Sport ist in der Schweiz Symbol des Wohlstands – weshalb der integrative Charakter nur ein Feigenblatt ist

Menschen mit Migrationshintergrund treiben weniger Sport. Weshalb sein integrativer Charakter überschätzt wird.

Simon Häring
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Sport gilt als Integrationstreiber, doch in der Schweiz ist das Gegenteil der Fall.

Sport gilt als Integrationstreiber, doch in der Schweiz ist das Gegenteil der Fall.

Bild: Benjamin Manser

Reto, Burim und Fanol im einen Team, Esteban, Michael und Asvin im anderen. Der Fussballplatz als Schmelztiegel der Kulturen, der Sport als universale Sprache und Motor der Integration. Dieses Bild propagieren Verbände und Kantone, eine Deutung, die auf alt Bundesrat Adolf Ogi, 77, zurückgeht. Von 2000 bis 2007 war der frühere Sportminister und SVP-Magistrat bei der UNO Sonderberater für Sport im Dienste von Entwicklung und Frieden.

Der Sport als Kitt. Doch das Bild ist falsch, wie eine Studie des Bundesamts für Sport Baspo zum Sportverhalten der Schweizer Bevölkerung zeigt. Das Gegenteil ist der Fall: Im Sport offenbaren sich Gräben in unserer Gesellschaft. Während Bewegung in der Schweizer Bevölkerung in den vergangenen sechs Jahren an Bedeutung gewonnen und die Zahl der Menschen, die gar keinen Sport treiben, abgenommen hat, bleibt die sportliche Betätigung von Menschen mit Migrationshintergrund tief. Das liegt zum Teil an sozialen Faktoren: Je höher Bildung und Einkommen, desto mehr Sport treiben Menschen in der Schweiz. Zwei Drittel der Migrationsbevölkerung mit tiefer Bildung sind sportlich inaktiv. Sie sind auch dreimal häufiger von materiellen Entbehrungen betroffen, wie das Bundesamt für Statistik 2019 berichtete. Der Sport ist ein Symbol des Wohlstands, ein Luxusgut. Nicht alle können sich zum Beispiel Vereinsbeiträge leisten.

Ausländische Mädchen treiben am wenigsten Sport

Das zeigt sich bereits in den Schulen: Ein Viertel der ausländischen Kinder treibt abgesehen vom obligatorischen Schulsport keinen Sport. Bei den einheimischen Kindern und Kindern mit doppelter Staatsbürgerschaft ist es nur noch jedes achte Kind. Besonders häufig inaktiv sind ausländische Mädchen: Jedes Dritte ist abgesehen vom Schulsport sportlich inaktiv. Und während jeder Dritte Schweizer in einem Sportverein ist, sind es bei der ausländischen Bevölkerung nur 14 Prozent. Der Sport ist nicht Motor der Integration, sondern akzentuiert die Segregation. Den Migrantinnen und Migranten fehlt es aber nicht nur an Geld, sondern auch an Zeit für Sport, weil sie öfter mit der Doppelbelastung aus der Betreuung von Kindern und Erwerbsarbeit konfrontiert sind. Das Problem: Treiben Kinder keinen Sport, hat das gravierende Folgen. Ihnen fehlt nicht nur ein zusätzliches soziales Netz, sondern sie leiden später auch öfter an gesundheitlichen Problemen, aus denen Nachteile auf dem Arbeitsmarkt entstehen.

