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Suche nach dem verlorenen Stolz

Wenn die Schweizer Nati in Kaliningrad auf Serbien trifft, sind verpolitisierte Emotionsstürme sicher. Das Balkanland sehnt sich in bitterer Not nach Erfolgen jeglicher Art.
Sasa Rasic
Serbische Fans jubeln beim Public Viewing in der Heimat über den Treffer ihrer Nationalmannschaft. Serbien besiegte zum Auftakt Costa Rica mit 1:0. (Bild: Vladimir Zivojinovic/AFP (Belgrad, 17. Juni 2018)

Serbische Fans jubeln beim Public Viewing in der Heimat über den Treffer ihrer Nationalmannschaft. Serbien besiegte zum Auftakt Costa Rica mit 1:0. (Bild: Vladimir Zivojinovic/AFP (Belgrad, 17. Juni 2018)

Der Druck auf der serbischen Fussballnationalmannschaft ist verhältnismässig gross. Die Weltmeisterschaft in Russland stellt für sie die erste Teilnahme an einem grösseren Turnier seit der WM 2010 in Südafrika dar. Nach dem damaligen Aus in der Vorrunde hat das Team auch an Europameisterschaften keine Rolle mehr gespielt.

Der 1:0-Sieg gegen Costa Rica im ersten WM-Spiel wurde in Serbien dann auch mit Genugtuung und Hoffnung begrüsst. Auf­atmen kann vor allem aber der erst letzten Oktober eingesetzte Trainer Mladen Krstajic. Der 44-Jährige hat viel zu beweisen, denn zur WM-Qualifikation geführt hat die Mannschaft sein Vorgänger Slavoljub Muslin. Krstajic hat sich zwar als Spieler in der deutschen Bundesliga (Meisterschaft und Cupsieg mit Werder Bremen 2004) einen Namen gemacht, aber als Trainer ist er (noch) nicht bekannt. Vielsagend ist auch sein Kommentar, dass er das Amt als Serbiens Trainer nur als «Oberst oder Toter» verlassen könne.

«Aber Serbien kann es!»

Der Druck, die Hoffnung und die Intensität der Emotionen im serbischen Sport können von aussen betrachtet befremdlich wirken (vor allem wenn sogar bei Wasserballspielen Pyrotechnik abgefackelt wird). Am anschaulichsten sind jeweils die Kommentare in populären Zeitungen nach grossen Erfolgen, zum Beispiel an Olympischen Spielen. «Das können nicht die Reichsten und Mächtigsten, aber Serbien kann es!» heisst es dann in den Kommentaren von Blättern wie ­«Novosti».

Was Serbien jedoch kaum zu können scheint, ist, Sport von Politik und Wirtschaft zu trennen. Die Aufgabe der sportlichen Repräsentanten des Landes ist in den Augen vieler ganz klar, den Stolz der Nation wiederherzustellen, der in anderen Lebensbereichen deutlich gelitten hat.

Denn die mit sieben Millionen Einwohnern grösste Nachfolge-Republik des zerfallenen Jugo­slawien hinkt bezüglich Lebensstandard einigen ehemaligen Bruderstaaten deutlich hinterher. Während der Durchschnittslohn in Serbien bei umgerechnet gut 460 Franken pro Monat liegt, haben es die mittlerweile in die EU integrierten Rivalen Slowenien und Kroatien mit Einkommen von umgerechnet rund 1180 beziehungsweise 860 Franken deutlich besser.

Trotz leichtem Wirtschaftswachstum und anziehenden Investitionen aus dem Ausland entkrustet sich das politische System nur zögerlich. Viel zu oft noch entscheidet Verwandtschaftsgrad oder Parteibüchlein und nicht Ausbildung über individuellen Erfolg.

Sticheleien vor dem Match gegen die Schweiz

Entsprechend ist für viele Einwohner klar: Sozialen Aufstieg und Reichtum durch Löhne in harten Devisen gibt es, wenn die Leute im Ausland bekommen, was sie von Serbien und anderen Staaten auf dem Balkan am liebsten sehen wollen – beeindruckende Ballkünste. Wie sie etwa bei Tennisstar Novak Djokovic oder der immer noch vorkommenden Mythologisierung jugoslawischer Basketballer, die es früher sogar mit den US-Amerikanern aufnehmen konnten, zu sehen sind. Zwar fokussieren sich in der Gruppe E die Gegner sportlich auf Brasilien, doch der heutige Match Schweiz – Serbien bringt deutlich mehr emotionale Anknüpfungspunkte. Dies ist auf das eine Thema zurückzuführen, das zur aktuellen Serbien-Berichterstattung dazugehört wie das Amen in der Kirche: Kosovo. Die starke Repräsentation albanischstämmiger Spieler in der Schweizer Nati wird in sozialen Medien politisch ausgeschlachtet. Während die eine Seite dies als Grund sieht, die Nati als eine Art exilalbanische Equipe zu unterstützen, kocht auf der anderen Seite die Volksseele. Die Wut über die Vorgänge in der aus serbischer Sicht immer noch abtrünnigen Provinz wird auf das Schweizer Nationalteam über­tragen. So wird jede kleine Provokation – unabhängig davon, ob sie gezielt oder unbewusst geschieht – willig aufgenommen. Dies zeigen die hitzigen Berichte in serbischen Medien vor rund einem Monat, als Xherdan Shaqiri ein Bild seiner Fussballschuhe, die sowohl das Schweizer als auch das kosovarische Wappen zeigen, ins Internet stellte.

So ernst das Thema sonst ist, muss man sich hier wohl keine grösseren Sorgen machen – ein Grossteil der Provokationen sind Teil der Show. Albanisch- und slawischstämmige Spieler – unabhängig davon, für welches Team sie spielen – kennen den Stellenwert dieser psychologischen Kriegsspiele, die der Motivation dienen und die man sonst am ehesten vor Boxkämpfen sieht. Und alle Spieler wissen: Das siegbringende Goal wird man kaum mit der dicken Lippe machen.

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