SWISS INDOORS: Ciao, Marco, ciao

Mit Denis Shapovalov eröffnet die Zukunft des Männertennis das traditionelle ATP-Turnier in Basel – der Kanadier gewinnt in drei Sätzen. Später am Abend scheitert Marco Chiudinelli nach hartem Kampf, seine Karriere ist Geschichte.

Christian Brägger
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Christian Brägger

Amy Macdonald, Denis Shapovalov, Marco Chiudinelli. Der Eröffnungstag der Swiss Indoors hätte kontrastreicher kaum sein können. Da war die schottische Sängerin, ein Weltstar mit Millionenpublikum und vielleicht auf dem Zenit der Karriere; gestern bezirzte die 30-Jährige mit der Basler Sinfonietta an der Eröffnungszeremonie in der St.-Jakobs-Halle. Da war der junge Shapovalov, der im Ruf steht, einmal ein Weltstar auf der internationalen Tennisbühne zu werden; gegen seinen japanischen Widersacher Yuichi Sugita tat sich Shapovalov lange schwer, kämpfte sich mit 4:6, 6:2 und 7:6 (7:3) aber in die nächste Runde, wo er auf den Sieger der Partie Ruben Bemelmans (ATP 84) und Adrian Mannarino (ATP 28) trifft. Und da war vor allem Chiudinelli, der 36-jährige Schweizer, der es zumindest im Tennis nie mehr zu Weltruhm schaffen wird und spät am Abend nach seiner Niederlage das letzte Spiel der Karriere bestritt; für sich hatte der Basler diesen ganz feinen Schluss der Laufbahn an diesem für ihn ganz feinen Ort ausgesucht – in der Heimatstadt.

So gut war in Shapovalovs Alter keiner mehr seit 2004

Shapovalov, der in der Nähe Torontos lebende Kanadier mit russischen Eltern, ist mit 18 Jahren derzeit der jüngste Top-100-Spieler der Welt. In diesem Jahr hat er sich um 201 Plätze auf Rang 49 der Weltrangliste vorgearbeitet, seit 2004 und Rafael Nadal war in seinem Alter keiner mehr so gut. Für Shapovalov ist es erst die zweite Saison als Profi, noch wechselt er zwischen den Stufen der ATP Tour, Challenger Tour und der ITF Future Tour, der niedrigsten Kategorie. Es wird ein weiter Weg an die Spitze sein, den der in Israel geborene Shootingstar gehen muss, und bei Talenten seines Kalibers weiss man ja auch nie so genau, ob dieser Weg überhaupt dahin führt. Jüngst kam Shapovalov mit dem «Weltteam» am Laver Cup in Prag zum Einsatz, Furore machte er vor allem mit Siegen gegen Nadal und Juan Martin del Potro am 1000er-Masters-Event in Montreal oder gegen Jo-Wilfried Tsonga an den US Open – seit dem letzten Grand-Slam-Turnier des Jahres aber gewann er kein Spiel mehr auf der ATP-Tour.

Lange sah es an den Swiss Indoors nach der nächsten Niederlage aus, doch ab dem zweiten Satz legte Shapovalov gegen die Weltnummer 38 zu. Er minimierte die unerzwungenen Fehler, agierte nicht mehr so fahrig – und gewann. «Ich werde noch viele Stunden auf dem Court verbringen müssen, um dorthin zu kommen, wo ich hinwill», sagte er später. Doch sind es genau diese Siege, die ihm guttun, den Misstritt oder genauer formuliert «Missschlag» im Davis Cup vom Februar dieses Jahres vergessen zu lassen. Damals drosch Shapovalov dem Schiedsrichter aus Wut und Versehen einen Ball ins Auge, was zum Abbruch des letzten Einzels und damit zur 2:3-Niederlage Kanadas gegen Grossbritannien führte; ein Skandal, der um die Welt ging, der den gebüssten Shapovalov zum Rüpel stempelte und dem Unpartei­ischen eine Operation einbrockte. Heute sagt der Spieler: «Ich habe mich entschuldigt, und ich werde nicht aufhören, mich weiter zu entschuldigen. Das Ganze tut mir unendlich leid. Doch der Vorfall hat mir geholfen zu reifen.»

Reif an Erfahrung ist insbesondere Chiudinelli, der mit 18 Jahren die Hälfte seines Lebens auf der Tour verbracht hat. Gestern tat sich der Basler vor den Augen seines Jugendfreundes Roger Federer gegen Robin Haase jedoch schwer, er verlor den ersten Satz 2:6 gegen die Weltnummer 44, den zweiten nach hartem Kampf 6:7. Es war der letzte Auftritt als Profi, notabene an jenem Turnier, an dem er einst wie Federer ein Balljunge war.

Der charismatische Schweizer stand stets im Schatten von Stan Wawrinka und vor allem von Federer, doch Chiudinelli hatte sich mit dieser Rolle arrangiert und war zufrieden. Er wusste früh, dass ihm keine Weltkarriere beschieden sein würde, dafür besass er das Talent nicht. Und auch nicht den Körper, was ihn einmal zur Aussage veranlasste, «über drei Jahre in der Laufbahn wegen Verletzungen» verloren zu haben; da zählte der Spieler das ebenfalls missratene Jahr 2017 noch nicht einmal dazu.

Davis-Cup-Sieger gegen Frankreich

Chiudinellis Palmarès ist bescheiden, die Nummer 52 im ATP-Ranking der Bestwert (heute 366), einen Turniersieg im Einzel verbuchte er nie. Immerhin kommt er auf fast zwei Millionen Preisgeld, genug, um sich den Lebensunterhalt zu finanzieren, der vor allem auf der Challenger Tour stattfand. Dazu kommt der Davis-Cup-Sieg 2014 gegen Frankreich, zu dem er in der ersten Runde gegen Serbien einen Punkt im Doppel beitrug. Chiudinelli nahm nie ein Blatt vor den Mund, und einmal, als er mit einem Zeitungsartikel nicht zufrieden war, scheute er sich nicht, spätabends noch anzurufen. Mit dem Entscheid, die Karriere an seinem «Wimbledon» zu beenden, erfüllte er sich den Wunsch, den Abschied von der Tour selbst zu bestimmen. Der «Tages-Anzeiger» hätte es einst nicht treffender formulieren können: «Marco Chiudinelli, die Schweizer Nummer 1 der Normalsterblichen.»