Liebe beim Marathon: Bei Kilometer 7 funkte es

Wie immer am letzten Oktobersonntag: Der Swiss City Marathon steht vor der Tür. Amy Hess (39) und der Nidwaldner Thomas Niederberger (40) haben sich vor zwei Jahren am Luzerner Marathon kennen gelernt.

Turi Bucher
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Nehmen am Sonntag den nächsten Halbmarathon in Angriff: Die Amerikanerin Amy Hess und der Nidwaldner Thomas Niederberger. (Bild: Nadia Schärli (St. Niklausen, 22. Oktober 2018))

Nehmen am Sonntag den nächsten Halbmarathon in Angriff: Die Amerikanerin Amy Hess und der Nidwaldner Thomas Niederberger. (Bild: Nadia Schärli (St. Niklausen, 22. Oktober 2018))

«Wenn du laufen willst, lauf eine Meile. Wenn du ein neues Leben kennen lernen willst, dann lauf Marathon.»

«Liebe ist ein Marathon und kein Sprint.»

Thomas Niederberger läuft 2016 den Luzerner Halbmarathon. Er kämpft. Nicht mit sich. Nicht mit der Strecke. Die hat er einigermassen gut im Griff. Denn den Halbmarathon-Anlass hat er hier schon einige Male bestritten. Niederberger kämpft trotzdem, und zwar schon bei Kilometer 7. Es ist nämlich so: Vor ihm läuft jemand, der sein Interesse geweckt hat. Oder lassen wir es Niederberger gleich selber sagen: «Vor mir lief eine hübsche, attraktive Dame.»

Der Nidwaldner Nieder­berger, aus Oberdorf stammend, sprintet nach vorne, ist beinahe schon auf gleicher Höhe mit eben dieser attraktiven Dame. Niederberger grüsst freundlich. Wie man sich halt so grüsst, wenn man gerade am 7. von 21 Halbmarathon-Kilometern läuft. Die Dame, es ist Amy Hess aus den USA, wendet ihren Kopf und ruft: «Hooooi!» Heute sagt Amy Hess: «Ich habe im ersten Moment gedacht, ich kenne den. Dabei habe ich ihn gar nicht gekannt. Ich habe mich so geschämt.»

Wie Thomas Amy zum Lachen gebracht hat

Nun ist Amors Pfeil schon in der Luft. Nun laufen sie den Halb­marathon zusammen. «Wir haben zuerst gar nicht miteinander geredet», erzählt Frau Hess aus Kansas. Niederberger erinnert sich: «Ich habe versucht, zwei, drei Fragen zu stellen, aber Amy hatte einen Kopfhörer auf.» Und wie der Zufall so spielt, setzt der Kopfhörer plötzlich aus. Nun kommen die beiden rennend ins Gespräch. «Jetzt musst du halt den Vögeln zuhören», ruft ihr Niederberger zu. «Das hat mich wirklich zum Lachen gebracht», sagt Hess.

Es geht abwärts, da spurtet Amy ein bisschen davon. Es geht aufwärts, da sind Thomas’ Beine stärker, läuft er nach vorne. Doch erst im Zielgelände verlieren sie sich wieder aus den Augen. Amy Hess läuft nämlich die 21 Kilometer des sogenannten Duo-Marathons; der Zieleinlauf ist nicht am selben Ort wie für die Halbmarathon-Läufer. Aber Niederberger, clever wie er ist, der Gründer und Inhaber der Online-Agentur Mexan und des Riddle Escape Room in Luzern, hat sich natürlich die Startnummer von Amy Hess gemerkt.

Wie es zum ersten Kuss kam

Vom Halbmarathon erholt, forscht Niederberger im Facebook nach. Und wird natürlich fündig. Die Gesuchte sitzt derweil mit Kollegen im Luzerner «Pickwick» und erzählt von ihrer Bekanntschaft und ihrer charmanten Marathonbegleitung ab Kilometer 7. In diesem Moment, um 14.17 Uhr, kommt auch schon die Facebook-Nachricht.

