Stark dank fremder Wurzeln

Die Schweizer Auswahl wird auch am Freitag im WM-Spiel gegen Frankreich auf Secondos setzen. Was machen Fussballer mit ausländischem Hintergrund besser als andere? Eine Spurensuche in der Ostschweiz.

Ralf Streule
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Boris Babic (links), St. Gallens Talent mit serbischem Hintergrund, stürmt für die Schweizer U17-Auswahl. «Wir aus dem Balkan sind durchgeknallter.» (Bild: getty/Sascha Steinbach)

Boris Babic (links), St. Gallens Talent mit serbischem Hintergrund, stürmt für die Schweizer U17-Auswahl. «Wir aus dem Balkan sind durchgeknallter.» (Bild: getty/Sascha Steinbach)

Zum Beispiel Boris Babic. Der 16-Jährige aus dem St. Galler Nachwuchs, der seit einigen Tagen mit der ersten Mannschaft trainiert, strahlt, als ihm die Frage gestellt wird. Weshalb schaffen es die Schweizer mit Wurzeln im Ausland öfter ganz nach oben? «Viele von uns sind durchgeknallter, sind von Haus aus frecher, vielleicht ist es das», sagt Babic. Seine Eltern sind aus Serbien in die Schweiz gekommen, er ist in Walenstadt aufgewachsen. Es sei wohl die Mischung aus dem quirligen, draufgängerischen Südosteuropäer und der sehr guten Schweizer Ausbildung, die es ausmache, sagt der Schweizer U17-Internationale. Und nimmt darauf gleich die «richtigen Schweizer in der Nati» in Schutz: Im Spiel gegen Ecuador seien die Secondos dank ihrer Tore und Assists zwar aufgefallen, Spieler wie Stephan Lichtsteiner oder Steve von Bergen aber hätten die «Drecksarbeit» verrichtet, also viel gearbeitet, damit es überhaupt zum Sieg habe kommen können.

Schweiz ist Secondo-Spitzenreiter

Tatsache ist: Von allen 32 Mannschaften an der WM ist das Schweizer Team das internationalste. 15 Spieler mit zusammengezählt 21 Vernetzungen ins Ausland werden in einer WM-Statistik ausgewiesen. Damit ist man Spitzenreiter vor Australien mit 18 Verbindungen. Erklärungen für die Dominanz der Schweizer Secondos gibt es viele, auch wenn man sich im Ostschweizer Fussball umhört. Ivo Sulzberger, Leiter Administration beim St. Galler Nachwuchsprojekt Future Champs Ostschweiz, spricht davon, dass die jungen Spieler mit Wurzeln im Ausland konsequenter in der Umsetzung ihrer Zielsetzungen sind. «Sie zeigen eine höhere Bereitschaft, sind ambitionierter, setzen bedingungsloser auf die Karte Fussball und sind bereit, Risiken einzugehen.» Der Blick auf die nationalen Kader im Nachwuchsbereich bestätigten dies. Ein Elternhaus, das weniger auf Sicherheit setze, erhöhe ganz einfach die Erfolgschancen. Allerdings denke man im Nachwuchsprojekt «schweizerisch»: Die schulische Ausbildung nimmt den gleichen Stellenwert ein wie die fussballerische.

«Wohl eine Erziehungsfrage»

Beim SC Brühl, dem St. Galler Club aus der Promotion League, haben rund 60 Prozent der Nachwuchsspieler Wurzeln im Ausland. «Etwas, das wir längst nicht mehr wahrnehmen», sagt Vizepräsident Richard Zöllig. Zu tun habe es wohl auch damit, dass Fussball gerade in Balkanländern einen hohen Stellenwert habe, was sich im Erfolg bei den Auswahlen Kroatiens oder Bosnien-Herzegowinas zeige. Brühl-Präsident René Hungerbühler erwähnt, dass sich junge Spieler aus diesen Ländern oft früher entwickeln. «Schweizer holen aber meist schnell wieder auf.» Entscheidend sei eher, ob ein Spieler mit 20 Jahren den Biss habe, weiterzumachen. Hier zeige sich, dass Schweizer Eltern den Jungen ganz andere Prioritäten mitgeben. «Es ist wohl auch eine Erziehungsfrage.»

Axel Thoma, Trainer des FC Wil, versucht das Phänomen unter anderem mit einem gesellschaftlichen Ansatz zu erklären. Er bezeichnet Fussball als klassische Sportart der Arbeiterklasse: «Fussball kann jeder ohne grosse Investitionen ausüben.» Demgegenüber hätten sich die sozial besser Gestellten, also in der Schweiz meist die Einheimischen, von Beginn weg eher auf die Zuschauerrolle fokussiert. «Diese Unterschiede zeigen sich aber auch unabhängig des Kulturkreises.»

Albert Bunjaku schliesslich, der bis 2010 für die Schweiz spielte, nun für Kosovo antritt und gestern sein erstes Training im Dress der St. Galler absolviert hat, sieht einen anderen Punkt: «Secondos haben der Schweiz viel zu verdanken. Das wollen sie zurückgeben.» Eine einfache Erklärung ist schliesslich von Jugendlichen aus der St. Galler Nachwuchsabteilung zu hören: «Schweizer gehen mit ihren Eltern wandern und machen Ausflüge. Die Ausländer tschutten.»

Bild: RALF STREULE

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