Steingrubers neue Stärke

Giulia Steingruber war lange die Sprungkönigin. Während sie jedoch noch immer die gleichen Sprünge wie 2013 zeigt, hat sie sich am Boden weiterentwickelt. Morgen startet sie an der WM.

Raya Badraun
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TURNEN. Es ist, als wäre die Zeit seit 2013 stehengeblieben. An der WM in Antwerpen zeigte Giulia Steingruber erstmals den Jurtschenko mit Doppelschraube und wurde Vierte. Nun, zwei Jahre später, tritt sie an der WM in Glasgow noch immer mit den gleichen Sprüngen an wie damals. Es ist nicht so, dass es Steingruber nicht versucht hätte. Bereits in Holland sprach sie davon, eine zusätzliche halbe Schraube bei einem ihrer Sprünge anhängen zu wollen. Lieber früher als später. Doch im Sport ist wenig planbar, auch ein neuer Sprung nicht. In den vergangenen zwei Jahren hatte sie ein happiges Wettkampfprogramm zu bewältigen. Fand die 21jährige Gossauerin dennoch einmal Zeit, wurde sie durch eine Blockade oder eine Verletzung gestoppt. Auch diesen Sommer.

Ende August stürzte Steingruber im Training am Stufenbarren und zog sich eine Rückenverletzung zu. Drei Wochen lang konnte sie kaum an den Geräten trainieren. Der Wunsch nach einem neuen Sprung muss sie deshalb erneut auf später verschieben. Viel Zeit bleibt dann aber nicht mehr. Bis zum olympischen Testevent im April müsse sie den Sprung können, sagt Nationaltrainer Zoltan Jordanov. Sonst ist es für Olympia zu spät.

Immer stärkere Gegner

An der WM in Schottland, die heute mit der Qualifikation der Frauen beginnt, startet Steingruber deshalb am Sprung höchstens mit Aussenseiterchancen. In den vergangenen Jahren erreichte sie zwar jeweils den Final. Aufs Podest schaffte sie es allerdings nie. In Glasgow wird es gar noch schwieriger. Während Steingruber in den vergangenen zwei Jahren stehengeblieben ist, haben die anderen Turnerinnen im Hinblick auf die Olympischen Spiele 2016 einen Schritt nach vorne gemacht. Gerade beim Schwierigkeitsgrad kann sie mit den Athletinnen aus den USA, Russland und Nordkorea nicht mithalten. Und auch aus kleineren Nationen gibt es immer mehr, die sich auf den Sprung spezialisieren. «Die Konkurrenz wird jedes Jahr stärker», sagt Steingruber.

Vor diesem Hintergrund wird Steingrubers Vielseitigkeit immer wichtiger. Im Mehrkampf ist an der WM ein Platz unter den besten zehn möglich. Auch am Balken ist mit einer Finalteilnahme zu rechnen. Am stärksten ist die Mehrkampf-Europameisterin jedoch am Boden. Dort hat sie mittlerweile mindestens so gute Aussichten auf eine Top-Plazierung wie am Sprung – wenn nicht sogar bessere.

Neue Höchstschwierigkeiten

Im Hinblick auf die WM hat Steingruber diesen Sommer eine neue Übung einstudiert. Am Boden fällt ihr das jeweils leichter. «Etwas Neues zu lernen, motiviert mich», sagt Steingruber. «Und es bringt auch neuen Schwung in den Mehrkampf.» Die Hauptprobe für die neue Bodenübung war Anfang Oktober an der Schweizer Meisterschaft in Winterthur. Dort zeigte sie zum ersten Mal den Doppelsalto mit Doppelschraube – und holte den Titel. Eine zweite Höchstschwierigkeit, Doppelsalto gestreckt mit Schraube, hat sie ebenfalls neu im Repertoire. Ob sie an den Titelkämpfen in Schottland beide Diagonalen zeigen wird, ist jedoch offen. «Ich hoffe sehr, dass ich es schaffe», sagt die Ostschweizerin. «Wenn das Adrenalin beim Wettkampf da ist, habe ich ohnehin mehr Power.» Ihr Trainer hingegen ist zurückhaltender. Jordanov ist einer, der lieber kein Risiko eingeht und auf Sicherheit setzt. «Die Qualität steht im Vordergrund», sagt er. Wer sich am Ende durchsetzten kann, wird sich bald zeigen. So oder so steht jedoch fest, dass Steingruber seit 2013 nicht stehengeblieben ist.