Am Freitag darauf begegnen sich die beiden kurz, eher zufällig. Eine Woche später, am 11. November: das erste Date. Am Bundesplatz in Luzern gibt’s den ersten «Gutenachtkuss», wie die Umworbene es beschreibt. Das nächste Date und der Start in den Marathon der Liebe sollten erst im Januar folgen.

Thomas Niederberger hilft seiner Amy unterdessen noch bei der Übersetzung von Informationen für ihre Kunstausstellung, denn seine neue Liebe ist eine passionierte Kunstmalerin. Dann fliegt er weg, ist er durch eine sechswöchige Asien-Reise von seiner Amy getrennt. Ob in Japan, Südkorea oder Indonesien – natürlich bleiben die beiden ständig in Kontakt. Amy Hess ihrerseits fliegt im Dezember in die Heimat nach Kansas, um mit ihren Eltern Weihnachten zu feiern. Im neuen Jahr treffen sich die beiden endlich wieder. «Zu einem Fondue», erzählt Niederberger, «das war nach sechs Wochen asiatischem Essen genau das Richtige.»

«Pretty Woman» in den Mund geschaut

2017 läuft das Paar gemeinsam den «Prairie Fire»-Marathon in Wichita, Kansas – es ist Niederbergers allererster Lauf über die 42,195-Kilometer-Strecke. «Ich wollte immer einen ganzen Marathon bestreiten, bevor ich 40 Jahre alt werde», sagt er. Hess hat insgesamt schon an sechs Marathon-Läufen teilgenommen: Sie lief 3x den Oklahoma-City-Marathon, 1x in San Diego, 1x in Kansas und 1x in Luzern.

«Es ist schon speziell, wenn du am Morgen zur Arbeit kommst und auf dem Terminkalender liest, welcher Berühmtheit du gleich die Zähne pflegen wirst.»

Hess lebt schon seit 12 Jahren in Luzern und ist hier am Luzerner Schwanenplatz als Dentalhygienikerin tätig. Diesen Beruf hat sie auch schon in den USA ausgeführt. In den kalifornischen Beverly Hills hatte sie schon welt­berühmte Schauspielerinnen als Patienten. «Ja», sagt sie, «es ist schon speziell, wenn du am Morgen zur Arbeit kommst und auf dem Terminkalender liest, welcher Berühmtheit du gleich die Zähne pflegen wirst.» Hess möchte die Namen der Schauspielerinnen, denen sie in den Mund geschaut hat, lieber nicht in der Zeitung abgedruckt sehen. Ein Rate-Marathon wird es trotzdem nicht – nur soviel: Wenn Sie wissen, wer die Darstellerin von «Pretty Woman» war oder die Ex-Frau von Brad Pitt und Billy Bob Thornton, dann sind Sie schon am Ziel.

In den Prosecco- Gläsern war Rivella

An diesem Sonntag steht das Paar also wieder in Luzern am Start und rennt den Halbmarathon. Im Bireggwald oder der Reuss entlang haben sie sich fit gehalten. Für unser grosses Foto haben die beiden Liebenden diese Woche, – mit Rivella in den Prosecco-Gläsern – exakt bei Kilometer 7 angestossen. Er sagt über sie: «Amy ist eine fröhliche, aufgestellte Frau. Das Leben macht mit ihr doppelt so viel Freude. Sie ist mein Ruhepol.» Sie sagt über ihn: «Thomas ist ein cooler, unkomplizierter, spontaner Mann. Ich bin eine sehr selbstständige Frau, aber es tut schon gut, zu spüren, wie er mir den Rücken stärkt.»

Was für eine Lovestory. Man stelle sich vor, Thomas Niederberger hätte vor zwei Jahren bei Kilometer 7 nicht über die Energie und Kraft verfügt, zu sprinten und aufzuschliessen. Wahrscheinlich hätten sich Amy und Thomas dann am kommenden Sonntag kennen gelernt.

Das sind die fleissigen Hände am Lucerne Marathon

Ohne sie geht nichts. Sie wirken gut sichtbar für alle am Lauftag direkt neben der Strecke. Oder unsichtbar im Hintergrund: bei den Vorbereitungen und beim Aufbau, hinter den Kulissen am Lauftag und darüber hinaus, bis die letzte Abschrankung zurück im Lager ist.