STEIGERUNG: Die Verunsicherung abgestreift

Die St. Galler Sprinterin Salomé Kora hat sich zur bisher zweitschnellsten Schweizerin überhaupt gesteigert – eine Entwicklung, die sich bis vor kurzem nicht abgezeichnet hatte.

Jörg Greb
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Der 23-jährigen Salomé Kora fehlte Anfang Saison «der letzte Biss». Nun hat sie ihn wieder. (Bild: Ralph Ribi)

Der 23-jährigen Salomé Kora fehlte Anfang Saison «der letzte Biss». Nun hat sie ihn wieder. (Bild: Ralph Ribi)

Jörg Greb

In einem Teufelskreis fühlte sich Salomé Kora – unverhofft, unerklärlich, plötzlich. Die 23-jährige Sprinterin vom LC Brühl startete Mitte Mai mässig in die Freiluftsaison. 11,61 Sekunden und 11,74 entsprachen nicht ihren Vorstellungen und Ansprüchen. Neunmal war sie im vergangenen Jahr unter ihren ersten beiden 100-m-Freiluftzeiten geblieben. Das verunsicherte. Und erinnerte an die vergangene Hallensaison, in der sie nach einem dreimonatigen Trainingsaufenthalt in Florida in der hochklassigen Trainingsgruppe von Coach Loren Seagrave nie auf Touren kam und sich nur als Nummer sechs der Schweiz über 60 m (7,47) rangiert sah.

«Mir fehlt der letzte Biss, die absolute Motivation», erkannte Kora und ihre Betreuer. Da erinnerte sie sich an ihre einstige Mentaltrainerin. Das Wiederbeleben des Kontaktes machte sich sofort bezahlt. An Auffahrt lief sie «mit einer Riesenfreude, einer absoluten Leistungsbereitschaft und ohne Angst». In unglaublichen 11,27 wurde die Ostschweizerin gestoppt, nur einen Hundertstel über der WM-Limite. Irregulär machte das Rennen der Wind: Mit 2,6 m/s unterstützte er sie ein wenig zu stark. Den regelkonformen Formbeweis erbrachte Kora zehn Tage später in Zofingen. Auf 11,38 liess sie 11,34 folgen, beides bei regulären Bedingungen, die neue Bestmarke gar bei leichtem Gegenwind. Auf Position zwei in der Schweizer Allzeit-Bestenliste hinter der letztjährigen EM-Dritten Mujinga Kambundji schob sie sich vor, auf Augenhöhe mit der früheren Rekordhalterin Mireille Donders.

Bemerkenswert macht den Leistungssprung von Salomé Kora der Zeitpunkt. Mitten im dreiwöchigen Praktikum in der Ausbildung zur Oberstufenlehrerin befindet sie sich. «Ich hatte Respekt vor dieser Doppelbelastung», sagt sie. Fehlende Erholungszeit, weniger Möglichkeiten für Physiotherapie, ein Verlust der totalen Aufmerksamkeit für den Sprint und dessen Training sah sie auf sich zukommen.

Acht Hundertstel fehlen zur WM-Limite

Die Befürchtungen erwiesen sich als unbegründet. Weit mehr präsentieren sich Salomé Kora neue Perspektiven. Zur WM-Limite – «etwas, wovon ich anfangs Saison nicht zu träumen wagte» – fehlen nur noch acht Hundertstel. «Damit liebäugeln ist nun erlaubt», sagt sie. Auf ein Rennen mit Rückenwind und hohen Temperaturen hofft sie. Von solch idealen Bedingungen profitierte sie noch nie in diesem Frühling. Die interne Konkurrenz – die Dichte im Schweizer Frauensprint ist höher denn je – sieht die Arneggerin als zusätzliche Chance: «Alle wollen wir schneller werden, das erhöht zwar den Druck, eröffnet aber auch weitere Möglichkeiten.»

An die 4 x 100-m-Sprintstaffel denkt sie in erster Linie. Unter den 16 besten Equipen weltweit muss sich die Schweiz befinden, um an der WM in London Mitte August dabei zu sein. «Wir müssen die Möglichkeiten nutzen und den Schweizer Rekord hinunterdrücken», sagt Kora. In Genf am kommenden Samstag bietet sich die erste Gelegenheit dazu. Dann will sie ihren «Beitrag beisteuern». Und das längerfristig. Nach dem Praktikum will sie Blocks von zwei bis drei Tagen fürs Training mit den Staffelkolleginnen in Lausanne nutzen. «Wir als Team wie auch ich als Einzelathletin sind weiter steigerungsfähig», ist sie überzeugt. Und ihre Position in der Schweizer Hierarchie hat sie in den vergangenen Wochen definitiv zurückerobert.