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SOMMERSERIE: WAS TUN SIE HEUTE?: Kraftpaket in der Hängematte

Kugelstösser Werner Günthör gehörte anfangs der 1990er-Jahre zu den populärsten Schweizern. Auch wenn er heute vieles ruhiger nimmt, mit dem Sport ist er weiter verbunden – als Lehrer und Berater.
Jürg Ackermann
Werner Günthör in Magglingen: Beim Bundesamt für Sport ist der Thurgauer eine Institution. (Bild: freshfocus/Christian Pfander)

Werner Günthör in Magglingen: Beim Bundesamt für Sport ist der Thurgauer eine Institution. (Bild: freshfocus/Christian Pfander)

Wie bleibt man positiv? Die Frage treibt Werner Günthör an diesem Morgen um. Sie hat ihn schon beschäftigt, als er 1987 in Rom in den Ring trat. 60 000 Fans pfiffen, weil sie wünschten, Alessandro Andrei, Günthörs grösster Konkurrent, möge WM-Gold gewinnen. Doch Günthör war darauf vorbereitet. Er hatte sich schon vor dem Wettkampf eine Checkliste erarbeitet und war im Kopf alles durchgegangen. «Wer sich am Negativen aufreibt, vergeudet Energie – und sieht seine Chancen nicht», sagt er heute. Günthör stiess die Kugel auf 22,23 Meter und holte das erste WM-Gold eines Schweizer Leichtathleten. Zwei weitere sollten noch folgen.

Der Erfolg von Rom war der Anfang einer steilen Karriere. Aus dem gelernten Sanitärinstallateur aus Uttwil wurde bald einer der populärsten Schweizer, der eine bis anhin kaum beachtete Sportart vorübergehend zum Kulturgut machte. «Kugel-Werni», 2 Meter gross, über 110 Kilo schwer, Schuhgrösse 46, ist auch 20 Jahre nach seinem Rücktritt eine imposante Erscheinung. Aber die 7-Kilo-Kugel, um die sich jahrzehntelang vieles in seinem Leben drehte, hat er schon lange nicht mehr in die Hand genommen. «Da würde ich wohl Mühe haben», sagt er und nimmt einen Schluck Kaffee.

1989 als Kugelstösser beim Leichtathletik-Meeting in Zürich. (Bild: ky)

1989 als Kugelstösser beim Leichtathletik-Meeting in Zürich. (Bild: ky)

«Bleibe gelassen – und frei im Kopf»

Der Sport steht aber noch immer im Mittelpunkt von Günthörs Leben. Seit bald 20 Jahren arbeitet er beim Bundesamt für Sport (Baspo), in der Ausbildung angehender Sportlehrer. Beim Gespräch in Magglingen wird schnell klar, dass er hier eine Institution ist. Kaum ein paar Minuten verstreichen, ohne dass ein junger Sportler vorbeikommt und ihn in ein kurzes Gespräch verwickelt. Günthör, so scheint es, hat seine Mitte gefunden. Er versucht, jungen Leuten das weiterzugeben, was er als Kugelstösser gelernt hat: nicht nur die Technik, sondern vor allem auch das Mentale. «Bleibe gelassen, auch unter Druck. Nur dann bist du wirklich frei im Kopf», sagt Günthör an diesem Morgen immer wieder.

Die Hitze drückt, im Westen ziehen Wolken auf und kündigen ein Gewitter an. Die Sicht von Magglingen aufs Mittelland ist grossartig. Es ist, als hätte diese geographische Konstellation auch Günthörs Blick auf seine Karriere geschärft und ihm geholfen, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden. «Wenn selbst Fussballer aus unteren Ligen mehr verdienen als Spitzenleichtathleten, dann stimmt etwas nicht», sagt Günthör, der es bedauert, dass Show und Geld im Sport den Takt angeben und generell die Digitalisierung überhand nimmt. «Manche wissen nicht mehr, wie frischgemähtes Gras riecht, weil sie ständig ins Handy starren. Wo führt das noch hin?»

