STEINSCHLIFF: Mettlers Gespür für Schnee

Ein Appenzeller mischt im Ski-Weltcup mit: Der Schwellbrunner Andi Mettler ist dank seiner Erfahrung und seiner Belagsschliffe für viele Top-Biathleten und -Langläufer zur wichtigen Adresse geworden.

Ralf Streule
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Andi Mettler poliert einen fast fertig präparierten Ski. Das Herzstück der Werkstatt, die Schleifmaschine, will Mettler hingegen vor zu vielen neugierigen Augen schützen: «Keine Fotos!» (Bild: Urs Bucher)

Andi Mettler poliert einen fast fertig präparierten Ski. Das Herzstück der Werkstatt, die Schleifmaschine, will Mettler hingegen vor zu vielen neugierigen Augen schützen: «Keine Fotos!» (Bild: Urs Bucher)

Ralf Streule

Eine Skiwerkstatt mit Weltruf erwartet man nicht hier an der Hauptstrasse zwischen Waldstatt und Schönengrund. Andi Mettlers Betrieb ist in einem Wohnhaus untergebracht. Gleich ennet der Strasse liegt die Loipe – zumindest zeigen orange Stangen auf der Wiese an, dass sie hier liegen würde. Der fehlende Schnee im Appenzellerland habe ihn in den vergangenen Wochen nicht gestört, sagt Mettler. «Ich war ja immer unterwegs.» Der 50-Jährige schmunzelt, legt sein Poliergerät zur Seite, zieht die Wachsschoss aus. Dann lädt er ins warme Büro nebenan.

Mettler war ab Ende November in Östersund in Mittelschweden, danach in Pokljuka in Slowenien, zuletzt im tschechischen Nove Mesto. Nach den Wochen im Biathlon-Weltcup scheint er, zurück in seiner Heimat, noch nicht ganz angekommen zu sein. Die Kaffeemaschine muss erst wieder installiert werden. Da und dort stehen noch Mitbringsel zwischen den Hunderten Paar Ski. Unter anderem ein Karton mit baltischem Bier – «ein Geschenk eines estnischen Teams». Vielleicht etwas für die Weihnachtstage, die Mettler in Schwellbrunn verbringt, bevor es weiter geht zur Tour de Ski: Münstertal, Oberstdorf. Und so weiter.

Einstieg dank Erfolg seiner Schwester

«Ich hatte schon als junger Läufer immer einen schnellen Ski», erklärt Mettler auf die Frage, wie das alles kam mit ihm und seinem guten Ruf, aus schnellen Ski noch schnellere zu machen. Sein Langlauftalent reichte für einen Platz unter den ersten 30 am Engadiner, aber nicht für die grosse Karriere. Dafür waren seine Schwestern Barbara und Christine im Schweizer Kader. Als Barbara an der Junioren-WM 1992 auf den zweiten Platz lief, tat sie dies auch dank ihres Bruders, der ihre Ski präpariert hatte. Im Schweizer Nationalteam wurde man aufmerksam auf den damals 26-Jährigen. Ein Jahr später in Falun an der Nordischen WM war er bereits Servicemann der Schweizer.

So schaffte der Schwellbrunner den Einstieg in den Weltcup in einer Zeit, in der die Skiwelt allmählich erkannte, dass nicht in erster Linie der Wachs, sondern vor allem der Schliff eines Belags darüber entscheidet, ob ein Ski schnell ist oder nicht. In diesem Bereich war Mettler ein Pionier – und ist heute in Diensten von Rossignol eine Koryphäe. Er geniesst bei internationalen Athleten grosses Vertrauen.

