriger Bub an einem Talenttag entdeckt wurde: «Wir haben hier viel mehr Möglichkeiten als die Jugendlichen anderer Clubs. Jedes Jahr, das man hier verbringt, ist ein Geschenk.»

Der Name Red Bull Salzburg ist eng mit der Person von Dietrich Mateschitz verbunden. Den 73-jährigen Unternehmer hat ein Energydrink zum reichsten Mann des Landes werden lassen, seit Jahren verschreibt er sich dem Sport und den Events drumherum. Er alimentiert ihn mit Summen, die niemand kennt, allein in der Formel 1 nennt er zwei Teams sein eigen. Dank des Geldes, das Mateschitz freigibt, ist Salzburg in Österreichs Fussball (seit 2007 achtmal Meister) und Eishockey (seit 2007 siebenmal Meister) erdrückend. 2012 kommt es dann zum Gesinnungswandel: Statt nur in die ersten Mannschaften hineinzupumpen, will der Milliardär Nachhaltigkeit. So kommt man im Fussball weg von der holländischen, positionsorientierten Philosophie hin zur deutschen, die den Mannschaftsspieler im Vordergrund sieht. Und gibt allen Teams dasselbe Pressing- und Konterspiel vor, das viel Laufarbeit erfordert, weil man ständig gegen den Ball arbeitet. Vor allem aber lässt Mateschitz in 21 Monaten die Akademie bauen, die seit 2014 je 200 Fussball- und Eishockeytalenten Trainingsoptionen auf Topniveau schenkt. Der Mäzen bleibt unsichtbar, aber nicht die zwei Bullen, die hin und wieder auftauchen. Und damit irgendwie Mateschitz’ Geist.

Xaver Schlager ist der Prototyp des Salzburger Projekts

Xaver Schlager lebt den Traum des jungen Fabian Windhager. Der 20-jährige Fussballer gilt als Paradebeispiel der gezielten Salzburger Talentförderung. Schlager sagt: «Vielleicht ist das die richtige Wahrnehmung. Ich bin ja den Weg gegangen, den sie hier wollen.» Jüngst hat der Mittelfeldspieler die ersten zwei Teileinsätze mit Österreichs A-Nationalteam absolviert, in der Liga und der Europa League ist er Stammspieler, seit er elf Jahre alt ist spielt er für den Verein. «Je früher man hierher kommt, desto früher passiert die Anpassung, desto mehr Zeit hat man später.» Die Umstellung, insbesondere im körperlichen Bereich, sei gross gewesen. Als 16-Jähriger entwirft er mit den Verantwortlichen den eigenen Karriereplan, der die Stufen auf dem Weg zum Profi vorgibt. Schlager nimmt sie alle. Dazu gehört auch der Wechsel zu Liefering, dem Partnerteam in der zweithöchsten Liga, das neben dem Nachwuchs in der Akademie trainiert. Gilt es beispielsweise im FC St. Gallen als Rückschlag, wenn nach Jahren bei Future Champs Ostschweiz eine gewisse Zeit beim FC Wil in der Challenge League folgt, ist Liefering nach der U18 willkommene Station. Schlager sagt: «Es ist der perfekte Zwischenschritt. Du musst dort schon Verantwortung übernehmen und tastest dich an die höchste Profiliga heran.» Die Lieferinger sind durch die Härte der Liga und dank des seit Jahren verinnerlichten Spielsystems zumindest Gleichaltrigen überlegen. Darin liegt vielleicht die Erklärung des Grosserfolgs der Saison 2016/17, als Salzburg die Uefa Youth League U19 gewinnt. Und sich nach Barcelona und Chelsea in die Siegerliste einträgt. Marco Rose, der Coach jenes Teams, ist unterdessen der Cheftrainer der ersten Mannschaft, die heute im Viertelfinal-Hinspiel der Europa League auf Lazio Rom trifft; auch dort will man das propagierte Pressingspiel durchziehen.

Die Arbeit in der Akademie trägt Früchte; Schlager nennt deren grossflächige Infrastruktur «das Maximum». Das Wunderland beheimatet sieben Fussballfelder (darunter eine 6000 m2 grosse Fussballhalle mit einem Tra­cking-System), zwei Eishallen, Kraft- und Athletikraum (1000 m2), Wellnessbereich, Motorikpark, psychologische Teststationen. Dazu eine Mensa, in der pro Tag vier Mahlzeiten serviert werden, desinfizierte Hände Pflicht und Handys verboten sind. Auch sonst wird Disziplin grossgeschrieben. Lift fahren ist verboten, die Freizeit der Jugendlichen pro Tag auf eineinhalb Stunden beschränkt, Mädchenbesuch nicht erlaubt, Nachtruhe vor zehn Uhr abends. Alles ist durchgetaktet, und Windhager sagt: «Es fällt mir leicht, das einzuhalten. Ich würde sonst zu viel verlieren. Wer es hier schafft, kann es anderswo auch schaffen.» Insgesamt arbeiten 125 Personen in 20 Berufen für den Nachwuchs, unter ihnen Mediziner, Physios, Ernährungsberater, zwölf Erzieher – auch für den Umgang mit den (sozialen) Medien. Im Internat stehen 88 Doppelzimmer (ohne TV-Gerät bis zur U18) à 25 m2 zur Verfügung. Das alles verursacht nicht nur hohe Kosten – pro Jahr rechnet Salzburg mit 70000 bis 100000 Euro pro Talent – sondern schafft auch Neider. Oft würden sie, als Salzburger, vom Gegner provoziert, sagt Windhager. «Er erhält dann die Antwort auf dem Platz.» Überdies kooperiert der Verein mit ortsansässigen Schulen, falls man es dann doch nicht schafft. Das zweite Standbein, das für die Jugendlichen eine vierjährige Lehre als Bürokaufmann vorsieht, ist Pflicht, wie Akademieleiter Ernst Tanner betont.

Es geht um Maximierung, Optimierung und Prävention

Tanner ist 52 Jahre alt, der Sportlehrer hat schon für 1860 München und Hoffenheim gewirkt. Er sagt: «Topspieler kommen nicht nach Österreich. Wir erarbeiten sie uns selber.» Er hat Erfahrung damit, wie man die Jungen immer wieder um Nuancen besser macht, seine Worte handeln von Maximierung (Leistung), Optimierung (Spielstil vs. Faulheit) und Prävention (durch Fitness und Einhaltung der Ruhephasen), weil die Zeit fehle, um Rückstände aufzuholen. Auch an sauerstoffreduziertes Training denkt Tanner, doch das sei eine Grau­zone. Den Einwand, dass Jugendliche auf Kosten der Individualität einzig auf Leistung gedrillt würden, um unter ständigem Konkurrenzdruck besser als der Mitspieler zu sein, den lässt er nicht gelten. Tanner sagt: «Es ist ein Privileg, hier in der Akademie von Salzburg zu sein.»

Es sei doch schön, wenn man sehe, dass man besser werde. «Besser als die anderen», sagt Windhager.

Hinweis

Der Besuch der Salzburger Jugend-Akademie wurde von Red Bull organisiert.