«Querfeldein bin ich im Vergleich zu anderen eher schnell, auf Wegen bin ich zu bequem»

Der Starrkirch-Wiler Marius Kaiser stürmt derzeit an die nationale Spitze.

Yann Schlegel
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Marius Kaiser posiert vor einem «historischen» OL-Posten mit Zange – längst ist die Zeitmessung elektronisch, neuerdings sogar kontaktlos.

Marius Kaiser posiert vor einem «historischen» OL-Posten mit Zange – längst ist die Zeitmessung elektronisch, neuerdings sogar kontaktlos.

Bruno Kissling

Er hat ein weisses Blatt mit braunen Strichen und schwarzen Punkten vor sich. Nur Höhenkurven auf der Karte. Und Steine. Mit weissen Flechten und Felsformationen überzogene Hügel zieren den Wald. Eines der schwerstmöglichen Gelände für den Orientierungssinn.

In der norwegischen Tundra gelingt ihm an jenem Tag im Sommer das fast perfekte Training. Ohne Mühen navigiert er mit Karte und Kompass durch Gebiete mit spärlich gestreuten Anhaltspunkten. Ein Augenblick mit Aha-Effekt.

Denn seither ist Marius Kaiser im Orientierungslauf nahezu fehlerlos geblieben. Er verblüffte an nationalen Wettbewerben mit unerschütterlicher Konstanz. «Ich bin selbst ein bisschen vor mir erschrocken», sagt Kaiser, braunes Haar, gross gewachsen, mit dem Gesichtsausdruck eines braven Jungen, welcher der Pubertät entwächst.

Karten-Faszination im Kindesalter

Auf das perfekte Training im hohen Norden folgt im Herbst sein bisher makellosester Wettkampf. Und mit ihm der erste Sieg an einem OL auf nationaler Bühne.

Beim Starrkirch-Wiler ist eine harmonierende Symbiose zwischen Laufen und Orientieren entstanden. Er gehört derzeit zur Elite der unter 20-jährigen OL-Läufer. Kennt selbst aber das Geheimnis seines Durchbruchs nicht. Sich Ziele zu setzen ist ebenso wenig sein Ding, wie nach Laufkonzepten zu funktionieren.

Wie handeln, wenn er orientierungstechnisch in Schwierigkeiten gerät? Immerzu, lässt Kaiser sich von seinen Intuitionen leiten. Mache einfach OL, lautet sein Credo. Und damit hat er Erfolg. Gut möglich, dass just Kaisers Unbeschwertheit ihn dorthin gebracht hat, wo er nun ist. «Ja», sagt er, «ein bisschen Ehrgeiz steckt in mir». Verbissenheit ist ihm fern.

Als die OL-Karten noch zwischen Zangen geknipst wurden, war Marius Kaiser noch nicht geboren. Als Simone Niggli den OL-Sport zu dominieren begann, besucht Klein-Marius den Kindergarten.

Besuch des OL-Ferienpasses

«Stundenlang bückte ich mich über Strassenkarten und fuhr mit dem Finger den Flüssen nach», erzählt er. Seine Faszination für Karten entgeht der Mutter nicht. Mit neun bewegt sie ihn zum Besuch des OL-Ferienpasses.

Damals fragte er: «Was ist OL». Sein Orientierungssinn und sein Gefühl für das Relief fallen früh auf – die Geschwindigkeit ist noch nicht so sein Ding. Doch seine gute Technik reicht für gute Resultate.

Alexander Schwab, selbst Eliteläufer und Klubkollege bei der OL Regio Olten überzeugt den jungen Kaiser dazu, sich fürs Nachwuchskader Bern/Solothurn zu bewerben. Er scheut das Training, überwindet aber seine Faulheit und schafft über ein Sprungbrett die Aufnahme in die regionale Auswahl.

Junior European Cup

Erstmals auf internationaler Bühne

Obwohl Marius Kaiser momentan nicht dem Juniorennationalkader angehört, darf er vom 29. September bis 1. Oktober erstmals an einem internationalen Wettkampf teilnehmen. Mit seinen starken Leistungen im Spätsommer verdiente er sich die Selektion für den Junior European Cup (JEC) im österreichischen Fürstenfeld. Um an diesem Anlass teilzunehmen reist der 18-Jährige direkt von der Maturareise in Kroatien ab. In Österreich stehen Wettkämpfe in drei verschiedenen Disziplinen an: Sprint-, Langdistanz und zum Abschluss eine Staffel sind die drei Prüfungen.

