SPORTWETTEN: Big Data gegen Betrüger

Nicht nur an der Börse, auch bei Buchmachern kommen Systeme zum Einsatz, die auffällige Einsätze erkennen. Die St. Galler Firma Sportradar hat ein Überwachungssystem entwickelt, das bei Anomalien auf dem Wettmarkt Alarm schlägt.

Adrian Lobe
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Sportwetten sind in Asien ebenso beliebt wie anfällig auf systematische Manipulation. (Bild: Zhang Peng/Getty (Tianjin, 23. Februar 2016))

Sportwetten sind in Asien ebenso beliebt wie anfällig auf systematische Manipulation. (Bild: Zhang Peng/Getty (Tianjin, 23. Februar 2016))

Adrian Lobe

Der internationale Wettmarkt boomt. Eine Studie der Pariser Universität Sorbonne und des International Centre for Sport Security (ICSS) schätzt, dass weltweit zwischen 200 und 500 Milliarden Euro auf Sportwetten gesetzt werden – 80 Prozent davon illegal. Wo viel Geld im Spiel ist, sind auch Betrüger am Werk. Zwischen 300 und 700 Sportereignisse sollen laut dem Bericht seit 2010 pro Jahr manipuliert worden sein. Vor allem in Asien haben sich mafiöse Strukturen entwickelt, wo Wettpaten systematisch Spiele verschieben. Vom Abseits bis zum Einwurf – es gibt fast nichts, worauf man keine Wetten abschliessen könnte.

Die Sportdaten-Firma Sportradar mit Sitz in St. Gallen will internationalen Wettbetrügern das Handwerk legen – und zwar mit Big-Data-Methoden. Das vom Deutschen Carsten Koerl gegründete Unternehmen hat bereits 2005 ein Überwachungssystem entwickelt, das mit Hilfe von Algorithmen Milliarden Sportdaten in Echtzeit auswertet und bei Auffälligkeiten Alarm schlägt. Auf ihren Bildschirmen sehen die Datenanalysten Wettbewegungen von über 550 Buchmachern weltweit. «75 Prozent der Umsätze kommen aus Asien», sagt Maximilian Schmitt, Marketing-Manager Integrity Services bei Sportradar.

5000 Datenscouts suchen nach Unregelmässigkeiten

Das System funktioniert so: Sobald ein hoher Betrag auf ein Ereignis gesetzt wird, senken die Buchmacher die Quoten, um das Risiko einer hohen Auszahlung zu minimieren. Sportradar errechnet im Vorfeld für jedes Ereignis eine parallele Quote, die leicht steigend ist. «Je länger das Spiel dauert, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass beispielsweise ein Tor fällt und desto höher die Quote», erklärt Schmitt. Das System erkennt die Differenz zwischen der errechneten und tatsächlichen Quote, die der Buchmacher während des Spiels angepasst hat. Gibt es hier einen auffälligen Unterschied, schlägt das System Alarm. Zu der künstlichen tritt dann die menschliche Intelligenz hinzu: Wettexperten suchen nach sportlich plausiblen Gründen, warum der Sportwettenanbieter die Quote gesenkt hat. Das kann zum Beispiel die Auswechslung oder Verletzung eines Topspielers oder ein Wetterumschwung sein. «Alles, was einen Einfluss auf das Spielgeschehen hat, hat Einfluss auf die Quoten», so Schmitt. Wenn keine sportlichen Gründe für den Alarm ausgemacht werden können, gehen die 40 Wettexperten, die in Büros in London, Manila und Sydney arbeiten, möglichen Verdachtsmomenten hinsichtlich einer Wettmanipulation nach.

Verstärkt wird das Team von 5000 Datenscouts und 75 Freelancern, die vor Ort Spiele verfolgen und Unregelmässigkeiten berichten. Im Fall konkreter Verdachtsmomente muss binnen 72 Stunden ein Bericht angefertigt werden. «Wir haben sportübergreifend jährlich mehrere hundert Fälle von auffälligen beziehungsweise möglicherweise manipulierten Spielen», sagt Marketing-Manager Schmitt.

Die Expertise von Sportradar ist gefragt. Die Datenfirma arbeitet mit einer Vielzahl von Verbänden zusammen, unter anderem der Uefa, NBA, NHL, Serie A und Bundesliga. Erst kürzlich hat Sportradar einen Vertrag mit der Fifa geschlossen, «der ihr zur weiteren Stärkung der Integrität des Fussballs rund um die Welt verschiedenste Überwachungs-, Schulungs- und Nachrichtendienste bietet», wie es auf der Webseite des Weltfussballverbands heisst. Basketballlegende Michael Jordan hat in Sportradar ebenso investiert wie AOL-Gründer Steve Case. Wettbetrug ist ein zunehmendes Problem, das die Integrität des Sports bedroht. Einzelsportarten wie Tennis sind anfälliger für Manipulationen, weil nur ein Spieler und kein Team bestochen werden muss.

Anomalien sind noch keine Beweise

Wie solche Manipulationen ablaufen, zeigt ein Tennisspiel zwischen Nikolai Dawidenko und Martin Vassallo Arguello am ATP-Turnier in Sopot vom 2. August 2007. Nach Recherchen von «Buzzfeed» und der BBC wurden am Morgen der Begegnung ungewöhnlich hohe Summen gesetzt. Die meisten Wetten wurden auf eine Niederlage des Russen Dawidenko platziert, obwohl der damals Weltranglistenvierte gegen die Nummer 87 des Rankings deutlich favorisiert war. Insgesamt wurden 3,6 Millionen Pfund auf die Begegnung gesetzt, das Zehnfache des üblichen Wettvolumens. Die Software des Londoner Buchmachers Betfair bemerkte die Anomalie und schlug Alarm, das Anti-Korruptionsteam verständigte auf der Stelle die ATP. Die Partie verlief zunächst nach Plan: Dawidenko gewann den ersten Satz. Doch dann begann der Russe zu schwächeln und liess sich mehrmals behandeln. Arguello holte das Break und gewann den zweiten Satz. Während die Quoten für Dawidenko sanken, registrierten die Buchmacher auffällig hohe Wetteinsätze aus Moskau.

Immer wieder gab es Unregelmässigkeiten in Partien von Dawidenko. 2007 in Paris unterliefen dem Russen gegen Marcos Baghdatis derart viele Doppelfehler, dass er vom Schiedsrichter aufgefordert wurde, «ordentlich» zu spielen. Ein Wettbetrug konnte man Dawidenko, der 2014 seine Karriere beendete, nie nachweisen. Anomalien sind noch keine Beweise. Selbst die klügste Software kann einen Betrüger nicht entlarven.