Stav Jacobi entfacht eine neue Dynamik

Ein Schweizer kommt aus Zürich nach Südfrankreich, wo Volleyball traditionell stark verankert ist, und will das Spitzenvolleyball umkrempeln.

Andreas Eisenring, Cannes
Drucken
Teilen
Stav Jacobi, Verwaltungsratspräsident von Voléro Le Cannet. (Bild: Andreas Eisenring)

Stav Jacobi, Verwaltungsratspräsident von Voléro Le Cannet. (Bild: Andreas Eisenring)

Mit der Auslagerung des Spitzenteams Voléro Zürich nach Cannes und der Integration in die französische Meisterschaft hat sich der 51-jährige Stav Jacobi einmal mehr als Macher profiliert. Sein erstes Ziel, dass seine Spielerinnen im Meisterschaftsalltag mehr gefordert werden als in der Schweiz – Voléro Zürich gewann in 14 Jahren 13-mal das Double – hat er bereits erreicht. Voléro Le Cannet mischt zwar an der Spitze mit, belegt aber hinter Mulhouse und Stadtrivale RC Cannes momentan nur den dritten Platz. «Jacobi hat in der Szene eingeschlagen wie ein Meteorit und nicht nur unseren Club, sondern auch den französischen Volleyball wachgerüttelt», sagt Jelena Lozancic, die neue Präsidentin von Voléro Le Cannet und ehemalige französische Nationalspielerin. «Er hat ein grosses Wissen, und wir lernen von ihm jeden Tag dazu. Er setzt sich hohe Ziele und fordert auch von uns sehr viel, aber er gibt uns auch Zeit zu lernen.»

Jacobi Verwaltungsratspräsident von Voléro Le Cannet

Wie Voléro Zürich wurde Le Cannet in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Jacobi ist Verwaltungsratspräsident. Er verdient sein Geld in der Immobilienbranche und in der Industrieproduktion. Solch radikale Veränderungen wecken naturgemäss Ablehnung und rufen Neider auf den Plan. Doch trotz angeschlagener Gesundheit – Jacobi leidet an einer seltenen Autoimmunkrankheit, die ihm schon mehrfach lebensbedrohliche Herzbeschwerden bereitet hat – verfolgt er seine Ziele unermüdlich. Schonungslos gegenüber sich selbst begleitet er seine Missionen jeweils mit Tat- und Überzeugungskraft. Selbst die Konkurrenz begrüsst die neue Konkurrenz. So tönt es auch beim bisher erfolgreicheren Stadtrivalen RC Cannes, dem Rekordmeister und zweifachen Champions-League-Sieger, nur positiv. «Stav setzt sich voll und ganz für die Sache Volleyball ein, nicht nur für seinen Verein», sagt Veronica Ravva, Clublegende und neu CEO bei Cannes. «Ich sehe diese Konkurrenz positiv. Und wer weiss, vielleicht wird man sogar zusammenarbeiten oder in Zukunft einmal fusionieren. Ich bin jedenfalls offen für solche Gedanken.»

Auf die Frage, wie sich das Fusionsprodukt entwickle, sagt Jacobi: «Es läuft harzig, aber das ist gut so. Das Ganze muss langsam wachsen, das braucht Zeit.» Dass Le Cannet momentan schwächer einzustufen ist als seinerzeit das beste Voléro Zürich, ist gewollt.

Weniger Budget als in Zürich

Aktuell beträgt das Budget deshalb nur 1,8 Millionen Franken, also knapp die Hälfte von vorher. «Aber es wird der Moment kommen, wo das Ziel Champions League wieder Priorität haben wird. Und dann müssen wir bereit sein,» so Jacobi. Die Aufbruchstimmung an der Côte d’Azur ist spürbar. Jacobi hat im französischen Volleyball eine neue Dynamik ausgelöst – nicht unwichtig im Hinblick auf 2024, wenn Paris die Olympischen Sommerspiele ausrichten wird.