Stars und Musik zum Anfassen in Mammern

MAMMERN. Mit einem ersten Höhepunkt und dem Auftritt von Violine-Jungstar Bogdana Pivnenko hat das Festival Mammern Classics am Donnerstag vor recht zahlreichem Publikum unterm Zirkuszelt am See begonnen.

Ursula Litmanowitsch
Merken
Drucken
Teilen
Mammern Classics: Bogdana Pivnenko, Dirigent Liutauras Balciunas. (Bild: pd/Oleg Pavlyuchenka)

Mammern Classics: Bogdana Pivnenko, Dirigent Liutauras Balciunas. (Bild: pd/Oleg Pavlyuchenka)

Sie bricht in glühende Dramatik aus, behält den Dialog mit dem Publikum und dem Orchester von Anfang bis Schluss. Einfühlsam und innig. Leidenschaftlich und möglicherweise auch ein bisschen von der Populär-Interpretation der «schluchzenden Geige» geleitet. Aber stets in der richtigen Dosierung.

Dafür erntete der bei uns noch weitgehend unbekannte ukrainische Geigenstar Bogdana Pivnenko unüblichen und langanhaltenden Applaus bereits nach dem ersten Satz von Tschaikowskys Violinkonzert op. 35. Was die rassig auftretende Musikerin natürlich freute, sie aber auch ein bisschen zu irritieren schien. Die Violinistin verzauberte mit ihrem emotionsgeladenen Spiel die Premierengäste unterm Chapiteau vollends.

Akzeptabler Nachhall im Zelt

Pivnenko ist eine Meisterin der leuchtenden Schärfe des Tons. Und sie war der strahlende Mittelpunkt des ersten Konzertabends von Mammern Classics. Es findet im Zirkuszelt von Alfredo Nock statt – erfreulich ist die erstaunlich gute Akustik mit akzeptablem Nachhall. In der Pause zeigte sich die Solistin ungezwungen unter den Gästen. Stars zum Anfassen, Musik zum Anfassen – das ist das Geheimrezept des umtriebigen Intendanten David Lang. Es hatte gleich zu Beginn der diesjährigen Konzertreihe wiederum Erfolg.

Der künstlerische Leiter des Festivals und Chefdirigent Liutauras Balciunas legte weitgehend eine genuine Sicherheit mit dem Orchester zutage. Die Philharmonie Lugansk aus der Ukraine modelliert er mit seinem Dirigat über weite Strecken ohne Taktstock, liefert vielmehr eine Schau auf dem Podest, die seinesgleichen sucht. Vielleicht sein Geheimrezept, alles aus dem 50köpfigen Apparat herauszukitzeln?

Keine Steigerung mehr möglich

Streckenweise und vor allem in der eingangs gegebenen Genoveva-Ouverture op. 81 von Schumann hatte man dann aber doch den Eindruck, dass das Orchester recht eigenständig spielt und unter Konzertmeister Yurii Kyrychenko genau weiss, worauf es sich dabei einlässt. Herausragend das Holz, vereinnahmend das Blech und durchpulst die Streicher. Balciunas zieht in Tschaikowskys Fünfter von Anfang an alle Register, was Dynamik und Tempi anbelangt. Das bedeutet, dass die Kurve immer oben ist, keine Steigerung mehr zulässt, wo sie vielleicht nötig wäre. Der langsame Satz gelingt dann aber mit gefühlvoller Kantabilität, ohne in Sentimentalität auszuufern. Etwas gewöhnungbedürftig vielleicht die Temporückungen im Finale, aber die instinktsichere Art, in der Balciunas die Phrasen formt, die Farben zueinander stellt und den Satz aufleuchten lässt, entschädigt.

Was das interpretatorische Ziel anbelangt, so war ein Orchester am Werk, das hörbar danach gierte, all seine Qualitäten bis zur Neige auszuschöpfen. Das machte den Abend lebendig, die Musik vom Herzen kommend und zum Herzen gehend.