Im Sport wusste das Günthör immer. Denn er ist berechenbar. Den Körper im Kraftraum antreiben, noch mehr an sich arbeiten – dies hatte er sich stets eingetrichtert. Als gegen Karrierenende erstmals Dopinggerüchte auftauchten, verwies Günthör auf seinen Körperbau, die Hebelverhältnisse und die genetisch nachgewiesenen schnellen Fasern in seiner Oberschenkelmuskulatur. Dass er angesichts aller Strapazen auch als 55-Jähriger noch Sport treibt, ist alles andere als selbstverständlich. Günthör spielt Eishockey, fährt Trial-Töff und Ski. Meist geht es aber nicht lange, bis Knie oder Rücken zwicken.

Adrenalinstösse und Erinnerungen

Es sei entscheidend gewesen, dass er damals 1995 nach dem Ende der Karriere die richtigen Leute um sich gehabt habe – allen voran seine Frau Nadia. Er hatte sich schon als Spitzensportler nie zu wichtig genommen, was ihm die Landung ausserhalb des Scheinwerferlichts erleichterte. «Ich fiel nie in ein Loch. Dank der Sportlehrerausbildung fand ich schnell Tritt im Berufsleben.» Bald schon machte sich Günthör neben seiner Tätigkeit beim Baspo auch selbständig. Er hält Seminare und berät Sportler wie Schwinger Matthias Sempach in der Laufbahnplanung.

Dabei ist Erlach am Bielersee längst zur neuen Heimat geworden. Dort sitzt Günthör in der Schulbehörde, dort nimmt er am Dorfleben teil, dort hat er Wurzeln geschlagen. Manchmal fläzt er sich in seinem Garten in die Hängematte, trinkt ein Glas Weisswein, der von den Hügeln des Bielersees kommt, oder liest ein Buch. Die Adrenalinstösse der Wettkämpfe fehlen ihm nicht mehr. Aber in Erinnerungen schwelgen tut er immer noch gerne – wegen dieser vielen «emotionalen Momente meiner Karriere».

Mit der Leichtathletik fühlt er sich noch immer verbunden, nicht nur wegen der Freundschaft zu Udo Beyer, dem ehemaligen Weltrekordhalter aus der DDR, der einst einer seiner grössten Konkurrenten war. Bei den Meetings in Zürich oder Lausanne ist Günthör meist als Zuschauer dabei. Athleten wie Kariem Hussein oder Nicole Büchler kennt er persönlich, weil sie ihm in Magglingen oft über den Weg laufen.

Mit dem Bus im Stau

Manchmal nur ärgert es ihn, dass er verpasste, was bisher kein Schweizer schaffte: Olympiagold in der Leichtathletik. In Seoul 1988 holte er Bronze, in Barcelona vier Jahre später ging er als Favorit an den Start, wurde aber Vierter. Es waren kleine Puzzlesteine, die nicht zusammenpassten. Erst blieb er mit dem Bus, der ihn zum Olympiastadion brachte, im Stau stecken, dann konnte Günthör im Ring sein Potenzial nicht abrufen. Es sind auch diese Erfahrungen, die er den Studenten hier in Magglingen mit auf den Weg gibt. Ja nie einer verpassten Chance nachtrauern. Gelassen bleiben und die nächste Gelegenheit packen. Sie kommt ganz sicher. Irgendwann. Irgendwo.

Menschen, die aus dem Blickfeld verschwanden

In unserer Serie besuchen wir bekannte Ostschweizerinnen und Ostschweizer, die lange im Rampenlicht standen. Was haben sie nach dem Ende ihrer Karriere gemacht? Wo stehen sie heute? Und wie sind sie damit umgegangen, plötzlich nicht mehr in der Öffentlichkeit präsent zu sein? (red.)

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