«Das Herzstück», sagt Mettler, zurück in der Werkstatt. Er fährt mit der linken Hand über eine der drei grossen Schleifmaschinen. «Keine Fotos!» – Die Konkurrenz könnte auf Eigenheiten der von ihm umgebauten Maschinen aufmerksam werden. Hier erhalten die Skibeläge der Weltbesten ihre Konturen: Feine Strukturen für Kaltschnee, gröbere Rillen für Kunst- und Neuschnee, besonders grobe für sehr nassen Schnee. «Natürlich ist das eine Vereinfachung», sagt Mettler. Sein feines Gespür für Schnee und Schliff lassen sich erahnen, wenn er davon erzählt, dass nicht jede Schleifrolle, obschon von der exakt gleichen Serie, das gleiche Ergebnis liefere. Und dass nicht jeder Ski, obschon vom gleichen Typ, mit derselben Behandlung gleich schnell werde. Warum das so ist? «Wenn wir das wüssten!»

So könne es sein, dass Topläufer vier Jahre lang immer wieder auf denselben Ski zurückgreifen – und auch neuste Modelle nicht mithalten können. Eine solche «Rakete» habe zuletzt Biathlon-Dominator Martin Fourcade an den Füssen gehabt. Nun aber hat das Paar ausgedient und steht in Mettlers Werkstatt. Es wird bei ihm zu Hause in Schwellbrunn landen – in einem Privatmuseum, in dem alle Rossignol-Modelle seit den 1970er-Jahren aufgereiht seien. Für wie viel Geld würde Mettler das Paar verkaufen? «Dä chascht nöd ha!»

Mettler entscheidet mit, welcher Ski gelaufen wird

Vor längerer Zeit hat Mettler die Firma Nordic Tuning gegründet, ist mit dieser bei Rossignol an­gestellt, schleift aber auch dem Schweizer Biathlon-Team – markenunabhängig – die Ski. Vor Weltcuprennen bereitet Mettler bis zu zehn Paar Ski pro Athlet vor. Die aussichtsreichsten drei testet er 90 Minuten vor dem Start mit den Läufern. «Ist ein Athlet unsicher, bin oft ich das Zünglein an der Waage.» Dabei verlässt er sich nicht nur auf gemessene Zeiten in Abwärtspassagen. Entscheidend sei auch, wie der Ski im Aufstieg reagiert oder auf flachen Strecken «zieht». Auch schon sei er falsch gelegen. Eine kanadische Biathletin habe ihn einst richtig «zusammengestaucht». Der Belag klebe wie Leim, schimpfte sie. Aus Erfahrung wisse er aber: «Schuld ist der Servicemann immer dann, wenn der Läufer nicht fit ist.»

Wenn die Läufer im April eine Pause einlegen, geht es für Mettler weiter. Neben Saisonanalysen und dem Aussortieren der Weltcupski steht ein Feedback an die Rossignol-Entwickler an. Während der Saison kommen Prototypen mit neuen Materialien zum Einsatz, die Mettler schleift, prüft und analysiert. Erst im Juni ist dann Ruhe angesagt. In seinem umtriebigen Leben als Servicemann sei für eines nie Zeit geblieben: für eine eigene Familie.

Engadiner Bedingungen «zu 98 Prozent gleich»

1200 Paar Ski durchlaufen jährlich Mettlers Maschinen. Doch nicht nur für Topathleten, sondern auch für Amateure schleift er Beläge. Gerade vor dem Engadiner ist viel Betrieb. Obschon: «Den Ski für den Marathon kann ich schon jetzt schleifen, den Schnee dort oben kenne ich.» Die Bedingungen im Engadiner Frühling seien mit 98-prozentiger Sicherheit voraussehbar. Der Schliff aber bleibe Betriebsgeheimnis. Nachahmen sei ohnehin schwierig. 25 Jahre Erfahrung lassen sich nicht so schnell kopieren.

Siegerbild mit der Biathletin Marie Dorin-Habert in Östersund vor drei Wochen. (Bild: Christian Manzoni/Freshfocus)

Siegerbild mit der Biathletin Marie Dorin-Habert in Östersund vor drei Wochen. (Bild: Christian Manzoni/Freshfocus)