St. Gallens Vertreter im Europacup

Die St. Galler Arthur Brunner und Morad Salah gehören zu den besten Schiedsrichter-Duos der Schweiz. Diese Saison kommen die beiden regelmässig im Europacup zum Einsatz. Am Samstag pfeifen sie in der türkischen Hauptstadt Ankara.

Aleksandar Borkovic
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HANDBALL. St. Otmar spielt in dieser Saison zwar nicht im Europacup. St. Gallen ist im europäischen Handball trotzdem vertreten: durch das Schiedsrichter-Duo Arthur Brunner/Morad Salah. Nachdem die beiden vor einem Monat die EHF-Cup-Partie zwischen dem Bundesligaclub Melsungen und dem französischen Vertreter Fenix Toulouse leiteten, stehen sie am Samstag in der türkischen Hauptstadt in der Challenge-Cup-Partie zwischen Ankaraspor und ZTR Saporoschje aus der Ukraine im Einsatz.

Die Einsätze auf europäischer Eben kommen nicht von ungefähr: Brunner und Salah sind das talentierteste Schiedsrichter-Duo der Schweiz. Die St. Galler machten sich schon in jungen Jahren einen Namen. Mit 18 Jahren leiteten sie NLA-Spiele, jünger als jedes Schiedsrichter-Paar vor ihnen. Mit 19 wurden sie für U19-Länderspiele aufgeboten. 2013, im Alter von 22 Jahren, pfiffen sie das entscheidende Playoff-Finalspiel zwischen Wacker Thun und Kadetten Schaffhausen. Im gleichen Jahr erhielten sie die Bewilligung des Handball-Weltverbands (IHF) – damit sind Brunner/Salah, die jüngsten IHF-Schiedsrichter der Geschichte. In diesem Jahr leiteten sie erneut die Finalissima der NLA zwischen Schaffhausen und Winterthur. In der laufenden Saison wurden die beiden Ostschweizer erstmals für Partien im EHF-Cup der Männer berücksichtigt – dem Pendant zur Europa League im Fussball. «Unser Ziel ist es, in den nächsten zwei Jahren in der Champions League und in spätestens sechs Jahren an einer WM zu pfeifen», sagt Brunner. Er und sein Partner wären die ersten Schweizer WM-Schiedsrichter seit 1995.

Fehlentscheid als Motivation

Brunner schloss parallel zur Schiedsrichterei ein Master-Studium als Jurist ab und arbeitet als Hilfsassistent an der Universität Zürich, während Salah Ernährungswissenschaft studiert. Daneben trainierten Brunner/Salah gemeinsam U17-Junioren des St. Galler Stadtclubs Fides. «Dabei lernten wir, wie es ist, Spiele wegen Fehlentscheiden zu verlieren», sagt Salah. Es war auch ein Fehlentscheid, der die beiden anspornte, Schiedsrichter zu werden. Als Salah als Junior bei Fides spielte, zeigte ihm ein Schiedsrichter zu Unrecht die rote Karte. Salah wollte beweisen, dass er es besser machen kann. Zusammen mit seinem Jugendfreund Brunner nahm der gebürtige Marokkaner am Talentförderprogramm für angehende Schiedsrichter teil. Ins Leben gerufen wurde das Förderprogramm vom ehemaligen Spitzenschiedsrichter Roland Bürgi. «Wir haben ihm grosse Teile unseres Erfolgs zu verdanken», so Salah.

Zu verdanken haben Brunner/Salah ihre Fortschritte auch ihrer akribischen Vorbereitung. Spiele beurteilen sie in der Videoanalyse gemeinsam. Diese Sitzungen dauern im Schnitt fünf Stunden. Jeder Entscheid schauen sie in Zeitlupe an; jeden Pfiff diskutieren sie. «Es gibt Entscheide, die beschäftigen mich noch Wochen nach dem Spiel», so Brunner. Vor allem dann, wenn die Pfiffe sein Verhältnis zu Trainern und Spielern beeinflussen. «Deren Vertrauen ist ein entscheidender Faktor, um akzeptiert zu werden», sagt Salah.

Bewegungen antizipieren

Einen andern Grund für ihren Erfolg sehen Brunner/Salah in ihrem Spielverständnis. «Mit Regelkenntnis allein ist es nicht getan. Unser grösster Vorteil ist, dass wir bis in die U19 selbst Handball spielten», so Salah. Deshalb schaffen es die beiden, die Bewegungsabläufe der Spieler im voraus zu erkennen. «Solch ein Spielverständnis ist mit Schiedsrichterei nicht zu erreichen, es braucht viel Hingabe und man muss sich aufeinander verlassen können», sagt Brunner. Der Jurist und der Student kennen sich genau. «Es gab Zeiten, da verbrachte Morad mehr Zeit mit mir als mit seiner Freundin», so Jurist Brunner. Und Salah sagt: «Während der Rekrutenschule 2010 bin ich direkt mit dem Zug ans erste Spiel des Wochenendes und nach der letzten Partie direkt wieder eingerückt. Ohne Arthur hätte ich das nicht durchziehen können.»

Obwohl sich das Duo gut versteht, unterscheiden sich Brunner/Salah in vielen Belangen. Der 23jährige Brunner wirkt ruhig und kalkuliert, während der ein Jahr ältere Salah den Strahlemann gibt. Dieser Gegensatz zeigt sich auch auf dem Spielfeld. Dort ist Salah der Kommunikative, der mit den Spieler redet, während sich Brunner meist auf Handzeichen beschränkt. Ihrem Erfolg tat dies keinen Abbruch: Denn, Gegensätze ziehen sich bekanntlich an.