Stammdaten

FRAUENFELD. Der Thurgauer Autor Peter Stamm liest aus seinem neuen Roman «Nacht ist der Tag» in Frauenfeld – die TZ hat die Kritiken gelesen.

Dieter Langhart
Merken
Drucken
Teilen
Was sagt die Kritik? Peter Stamm 2011 im Bodmanhaus Gottlieben. (Bild: Dieter Langhart)

Was sagt die Kritik? Peter Stamm 2011 im Bodmanhaus Gottlieben. (Bild: Dieter Langhart)

Peter Stamm erzählt gern von Menschen in Lebenskrisen. In «Nacht ist der Tag», seinem jüngsten Roman, ist es die Geschichte einer Frau, die ihr Gesicht verlieren muss, um sich wiederfinden zu können.

Die Kritiker sind geteilter Meinung, auch wenn sich ihre Titel bisweilen ähneln: Das wahre Leben (Roman Bucheli, NZZ), Ein wahres Leben (Helmut Dworschak, «Der Landbote») oder mit Wörtern spielen: Bloss nicht das Gesicht verlieren (Hans-Peter Kunisch, «Süddeutsche Zeitung») oder modisch sein wollen: Push-Mitteilungen des Herzens (Pia Reinacher, «Die Weltwoche»).

Kopfkino oder Klischee?

Aus den Top Ten des Schweizer Buchhandels ist der neue Stamm inzwischen verschwunden (Ende August war er auf Platz 3), doch das passiert jedem neuen Buch, so schnelllebig ist die Lesergunst. Und die Gunst der Kritiker scheidet sich an Stamm wie die Nacht vom Tag.

Sein fünfter Roman sei typisch Stamm: karge Worte, grosses Kopfkino, schreibt Naomi Gregoris in der «TagesWoche»; immer wieder dichte Szenen fänden sich, sagt Dworschak, aber liest den süffig geschrieben Roman durchaus mit Unbehagen.

Kitsch oder Empathie?

Der Begriff Kitsch taucht allerorten auf. Die Geschichte von der hübschen Fernsehmoderatorin Gillian, die durch einen Autounfall entstellt wird, klingt klischeehaft, wird aber […] gewohnt schnörkellos und gleichzeitig poetisch erzählt, meint Britta Spichiger (SRF). Ähnlich spricht Kunisch von einem Szenario am Rande des Kitschs. Bucheli urteilt härter: Und darum steht ein Schlusssatz bei Peter Stamm für einmal nicht nur unter Kitschverdacht, er ist kitschig (NZZ): «Das Spiel war zu Ende, sie war frei und konnte gehen, wohin sie wollte.» Valeria Heintges: Peter Stamm wandelt […] schon immer auf dem dünnen Grat zwischen einfacher Sprache und Kitsch (Tagblatt/TZ).

Kritik an Kritikern

Urteile fallen harsch («Spiegel»: Einfalt) bis begeistert aus (FAZ: Qualität und Intensität seiner kammerspielhaften Prosa). Etwa Urs Bugmann («Neue Luzerner Zeitung»): Stamm erzählt in leisen Sätzen und intensiven Bildern, […] er zielt nicht auf Effekte und schreibt mit hoher Empathie aus seinen Figuren heraus; ähnlich Christine Richard («Basler Zeitung»): Wie tückisch schlicht und einfach, wie unaufdringlich, wie gut.

Oder sie beziehen sich aufeinander. Pia Reinacher: Die verbissene Häme, mit der jetzt, angeführt von der NZZ, Peter Stamm übergossen wird, ist entsprechend mit Vorsicht zu geniessen. Denn was ihm vorgeworfen werde, sei schon immer da gewesen.

Mi, 11.9., 19.30, Kantonsbibliothek