Vier Jahre ist es her, da nimmt Marius Kaiser erstmals Lauftrainings unter die Füsse. In der Anfangsphase bekundet er Mühe, kommt kaum seinen Hausberg, den Engelberg hoch. «Der Sprung ins Kader ist das Beste, was mir passieren konnte», sagt der 18-Jährige. Noch heute holt er sich bei seinem persönlichen Betreuer Schwab bei Fragen die notwendigen Tipps.

Saisonziele für den Papierkorb

Bergab zu rennen lernt er früh von einem verrückten Klubkollegen. Neu ist für ihn das Gefühl, locker berghoch zu laufen. Er wuchs und wuchs, wurde schneller und schneller. Fünf bis sechs Trainings absolviert er je nach Wettkämpfen bisweilen pro Woche.

«Querfeldein bin ich im Vergleich zu anderen eher schnell, auf Wegen bin ich zu bequem», sagt er. Im Kopf sei die Bereitschaft an die physische Leidensgrenze zu gehen noch nicht da.

Rund acht Monate ist es her. Bei einem Kaderzusammenzug gilt es Saisonziele zu formulieren. Marius Kaiser tut, was er für üblich selten pflegt. Er kritzelt ein paar Vorsätze auf ein Blatt Papier. «Einmal an einem nationalen Wettbewerb aufs Podest laufen», steht da.

Ausserdem wolle er sich physisch verbessern, gibt er an. Punkt zwei geht dank seinem Fleiss auf den Jurahöhen bald in Erfüllung. Punkt eins ist plötzlich nur noch eine Frage der Zeit.

Gold an Schweizermeisterschaften fehlt noch

Seit jenem Trainingslager in Norwegen übertrifft Kaiser seine kühnsten Erwartungen. Langdistanz-Bronze, Mitteldistanz-Silber, Staffel-Silber – einzig die goldene Auszeichnung an Schweizermeisterschaften fehlt ihm noch.

Hinzu kommt der eingangs erwähnte Sieg im Jura. Ein Erlebnis wie aus einem Guss sei dieser Lauf im Val de Travers gewesen. An jenem Tag passt für Marius Kaiser alles zusammen – auch die garstigen Bedingungen – die ihm zusagen, beherrschen die Wetterlage.

«Am besten läuft es mir, wenn es wie ein Training ist», sagt er, und erinnert sich, wie er als Letztstartender keine Nervosität, nur Vorfreude verspürte.

Verloren auf der Barmelweid

Zu 90 Prozent freue er sich am Start auf den Lauf. «Die anderen zehn Prozent sind Mittellandwälder», lacht Kaiser. Dichte Wegnetze, ruppige Waldabschnitte mit dichtem Dickicht sagen ihm weniger zu. Immer wieder neue Herausforderungen, immer wieder neue Wälder treiben seinen Durst nach Orientierungslauf an.

«An negative Szenarien denke ich vor dem Start nie», sagt Kaiser. Seine mentale Stärke gibt ihm Sicherheit. Nur vor fünf Jahren erfuhr er einen Schreckmoment. Auf einmal stimmten die Karteninformation und die Geländekonturen nicht mehr überein. Kaiser war von der Karte gelaufen, fing sich an einem Wanderweg auf und fand so den Weg zurück auf die Barmelweid. Ein Malheur, dass ihm heute unmöglich erscheint.

Eine Leidenschaft, die sich nicht stillen lässt

Orientierungslauf ist seine Leidenschaft, die sich nicht stillen lässt. Für seine Maturaarbeit kartiert er oberhalb von Dulliken ein Waldstück als OL-Karte. Von «cool» bis «wie kannst du diesen Sport ausüben», reichen die Reaktionen seiner Maturakollegen.

Im Familiensport Orientierungslauf ist Kaiser ein «Muggel», da er nicht von Haus aus mit dem Sport aufwächst. Mittlerweile ist er als Kaderathlet in der Szene vollständig assimiliert.