Stan Wawrinka ist zurück am Wendepunkt und sagt: «Es ist ein ständiger Kampf»

Stan Wawrinka gewinnt zum zweiten Mal bei den diesjährigen Australian Open einen Fünfsatzmatch. Gegen den Russen Daniil Medwedew (ATP 4) setzt er sich nach 3:25 Stunden mit 6:2, 2:6, 4:6, 7:6, 6:2 durch.

Simon Häring, Melbourne
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Mit einer Niederlage begann Stan Wawrinkas Karriere als Sieger.

Mit einer Niederlage begann Stan Wawrinkas Karriere als Sieger.

Bild: Keystone

Er war der Mann der langen Spiele, dann der Mann, der sich als Schweizer bezeichnete, der immer verliert. Bis er im Alter von fast 29 Jahren eine neue Rolle im Tennis-Zirkus gefunden hatte – die des Siegers. Kein Turnier spiegelt die Karriere von Stan Wawrinka besser wider, als die Australian Open. 2013 verlor er zwar in den Achtelfinals gegen Novak Djokovic in fünf Sätzen. Es war heiss, die Atmosphäre elektrisierend. Erst um 01:45 Uhr Ortszeit endete die Partie. Nach 5:02 Stunden Spielzeit verlor der Romand mit 6:1, 5:7, 4:6, 7:6, 10:12 bereits zum neunten Mal in Folge gegen Djokovic. Doch die Niederlage in jener Nacht bezeichnet Wawrinka heute selber als Wendepunkt. Er sagt:

«Damals ist etwas passiert. Erst an diesem Tag merkte ich, dass ich den Besten der Welt schlagen kann.»

Australian Open 2013: Wawrinka verliert gegen Djokovic

Sein Gefühl sollte ihn nicht täuschen: Im Jahr darauf traf Wawrinka bei den Australian Open wieder auf Djokovic – diesmal in den Viertelfinals. Wieder ging es über fünf Sätze. Wie schon im Herbst zuvor, als er bei den US Open erstmals den Halbfinal eines Grand-Slam-Turniers erreicht hatte, wo er noch einmal gegen den Serben verloren hatte. Getreu den Worten Samuel Becketts, die er sich auf den linken Unterarm hat stechen lassen:

«Immer versucht. Immer gescheitert. Egal. Versuch es wieder. Scheitere wieder. Scheitere besser.»

Wieder geht es in den fünften Satz. Wieder droht Wawrinka zu scheitern. Nicht diesmal. «Ich sagte mir: ‹Heute ist mein Tag. Heute lasse ich ihn nicht mehr davonkommen. Das ist mein Moment.›» Es ist sein Moment. Wawrinka besiegte Djokovic, danach auch Tomas Berdych, und im Final die Weltnummer 1, Rafael Nadal. Im Alter von knapp 29 Jahren gewann Wawrinka seinen ersten Grand-Slam-Titel.

Der Triumph in Melbourne änderte alles. Mit ihm begann ein neues Leben. Jenes als Sieger. Stan Wawrinka, der nie davon geträumt hat, ein Grand-Slam-Turnier zu gewinnen, und das Rampenlicht scheut. Stan Wawrinka war es aber auch, der später einmal sagte, Siege würden süchtig machen.

«Sie sind wie eine Droge.»

2015 gewann er in Roland Garros, 2016 bei den US Open, ehe er sich im Sommer 2017 wegen eines Knorpelschadens im linken Knie zwei Mal operieren lassen musste und ein halbes Jahr aussetzte. Damit begann sein drittes Leben. Jenes, in dem Wawrinka sich fragte, ob er es noch einmal ganz an die Spitze schaffen würde. Das erste Jahr nach der Verletzung beendete er im 66. Rang der Weltrangliste. Im zweiten erreichte er die Viertelfinals in Roland Garros und bei den US Open.

Stan Wawrinkas Tattoo auf dem linken Unterarm.

Stan Wawrinkas Tattoo auf dem linken Unterarm.

Bild: Keystone

«Du kannst dich nicht verstecken, du kannst dich nicht belügen»

Und nun ist Stan Wawrinka zurück am Schauplatz, der zum Wendepunkt seiner Karriere wurde. Zurück in den Viertelfinals, zum 5. Mal bei den Australian Open, zum 18. Mal bei einem Grand-Slam-Turnier. Von den noch aktiven Spielern übertreffen nur Roger Federer (57), Novak Djokovic (46), Rafael Nadal (40) und Andy Murray (30) diese Marke. Mit Daniil Medwedew (ATP 4), den er mit 6:2, 2:6, 4:6, 7:6, 6:2 bezwingt, schlägt er erstmals seit seiner Verletzung einen Spieler aus den Top 5 der Welt. Wawrinka sagt:

«Das letzte Mal spielte ich vor meiner Verletzung so gut Tennis. Die Tiefen sind weniger tief, die Höhen höher, aber es bleibt ein ständiger Kampf.»

Tennis ist sein Leben, sein Ventil, seine Leidenschaft. «Ich liebe, was ich tue. Ich liebe es, zu spielen. Ich liebe es, um die Welt zu reisen und vor Publikum zu spielen. Tennis zu spielen, ist ein grosses Glück.»

Wawrinka hatte sich im Winter zurückgezogen, sich Zeit genommen. Er habe sich gefragt, welche Ziele er noch habe. Und was er zu investieren bereit sei. «In diesen Momenten musst du immer ehrlich zu dir selber sein. Du kannst dich nicht verstecken. Du kannst dich nicht anlügen.» Wawrinka fand Antworten. Er möchte den Final der acht Jahresbesten erreichen, bei dem er von 2013 bis 2016 schon dabei war. Und dann tat Stan Wawrinka das, was er immer tat: arbeiten, arbeiten, arbeiten.

«Denn ich weiss, dass mir nicht mehr viele Jahre bleiben. Und in denen möchte ich das Maximum herausholen.»

Er will die Zitrone bis zum letzten Tropfen Saft auspressen. Wawrinkas Gegner in den Viertelfinals ist der Deutsche Alexander Zverev (ATP 7), gegen den Wawrinka die beiden bisherigen Duelle verloren hat, und der noch immer auf seinen ersten Grand-Slam-Titel wartet.

Wawrinkas Gegner in den Viertelfinals der Australian Open: Alexander Zverev.

Wawrinkas Gegner in den Viertelfinals der Australian Open: Alexander Zverev.

Bild: Keystone

Anfang des Jahres wurden einige Tennis-Grössen gefragt, welche mutige Prognose sie für die neue Saison stellen würden. Fast alle sagten, es gebe einen neuen Grand-Slam-Sieger. Nur Stan Wawrinka nicht. Er sagte, er glaube dass Rafael Nadal und Novak Djokovic die vier wichtigsten Titel des Jahres wieder unter sich aufteilen würden. Jene beiden Spieler also, die er auf dem Weg zu seinem ersten Grand-Slam-Titel bezwungen hatte. Dort, wo sein Leben ein erstes Mal einen Wendepunkt erreichte. Und dort auch, wo aus Stan Wawrinka, dem Verlierer, endgültig ein Sieger wurde. Bei den Australian Open, die in seinem Herzen immer einen speziellen Platz haben werden. Weil er einige der schönsten Kapitel in seinem Sportlerleben hier schrieb. Und weil er davon träumt, hier ein weiteres solches zu schreiben.

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