Der Mentaltrainer über Spitzensportler in der Coronakrise: «Sie haben Angst. Existenzangst»

Die Pandemie trifft sie mit voller Wucht: Spitzensportlerinnen und Spitzensportler müssen wegen der Ausbreitung des Krankheitserregers pausieren und sind im Ungewissen, wie es weitergeht.

Daniel Good
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Die grosse Leere: Sportlerinnen und Sportler müssen auf ihren nächsten grossen Auftritt warten.

Die grosse Leere: Sportlerinnen und Sportler müssen auf ihren nächsten grossen Auftritt warten.

Bild: Ale Ventura/Keystone (20. März 2020)

«Die Angst geht um. Die Verunsicherung wegen des Coronavirus ist gross. Für viele kann eine Menge Geld auf dem Spiel stehen», sagt Walter Sapetschnig. Er ist Mentaltrainer in Uzwil und kümmert sich unter anderen um den WM-Dritten Stefan Küng, den besten Schweizer Veloprofi.

Besonders gross sei im professionellen Sport die Angst um die Existenz. 

«Wie lange werden die Löhne noch bezahlt? Was geschieht, wenn mein Vertrag ausläuft? Was passiert, wenn Sponsoren aussteigen?»

Diese Fragen sind von grundlegender Bedeutung für professionelle Athletinnen und Athleten. Sie trainieren jetzt quasi im luftleeren Raum, weil sie nicht wissen, wann der nächste Wettkampf auf dem Programm steht. Mit der Verschiebung der Olympischen Sommerspiele ist überdies das mittelfristige Kardinalziel für viele verschwunden.

Nur über das Mentale ist der Ausweg zu finden

Angst ist nun freilich der ungünstigste Begleiter für ambitionierte Sportler. «Sie müssen sich nun entspannen. Ja, nicht zu stark in die Zukunft schauen, sich nicht in etwas Negatives hineinsteigern, sondern gelassen bleiben. Das geht nur über das Mentale. Das ist der einzige Ausweg. Atemübungen oder Yoga können dabei helfen», sagt Sapetschnig.

Der Uzwiler Mentaltrainer Walter Sapetschnig

Der Uzwiler Mentaltrainer Walter Sapetschnig

Bild: PD

Gut sei auch, Bilder aus erfolgreichen Tagen anzuschauen und «das Unterbewusstsein mit positiven Erinnerungen zu füttern. Das stärkt den Kopf.» Viele Menschen seien heutzutage ratlos, wenn sie schöne Erlebnisse aufzählen müssen. «Aber wenn sie von negativen Erfahrungen berichten sollen, können sie viele Beispiele nennen.» Er behandelt auch Nichtsportler.

Sapetschnig rät den Spitzensportlern, sich in diesem kritischen Lebensabschnitt mit dem Unterbewusstsein zu beschäftigen – wenn nötig mit professioneller Hilfe. Denn man müsse sehr behutsam vorgehen. Sapetschnig sagt: 

«Sportler sind keine Maschinen.»

«Die Betroffenen müssen nun alle negativen Aspekte zu hundert Prozent ausblenden.» Jeder sollte sich zu Hause eine Wohlfühloase schaffen, «an der er frei ist und auch einmal Dampf ablassen kann, wenn es notwendig ist». Auch im Freien sei ein solcher Platz von grosser Bedeutung. «Da können sie gut meditieren.»

Die Erfahrung aus den asiatischen Klöstern

Der 71-jährige Sapetschnig hat viel Zeit in asiatischen Klöstern verbracht und sich dort intensiv mit der Lebensweise der Mönche auseinandergesetzt. Die fernöstlichen Weisheiten seien auch im Spitzensport ein wichtiges Instrument.

«Körper, Geist und Seele müssen im Einklang stehen», lautet Sapetschnigs Grundsatz. «Nur mit dem Glauben an sich selber kann der Sportler erfolgreich sein.» Dann gelinge es ihm auch, rasch wieder in den Wettkampfmodus umzustellen.

Auch Stefan Bissegger gehört zu Sapetschnigs Schützlingen

Auch Stefan Bissegger gehört zu Sapetschnigs Schützlingen


Bild: tour de l'avenir/Elisa Haumesser

«Velofahren ist viel mehr, als nur in die Pedale treten», sagt der Thurgauer Stefan Bissegger, der WM-Zweite in der U23-Kategorie, der auch zu den Schützlingen Sapetschnigs gehört.

Die Krise als Chance

Viele Athletinnen und Athleten seien jedoch nicht in der Lage, mental mit solchen Schwierigkeiten umzugehen, wie sie nun mit dem Coronavirus aufgetaucht sind, sagt Sapetschnig. «Sie trainierten zwar immer wie Verrückte, aber die Schulung des Geistes kam im Laufe ihrer Karriere zu kurz.»

Für solche Athleten sei die aktuelle Wettkampfpause auch eine Chance. «Sie können sich nun in aller Ruhe ums Mentale kümmern. Sie müssen das jeden Tag machen. Das ist wie körperliches Training. Sonst nützt es nichts. Später werden sich diese Lehren positiv in ihrem Sportlerleben auswirken», sagt der Österreicher.

Die Kritik an der untätigen Politik

Wichtig sei nun insbesondere, dass die Spitzensportler ehrlich zu sich sind. «Sie müssen sich fragen, welche Stärken und Schwächen habe ich? Und dann die Schwächen mit aller Vehemenz bekämpfen.»

Sapetschnig spricht sich dafür aus, dass der Staat den Sportlerinnen und Sportlern in Krisenzeiten unter die Arme greift. «Die Athleten sind zu wenig geschützt. Sie haben jetzt sicher finanzielle Einbussen. Die Sportler haben sehr viel investiert in die Karriere und einige stehen vor einem Loch. Um diesen Missstand zu bekämpfen, müsste die Politik Massnahmen ergreifen. Aber sie tut es nicht. Weil für sie der Sport dann doch zu wenig Bedeutung hat.»

Der Grossvater war Kosake

Walter Sapetschnig kümmert sich auch um Vierbeiner. Weil der Grossvater Kosake war, kam der gebürtige Kärntner schon während der Kindheit häufig mit Pferden in Kontakt. «Die Tiere ähneln den Menschen in ihrer Verhaltensweise sehr. Ich hatte viele schöne Erlebnisse mit Pferden, denen ich helfen konnte», sagt Sapetschnig. Die Kosaken waren Gemeinschaften freier Reiterverbände. (dg)