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Sprachsprünge als Abenteuer

GOTTLIEBEN. Am Donnerstag hat die Schriftstellerin Yoko Tawada im Gottlieber Bodmanhaus gelesen. Ein heiterer Abend, an dem die Autorin mit viel Sprachwitz die europäische und japanische Kultur und Geschichte aus linguistischer Perspektive beleuchtete.
Marc Keller
Yoko Tawada Literaturwissenschafterin Schriftstellerin (Bild: Quelle)

Yoko Tawada Literaturwissenschafterin Schriftstellerin (Bild: Quelle)

Als ich dich noch siezte, / sagte ich ich und meinte damit / mich. / Seit gestern duze ich dich, / weiss aber noch nicht, / wie ich mich umbenennen soll. Die Autorin Yoko Tawada begann die Lesung im Bodmanhaus mit einem Gedicht aus ihrem Lyrikband «Abenteuer der deutschen Grammatik». Es trägt den Titel «Die zweite Person Ich» und zeigte bereits an, in welche Richtung der Abend gehen würde: Hier sass eine Autorin, die der Sprache und ihren kulturellen Implikationen genau auf die Finger schaut.

Gedichte- und Theatertisch

Es war ein heiterer Donnerstagabend in Gottlieben. Nach einer kurzen Einführung durch Moderatorin Annette Hug nahm Yoko Tawada Platz auf der Bühne im Dachstock. «Ich wohne eine Etage tiefer», sagte sie einleitend und fand lobende Worte über das Zimmer, in dem der Autor Emanuel von Bodman geschrieben hat. Gleich mehrere kleine Schreibtische hätten ihm zum Arbeiten zur Verfügung gestanden. «Wenn ich zu Hause in Berlin mehr Platz hätte, hätte ich ebenfalls mehrere Schreibtische», sagt Tawada. «Einen Gedichtetisch, einen Theatertisch und so weiter.» Denn Yoko Tawadas Werk, das sie in deutscher und japanischer Sprache schreibt, umfasst verschiedene Gattungen: Lyrik, Prosa, Theater und Essays. Publiziert hat sie ausserdem die zwei Poetikvorlesungen, die sie in Tübingen und Hamburg gehalten hat. Letztere ist unter dem Titel «Fremde Wasser» erschienen und stand ebenfalls im Zentrum des Abends.

Kulturelle Unterschiede

In «Fremde Wasser» erfährt der Leser interessante kulturelle Unterschiede zwischen Tawadas Geburtsland Japan und ihrer Wahlheimat Deutschland. So etwa am Beispiel des Ozeans. Ich war jedes Mal verblüfft, wenn jemand mir sagte, dass Tokio am Meer liege. In Tokio ist der Pazifik abwesend. Keiner, der durch die dicht bebaute Grossstadt geht, denkt ans Meer, schreibt die Autorin, die 1960 in der japanischen Metropole geboren wurde und aufgewachsen ist. In der Hafenstadt Hamburg hingegen, in der sie von 1982 bis 2006 lebte, sei die Nordsee für sie stets präsent gewesen. Ich roch sie im Wind, ich hörte sie in der Stimme der Möwen.

In «Fremde Wasser» hinterfragt Yoko Tawada auch Redewendungen der deutschen Sprache und regt so auch Muttersprachler zur Reflexion an: Wenn die Augen wirklich Fenster sein sollten, könnte man durch sie die nackte Seele sehen und es gäbe an den Augen selbst nichts mehr zu lesen. An der deutschen Sprache schätzt Tawada vor allem die lautmalerischen Elemente. In ihrem Buch «Mein kleiner Zeh war ein Wort» bringt sie das Wasser zum Fliessen, indem sie ihre Figuren das Wort «Dusche» zuerst einmal, dann immer häufiger und immer schneller aufeinander sagen lässt.

«Ich liebe Dich» auf Japanisch

Yoko Tawada brachte das Publikum in Gottlieben mit ihrem Sprachwitz immer wieder zum Lachen. So etwa mit ihrem Gedicht «Alte Notizen zur linguistischen Erotik»: «Ich liebe Dich» heisst auf Japanisch «watashi wa anata ga suki desu». Wenn man diesen Satz wiederum ins Deutsche wörtlich zurückübersetzt, heisst er: Was mich betrifft, bist du begehrenswürdig. Überhaupt fanden die Zuschauer Gefallen an der Zweisprachigkeit der Lesung. Tawada las zwei Gedichte in japanischer Sprache und lud das Publikum ein, dem Rhythmus und Klang der streng durchkomponierten Gedichte zu folgen.

Junge haben eigene Gedanken

In der anschliessenden offenen Diskussion wollte eine Zuschauerin von Yoko Tawada wissen, ob bei der Jugend die Sensibilität für die Poesie verloren gehe. Diese Frage gab der Autorin die Gelegenheit, auf ihre Lesung im Museum Rosenegg in Kreuzlingen zu sprechen zu kommen, die am Vortag stattgefunden hatte und von zwei Schülerinnen moderiert worden war: «Die Schülerinnen haben das sehr gut gemacht. Sie haben nicht einfach kurze Fragen, sondern eigene Gedanken und Phantasien zu den Gedichten entwickelt.» Yoko Tawada sieht auch bei jungen Leuten viel Potenzial. «Sie können sich entwickeln, wenn man ihnen die Gelegenheit und die Chance gibt.»

Annette Hug Moderatorin Bodmanhaus Gottlieben (Bild: Quelle)

Annette Hug Moderatorin Bodmanhaus Gottlieben (Bild: Quelle)

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