St. Gallen sucht dosierte Dominanz

Der FC St. Gallen punktet vor allem dann, wenn er dem Gegner viel Ballbesitz überlässt. Ist damit das neue, dominante Spiel St. Gallens der falsche Ansatz? Nein, findet Trainer Joe Zinnbauer: Vielmehr fehle noch das Timing der Dominanz.

Ralf Streule
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FUSSBALL. Ballbesitz. Selten ist dieser Begriff rund um den FC St. Gallen öfter gefallen als in den vergangenen Monaten. Seit Joe Zinnbauer das Zepter von Jeff Saibene übernommen hat, ist das Zauberwort, das grundsätzlich als Synonym für gepflegten Fussball gilt, omnipräsent. Und wirklich: Gefühlt hat der neue FC St. Gallen viel mehr Ballbesitz, als er dies unter Saibene hatte. Des öfteren war bei den Ostschweizern zuletzt der Wille zu erkennen, das Spiel an sich zu reissen, den Ball zirkulieren und den Gegner laufen zu lassen. Und ja: Trotz zuletzt dreier Niederlagen ist Zinnbauers Punkteschnitt höher als derjenige von Saibenes Saisonstart. 1,35 zu 1 Punkt steht es diesbezüglich.

Wer die Ballbesitz-Statistik der Swiss Football League (SFL) zur Hand nimmt, ist hingegen überrascht: Während die Ostschweizer in den sieben Spielen unter Saibene im Durchschnitt 46 Prozent Ballbesitz erreichten, waren es unter Zinnbauer mit 47 Prozent nur wenig mehr. Zugegeben: Saibene hatte kein Spiel gegen Basel zu absolvieren und keine Auswärtspartie gegen die Young Boys oder die Grasshoppers – im Normalfall Spiele, die den Schnitt nach unten drücken.

Nahrung für Kritiker

Noch überraschender ist deshalb eine andere Statistik: Der FC St. Gallen holt vor allem dann Punkte, wenn der Ball in den Reihen des Gegners zirkuliert. In acht Spielen mit weniger Ballbesitz holte er unter Zinnbauer fünf Siege und 16 Punkte, in den neun Spielen mit mehr Ballbesitz nur einen Sieg und sieben Punkte. Es ist ein Zeichen dafür, dass das Ballbesitzspiel Zinnbauers nicht fruchtet. Oder noch nicht, zumindest. Und Nahrung für Kritiker, die schon lange wussten, dass «Dominanz statt Abwarten» für den personell vergleichsweise bescheiden ausgestatteten Club das falsche Rezept ist. Tatsächlich hatten die St. Galler bei den Niederlagen zuletzt gegen die Young Boys und Zürich statistisch gesehen mehr vom Spiel – bei sieben Gegentoren. Dafür gewannen sie gegen Luzern stets, ohne zu dominieren. Eindrücklich war der 2:0-Sieg gegen die Grasshoppers in Unterzahl. Es war der solideste Auftritt der Saison – trotz mickrigen 37 Prozent Spielanteil.

Suche der richtigen Balance

Zinnbauer kennt die Statistik, lässt sich von ihr aber nicht beunruhigen. «Wir wissen, dass Ballbesitz nicht gleichbedeutend ist mit Erfolg. Die Statistik ist aber dehnbar – es lässt sich stets Verschiedenes ableiten.» So gebe es unterschiedliche «Ballbesitz-Mechanismen». Wie der Trainer bereits mehrmals erwähnte, ist nicht ein durchgehend dominantes Spiel – wie von Bayern München oder Barcelona praktiziert – das Ziel. Sondern vielmehr ein in der Vorwärtsbewegung konkretes Spiel von der Auslösung bis zum Abschluss, das nicht auf Zufällen beruht. Bis die dazu nötigen Automatismen spielten, sei weiter Geduld gefragt. «Wir sind noch immer in einer Lernphase. Es geht um eine Richtung, und die stimmt.»

Beim 0:4 in Zürich machten die St. Galler die entscheidenden Fehler, die zu Toren führten, bei Ballbesitz. In diesen Momenten gehe es darum, die Balance zwischen Ballbesitz- und Konterspiel zu finden. Zinnbauer nennt das Heimspiel gegen die Young Boys vor drei Wochen als weiteres Beispiel. Das Ziel sei gewesen, in Lauerstellung zu bleiben. Als die Berner keine Lösung im Spiel nach vorne fanden und es mit weiten Bällen aus der Defensive versuchten, habe man zu dominant reagiert. In solchen Situationen flexibler und unberechenbarer zu werden, sei das Ziel. Ein Ziel, das erfolgversprechend, aber nicht von heute auf morgen zu erreichen sei.

Dass St. Gallen, unter anderen mit Danijel Aleksic und Gianluca Gaudino, die für diese Idee passenden Spieler in seinen Reihen hat, ist Zinnbauer sicher. Überzeugt ist er auch davon, dass das «kollektive Verständnis» der Mannschaft wächst, die Waage zu halten zwischen Ballhalten und «gegen den Ball spielen». Gegen Vaduz dürfte morgen ab 16 Uhr ersteres gefragt sein.

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