Sportunterricht ist seit Jahren ein Zankapfel

Dass die Unterschiede vielleicht sogar noch tiefgreifender sind, zeigt eine Randnotiz der Studie, wonach nur «sprachassimilierte» Migrantinnen und Migranten befragt worden seien, die eine der vier Landessprachen beherrschen und deshalb als gut integriert gelten. Immerhin: Die Politik hat das Problem erkannt. Sportministerin Viola Amherd sagt: «Je früher ein Kind Sport treibt, desto grösser ist die Chance, dass es ein Leben lang so bleibt.» Kinder möglichst früh für Sport zu begeistern, sieht sie als zentrale gesundheitspolitische Aufgabe. Doch auf dem politischen Parkett hat es die tägliche Sportstunde, für die das Baspo seit einem Jahrzehnt kämpft, schwer: 2018 wurde ein Pilotprojekt mit 60 Schulklassen der Primarstufe in Luzern eingestellt. Trotz Erfolgen. Und so bleibt die Erkenntnis, die in Einklang mit der Feststellung steht, dass Migrantinnen und Migranten mehr Sport treiben, je länger sie in der Schweiz sind. Der Sport integriert Menschen nicht. Sondern integrierte Menschen treiben mehr Sport. Menschen wie Burim, Fanol und Asvin.

Vier Beispiele, wie Integration im Schweizer Sport funktioniert

Polysportives Turnier, um Kontakte zu knüpfen

Jeden Februar lädt der Verein Austausch in Sport und Kultur, kurz ASK, Basel zum polysportiven Funhallenturnier. 2020 fand das Turnier in Liestal zum achten Mal statt. «Am Turnier spielen alle zusammen, unabhängig vom Alter, von der Nationalität, oder Religion», erklärt Sabri Dogan vom ASK Basel. «Niemand soll ausgeschlossen werden, alle sind eingeladen.» Das Turnier ist kostenlos und hilft beim Knüpfen von Kontakten. Wer sich engeren Austausch wünscht, kann später an den wöchentlichen Konversationstreffen des ASK in diversen Sprachen teilnehmen: Schweizerdeutsch, Deutsch, Spanisch, Italienisch und viele mehr. (ato)

Übersetzer und Anlässe für Migrantenfamilien

Im Kanton St. Gallen gibt es seit 2004 ein schweizweit einzigartiges Projekt: Unter «Sport-verein-t» sind fünf Ziele zu den Themen «Organisation, Ehrenamtsförderung, Integration, Gewalt-/Suchtprävention sowie Solidarität/Umwelt» definiert. Wer diese Charta anerkennt und Massnahmen ergreift, wird mit einem Label ausgezeichnet. Fussballclubs sind verpflichtet, jährlich Elternanlässe anzubieten und Übersetzerinnen und Übersetzer zu stellen. Sportclubs mit weniger Migrantinnen und Migranten sind angehalten, jährlich einen Anlass durchzuführen, von dem sich Menschen aus anderen Kulturen angesprochen fühlen. (pl)

Integrationshelfer für talentierte Basketballer

Jugendliche aus der Zentralschweiz erhalten beim NLB-Klub Swiss Central Basketball (SCB) die Chance, auf hohem Niveau zu spielen. Die Begleitung der Talente geht über die sportliche Förderung hinaus: Ehrenamtliche Fachpersonen unterstützen die Spieler in der Schule, Berufsfindung, Ernährung und Persönlichkeitsentwicklung. Nicht zuletzt bei Spielern mit Migrationshintergrund erweist sich dies als wertvoll. Sie machen über 80 Prozent der SCB-Mitglieder aus. Sie stammen aus Serbien, den USA, Bosnien, Kroatien. Für sein Engagement wurde der Verein 2015 mit dem Luzerner Präventionspreis ausgezeichnet. (dsr)

Gratis Box-Trainings für Flüchtlinge im Aargau

Der 29-jährige Ando Hakob kam mit seiner Familie vor 20 Jahren selbst als Flüchtling aus Armenien in die Schweiz. Hier kämpfte er sich vom Asylbewerber zum Box-Profi empor und führt in Baden inzwischen sein eigenes Gym. Dort hat Hakob seine Leidenschaft auch schon mit jenen geteilt, die dasselbe Schicksal wie er durchmachten. Hakob hat in Zusammenarbeit mit dem Aargauer Roten Kreuz Gratis-Trainings für Flüchtlinge angeboten – und will das auch in Zukunft tun. Damit sie weg von der Strasse kommen und er ihnen eine Chance bieten kann, die er auch einst erhielt – und nutzte. (mku)

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