St. Gallen mit zwei Gesichtern

FUSSBALL. Der FC St. Gallen ist zuletzt mutiger und zielstrebiger geworden. Das wirkte sich am Samstag während der ersten zwanzig Minuten beim 1:2 gegen die Young Boys positiv aus. Welche Gefahren der Mut birgt, zeigte sich danach.

Ralf Streule/Bern
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Nie in seiner Karriere habe eines seiner Teams mehr Chancen vergeben, sagte Young-Boys-Trainer Adi Hütter am Samstagabend nach dem Spiel. Trotz des 2:1-Siegs schüttelte er nach dem Schlusspfiff den Kopf. Einen Konter nach dem anderen hatten seine Spieler in der zweiten Halbzeit lanciert. Entweder rettete Daniel Lopar. Oder Alexander Gerndt, Renato Steffen und Co. vergaben kläglich. 30:6 lautete das Torschussverhältnis am Ende. Ein spielerisches Debakel also für St. Gallen? Ein Auftritt, der den Ostschweizer Anhängern zu denken geben muss? Nicht unbedingt.

20 Minuten lang souverän

Denn was die St. Galler in den ersten zwanzig Minuten präsentierten, war schön anzusehen. Sie traten mit einer Souveränität auf, die man in dieser Saison noch nicht gesehen hat – auch nicht bei den drei Siegen zuletzt. Und auch wenn Trainer Joe Zinnbauer am Freitag noch erklärte, dass er erst wenige Ideen habe umsetzen können: Es scheint ein neues spielerisches Selbstverständnis da zu sein. Die St. Galler waren mental und physisch auf der Höhe, die Reihen gingen nahtlos ineinander über, nichts schien dem Zufall überlassen. So war auch das 1:0 in der sechsten Minute überlegt herausgespielt. Danijel Aleksic lancierte aus dem Mittelfeld Dzengis Cavusevic, dieser legte Geoffrey Tréand zum Treffer auf.

Zinnbauer hatte denselben Spielern das Vertrauen gegeben, die schon gegen Basel in der Startformation gestanden hatten. Steven Lang sass auf der Bank, ebenso Everton. Vor allem aber Marco Mathys, der nicht im Aufgebot stand, scheint einer schweren Zeit unter Zinnbauer entgegenzugehen.

Nur bei ruhiger See auf Kurs

Danach aber zeigte sich, dass das St. Galler Schiff nur auf Kurs bleibt, solange der Wellengang nicht zu hoch ist. Und dass die junge Innenverteidigung nur stabil ist, solange sie die Unterstützung aus dem Mittelfeld erhält. Die Berner bekamen die Überhand. In diesen Momenten wurde den St. Gallern ihr selbstbewusstes Spiel zum Verhängnis. Übermütig suchten sie ein zweites Tor, anstatt zu stabilisieren. So etwas räche sich gegen starke Teams immer, sagte Zinnbauer. Fehler in der Verteidigung führten zum 1:1 in der 38. Minute, vier Minuten später zum 1:2.

Noch steht Zinnbauer viel Arbeit bevor, will er seinen Weg weitergehen. Seine Idee, das schnelle Spiel mit viel Ballbesitz und Pressing, ist anspruchsvoll und mit dem St. Galler Kader wohl nur schwer umsetzbar. Seine Aufgabe wird sein, den Mix zwischen Risikobereitschaft und Pragmatismus zu finden.

Angha des Platzes verwiesen

Die St. Galler stehen nach dem 1:2 auf Platz sechs. Weiter geht es am Sonntag zum Hinrundenabschluss zu Hause gegen Vaduz. Fehlen wird Martin Angha, der – wie Berns Sékou Sanogo – in der Schlussphase mit Gelb-Rot vom Platz gestellt wurde. Silvan Hefti, der bei einem Zusammenstoss eine Gehirnerschütterung erlitt, dürfte wieder fit sein. Mit einem Sieg gegen Vaduz würde St. Gallens Polster auf den Letzten elf Punkte betragen. Wie schwer sich die St. Galler gegen Vaduz tun, weiss man aber.