SPEKTAKEL: Kampf der Generationen

Dieser Kampf im Schwergewicht wird in der Nacht auf Sonntag die Boxwelt elektrisieren: Der 27-jährige IBF-Champion Anthony Joshua trifft auf den früheren Langzeit-Weltmeister Wladimir Klitschko.

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Der Brite Anthony Joshua (links) war einst der Sparringpartner von seinem heutigen Gegner Wladimir Klitschko . (Bild: Andy Rain/EPA)

Der Brite Anthony Joshua (links) war einst der Sparringpartner von seinem heutigen Gegner Wladimir Klitschko . (Bild: Andy Rain/EPA)

90 000 Zuschauer im ausverkauften Wembley-Stadion werden das Spektakel in London mitverfolgen. Etwa so viele Einwohner hat Joshuas Heimatstadt Watford im Nordwesten von London. Dort lebt der Sohn nigerianischer Einwanderer immer noch bescheiden in der Wohnung seiner Mutter. Joshua ist das Aushängeschild im britischen Boxsport, der Ende 2016 am meisten Profibox-Weltmeister bei den vier grossen Weltverbänden (WBA, WBC, IBF und WBO) stellte. Zudem gilt er auf der Insel als bodenständiger Sympathieträger. Joshuas Kindheit in Watford verlief indessen nicht reibungslos. Hätte sein Cousin Ben Ileyemi ihn nicht zum Boxen gebracht, Joshua wäre womöglich auf die schiefe Bahn geraten. «Ich hatte häufig Ärger – auch mit dem Gesetz», sagt Joshua heute. Die «wilden Zeiten» sind jedoch schon lange vorbei. «Heute bin ich ein ganz anderer Mensch», sagt er nach 18 vorzeitigen Siegen in ebenso vielen Profikämpfen. An diesem Wochenende folgt der nächste.

Der Fight gegen Klitschko ist der Zweikampf zweier Olympiasieger aus verschiedenen Epochen. Wladimir Klitschko gewann 1996 in Atlanta Olympia-Gold, Joshua holte sich die Krone des «Amateurboxens» 2012 in London. Kommt der Kampf für Joshua gegen den erfahrenen Klitschko zu früh oder für den bis 2015 elf Jahre lang unbesiegt gebliebenen Ukrainer zu spät? Die Mehrzahl der Experten geht von Letzterem aus. Klitschko gilt gegen den jüngeren und aufstrebenden Joshua als Underdog. Boxt Klitschko noch einmal so eindimensional und einfallslos wie bei seinem Titelverlust im Kampf gegen Tyson Fury, als er sich auf harte Einzeltreffer gegen den Kopf von Fury fokussierte und den Fight buchstäblich verpasste? Oder vermag Klitschko über seine linke Führhand hinaus wieder einen solch dynamischen Zorn zu entfachen, der ihn 2014 zu einem eindrucksvollen K. o.-Sieg über den damaligen IBF-Pflichtherausforderer Kubrat Pulev trieb? Dann hätte der Box-Veteran trotz knapp eineinhalb Jahren Ringpause seine Chance.

Klitschko ist nun der Herausforderer

Joshua war im Vorfeld jenes Fights vor drei Jahren der Sparringpartner von Klitschko gewesen. Der Engländer sagt: «Ich habe Klitschko sehr genau bei seinem Training beobachtet – wie er schlägt, wie er ausweicht und wie er sich verteidigt. Ich weiss, wie ich mich verhalten muss.» Statt einander verbal anzugreifen, plauderten Joshua und Klitschko bei den letzten öffentlichen Auftritten munter miteinander und klatschten ab. Mehrfach sprach Klitschko in höchsten Tönen von seinem Gegner. «Wir sind nicht die allerbesten Freunde», stellte Joshua dennoch fest. «Aber wir haben gegenseitigen Respekt davor, was er erreicht hat und was ich erreichen will.»

Joshuas Ziel ist klar: alle vier grossen Schwergewichts-WM-Titel wieder vereinen. Aktuell dürfte ihm indes kein Sieg mehr Wertigkeit bringen als einer über Klitschko. Dafür hat er 13 Wochen lang geschuftet. «Ich pushte mich in einen Bereich, in dem ich noch nie war», sagt Joshua.Klitschko empfindet es als Vorteil, dass er für einmal wieder Herausforderer ist. «In dieser Rolle kann ich meine beste Leistung bringen. Ich will nun einfach das, was Joshua hat – den Titel.» Neben dem IBF-Gürtel von Jo­shua geht es auch noch um den vakanten Superchampion-Titel der WBA. (sda)