STARVETERAN: «Das Geheimnis steckt in mir drin»

Der 44jährige Noriaki Kasai ist ein Phänomen. Der Japaner ist der mit Abstand älteste Sieger eines Weltcup-Skispringens. Vor dem Wettkampf in Engelberg sagt er, wie er so gut in Form geblieben ist.

Daniel Wyrsch/Engelberg
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Immer bereit für neue Höhenflüge: Noriaki Kasai. (Bild: Geir Olson/EPA)

Immer bereit für neue Höhenflüge: Noriaki Kasai. (Bild: Geir Olson/EPA)

Daniel Wyrsch/Engelberg

Wir treffen Noriaki Kasai in der Lobby des Hotels Waldegg in Engelberg. Der 44jährige Japaner gehört nach 28 Jahren und über 500 Weltcup-Springen immer noch zu den besten seiner Sportart. Ende November 2014 feierte Kasai seinen bisher letzten Weltcupsieg – 17 sind es insgesamt. Im Vorjahr belegte er in Engelberg Platz drei.

Noriaki Kasai, mit 44 Jahren gehören Sie immer noch zu den weltbesten Skispringern. Verraten Sie uns das Geheimnis, wie Sie sich körperlich so gut gehalten haben?

Noriaki Kasai: Diese Frage stellen mir auch viele japanischen Journalisten. Eigentlich weiss ich es selber nicht. Vielleicht muss man mich aufschneiden und eine Autopsie durchführen. Das Geheimnis steckt in mir drin, in meinem Körper.

Seit der Saison 1988/89 springen Sie im Weltcup. Seither hat sich die Sportart enorm verändert, man denke nur an das Reglement mit den heute eng anliegenden Anzügen, den Gewichtsvorgaben und kürzeren Ski. Sie haben all den Wandel überstanden. Wie haben Sie das geschafft?

Ich hasse es zu verlieren! Darum musste ich immer viel Aufwand betreiben, um die Veränderungen erfolgreich zu überstehen. Dazu kommt aber auch, dass ich das Skispringen liebe. Das sind sicher die zwei Hauptgründe. Meine japanischen Kollegen hatten an den Olympischen Spielen 1998 in Nagano mit dem Team Gold geholt, ich war nicht dabei. Ich wollte diese Goldmedaille ebenfalls gewinnen, darum habe ich mich immer sehr angestrengt und konnte mich den Neuerungen anpassen. Sonst hätte ich meine Ziele nicht erreicht.

Sind Sie immer noch auf der Jagd nach diesem fehlenden olympischen Gold?

In Sotschi 2014 gewann ich Silber und Bronze. Dort habe ich gespürt, dass ich unbedingt die Goldmedaille holen will. Obwohl ich mit meiner Leistung zufrieden war, wuchs in mir diese neue Motivation, Olympiasieger zu werden. Für mich als Sportler ist es wichtig, Ziele zu haben.

Vor einem Jahr belegten Sie in Engelberg den dritten Platz. Wäre es Ihnen lieber gewesen, wenn die Titlis-Schanze in der Zwischenzeit nicht neu gebaut worden wäre?

Hier in Engelberg habe ich in der vergangenen Saison meine Form gefunden. Jetzt ist es wieder mein Ziel, auf der neuen Schanze gut zu springen, nachdem der Saisonstart nicht ganz so ausfiel, wie ich mir das vorgestellt hatte. Ich bin auf der neuen Anlage noch nicht gesprungen, aber die Schanze sieht von unten gut aus. Das Besondere ist, dass es keinen Turm gibt und wir hier von einer Naturschanze am Berg Anlauf nehmen. Ich bin gespannt, wie ich heute im Training und in der Qualifikation abschneiden werde.

Wie motivieren Sie sich, nach 28 Jahren im Weltcup immer noch von Ort zu Ort zu reisen?

Bis ich etwa 35jährig war, habe ich mich damit schwergetan. Die Reisen sind anstrengend. Ich vermisste das Zuhause und das japanische Essen. Aber in den vergangenen neun, zehn Jahren habe ich das Reisen zu geniessen begonnen und mich auf die Wettkampforte gefreut. Es ist für mich heute ein Privileg, überhaupt an den Wettkämpfen teilnehmen zu können. Besonders freue ich mich über die vielen Anhänger, die mich überall anfeuern. Das gibt mir eine grosse Motivation. In der vergangenen Saison bestritt ich mein 500. Weltcup-Springen. Ich habe einfach mehr Spass als früher.

Ein Vorteil ist sicher, dass Sie die Wettkampforte bestens kennen. Stimmt es, dass Sie hier nach den Springen ein Raclette oder Fondue essen?

Ja, ich mag Raclette und Fondue sehr. Aber vor den Wettkämpfen muss ich darauf verzichten. Ich habe sogar ein kleines Öfeli fürs Raclette mit dabei, ein Käsefondue werde ich dann am Sonntagabend in einem Restaurant essen.

Existiert das Wort Rücktritt überhaupt für den Veteran Noriaki Kasai überhaupt?

Nein, darum habe ich mich noch nie gekümmert.

Vor allem dann nicht, wenn Olympia 2026 in Sapporo stattfinden würde. Zwar dauert es noch über neun Jahr bis dahin, ist es trotzdem ein Fernziel für Sie?

Mit 40 Jahren steckte ich mir das Ziel, dass ich bis 50 weitermache. 1998 in Nagano dachte ich, dass dies meine einzigen Olympischen Spiele in Japan sein werden. Falls 2026 tatsächlich Sapporo die Austragungsstadt sein wird, möchte ich wieder dabei sein, denn ich lebe dort. Dann werde ich 54 Jahre alt sein.

Simon Ammann ist 35jährig und macht eine schwierige Karrierephase durch. Könnte er trotzdem dereinst Ihnen nachfolgen und mit über 40 noch an der Spitze springen?

Ich hatte auch einmal eine längere Zeit mit schlechten Resultaten nach einem schweren Sturz, als ich das Vertrauen ins Springen wieder finden musste. Ich glaube, das ist bei Simon Ammann gegenwärtig der Fall. Ich hoffe, dass der Schweizer Champion dieses Trauma sehr bald überwinden kann.