Starke Leistung bleibt unbelohnt

Die Schweizerinnen erleben in der WM-Abfahrt eine Enttäuschung. Die Schwyzerin Nadja Kamer verpasst das Podest um vier Hundertstelsekunden, und Dominique Gisin stürzt. Weltmeisterin wird überraschend die Französin Marion Rolland.

Christof Krapf/Schladming
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schnitt - Nadja Kamer of Switzerland reacts in the finish area during the Women's Downhill race at the FIS Alpine World Ski Championships in Schladming, Austria, Sunday, February 10, 2013. The Alpine Skiing World Championships in Schladming take place from 04 to 17 February 2013. (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott) (Bild: JEAN-CHRISTOPHE BOTT (KEYSTONE))

schnitt - Nadja Kamer of Switzerland reacts in the finish area during the Women's Downhill race at the FIS Alpine World Ski Championships in Schladming, Austria, Sunday, February 10, 2013. The Alpine Skiing World Championships in Schladming take place from 04 to 17 February 2013. (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott) (Bild: JEAN-CHRISTOPHE BOTT (KEYSTONE))

SKI ALPIN. Ein Wimpernschlag fehlte Nadja Kamer in der WM-Abfahrt zur Bronzemedaille. Die Schwyzerin verlor am Ende nur vier Hundertstelsekunden auf die Deutsche Maria Höfl-Riesch und musste sich mit dem undankbaren vierten Platz zufriedengeben. Kamer versuchte nicht, ihre Enttäuschung zu verbergen. «Von einem vierten Rang redet später niemand. Mit einer solchen Leistung das Podest knapp zu verpassen ist das Schlimmste, das es gibt», sagte die 26-Jährige. Sie suchte vergeblich nach der Stelle, wo sie die entscheidenden Sekundenbruchteile verloren hatte. «Ich war in ein, zwei Situationen etwas zu weit vom Tor entfernt. Ansonsten war die Fahrt fehlerfrei.»

Für Kamer – sie ging mit Startnummer 15 ins Rennen – begann das Zittern im Ziel. «Ich war nach meinem Lauf nervöser als am Start.» Die Schweizerin war zunächst 58 Hundertstelsekunden hinter der zu jenem Zeitpunkt führenden Italienerin Nadia Fanchini auf Rang zwei plaziert. Nach Kamer startete Höfl-Riesch und blieb vier Hundertstelsekunden vor der Schweizerin.

Glück im Unglück für Gisin

Zwar verdrängten weder die Slowenin Tina Maze noch die Amerikanerin Julia Mancuso – die beiden hatten im Super-G Gold und Bronze gewonnen – Kamer vom dritten Rang. Als im Zielraum bei der Schweizerin etwas Hoffnung aufkeimte, gelang Marion Rolland ein Exploit. Sie blieb 16 Hundertstelsekunden vor Fanchini, wurde überraschend Weltmeisterin und verdrängte Kamer vom Podest. «Leider hatte ich nicht das Wetterglück von Rolland. Bei meiner Fahrt war die Sicht im oberen Streckenteil nicht ideal», sagte Kamer. Enttäuscht war sie auch, weil ihr die Abfahrtsstrecke von Schladming eigentlich liegt. «Wer weiss, ob ich noch einmal eine solche Chance erhalten werde. Alles hat gepasst, und auf der Piste habe ich mich wohl gefühlt.» Um die Enttäuschung zu verdauen, zog sich Kamer nach dem Rennen ins Schweizer Teamhotel zurück. Um «durchzuatmen und mich etwas zu sammeln», so die Innerschweizerin. Aus einer weiteren Medaillenfeier im «House of Switzerland» wurde nichts. Stattdessen traf sich Kamer dort mit ihrer Familie zum Abendessen. Cheftrainer Hans Flatscher war zwar enttäuscht, mit der Leistung der Schwyzerin aber zufrieden. «Nadja ist technisch noch nicht so ausgereift, dass sie die Konstanz in jedem Rennen bestätigen kann», sagte Flatscher.

Stark unterwegs war in der WM-Abfahrt auch Dominique Gisin. Bei den ersten beiden Zwischenzeiten führte die Obwaldnerin noch. Danach stürzte sie allerdings in einer Kurve, wurde in die Fangnetze geschleudert und stürzte auf den Kopf. Die 27-Jährige wurde zu Untersuchungen ins Spital transportiert. Von dort aus meldete sie via Twitter: «Es war ein ziemlicher Schock. Ich habe alles riskiert. Ich bin happy, dass meine Knie in Ordnung sind.» Abgesehen von einer Schürfung blieb auch Gisins Kopf unversehrt. Allerdings brach sie sich den rechten Mittelhandknochen – eine Operation wird nicht nötig sein. «Ich habe mich nach Rennen schon besser gefühlt, aber es geht mir schon wieder gut», sagte die Engelbergerin. Ob Gisin im Riesenslalom am kommenden Donnerstag starten wird, entscheidet sich kurzfristig.

Dritte Medaille für Frankreich

Die Schweizer Enttäuschung machten Lara Gut und Marianne Kaufmann-Abderhalden perfekt. Gut, Silbermedaillengewinnerin im Super-G, wurde 16., die Toggenburgerin Kaufmann-Abderhalden kam nicht über Rang 20 hinaus. «Ich bin schlecht gefahren. Ich muss nun versuchen, das Negative auszublenden», so Gut.

Während die Schweiz auf ihren zweiten WM-Podestplatz wartet, sicherte Rolland Frankreich die dritte Medaille. Die 30-Jährige hat noch nie ein Weltcuprennen gewonnen. Ihr Bestresultat ist ein zweiter Rang, den sie im vergangenen Jahr ausgerechnet in Schladming erreichte. Grossanlässe brachten Rolland bisher kein Glück. An den Olympischen Spielen 2010 in Vancouver schied sie nach zwei Sekunden aus und riss sich das Kreuzband. «Als ich vor der WM-Abfahrt erwachte, wusste ich, dass dies mein Tag werden kann. Ich habe an mich geglaubt», sagte Rolland.

Bei Nadja Kamer (oben) weicht die Freude über ihre gute Fahrt bald der Enttäuschung über den vierten Platz. Überraschungssiegerin Marion Rolland verdrängt die Schweizerin vom Podest. (Bilder: ky/freshfocus)

Bei Nadja Kamer (oben) weicht die Freude über ihre gute Fahrt bald der Enttäuschung über den vierten Platz. Überraschungssiegerin Marion Rolland verdrängt die Schweizerin vom Podest. (Bilder: ky/freshfocus)