Ski Freestyle

Mischa Gassers grosses Risiko - Er will die Weltbesten herausfordern

Eigentlich macht man so etwas nicht. Ausgerechnet in der Olympiasaison Grundlegendes an seinem Sprungstil ändern. Mischa Gasser ging das Risiko ein und fährt diesen Winter mit einer komplett neuen Anfahrtsposition auf die Skiakro-Schanze zu.

Rainer Sommerhalder
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Der gelernte Bauzeichner und jetzige Profisportler Mischa Gasser wohnt in Zuchwil, seine Freundin in Andermatt.

Der gelernte Bauzeichner und jetzige Profisportler Mischa Gasser wohnt in Zuchwil, seine Freundin in Andermatt.

Rainer Sommerhalder

Er richtet sich erst ganz am Schluss auf, baut so kurz vor dem Absprung bewusst einen Armschwung ein und verändert dadurch das Timing seines Sprungs. Dies auf Rat von Nationaltrainer Michel Roth, welcher darin die Lösung sieht für die wiederkehrenden Probleme des Solothurners bei seinen Sprüngen. Gasser kämpfte mit zu wenig Rotationsbewegung bei der Landung, die deswegen regelmässig nicht wie gewünscht klappte.

Für den 26-Jährigen verlief die Umstellung alles andere als reibungslos – vor allem im Kopf nicht. Gasser benötigte Zeit, das Vertrauen aufzubauen. Er war lange hin- und hergerissen. «Es war für mich ein echter Kampf. Ich fragte mich während des Sommers immer wieder, ob das wirklich eine intelligente Sache sei. Ich musste meine Komfortzone definitiv verlassen, um diese Umstellung zu schaffen», sagt er.

So konstant wie nie

Noch ist der Zeitpunkt nicht gekommen, um das Projekt als geglückt zu bezeichnen. «Erst die Wettkämpfe werden das zeigen», sagt der ehemalige Kunstturner. Trotzdem spürt er eine grosse Erleichterung, das Risiko eingegangen zu sein. Denn in den ersten drei Trainingswochen im Schnee in Saas-Fee verzeichnete Mischa Gasser bei den Sprüngen mit Doppelsalto eine Konstanz wie nie in den letzten fünf Jahren. Rund 100 Sprünge absolvierte er.

Mitte November dislozierte das Schweizer Freestyle-Team nach Ruka in Nordfinnland. Im Gegensatz zu Saas-Fee sind dort Sprünge mit drei Salti machbar. «Wenn etwas beim Doppelsalto klappt, heisst das noch lange nicht, dass es auch beim Dreifachen gelingt», weiss Gasser aus Erfahrung. Schritt für Schritt nähert er sich in Skandinavien seinen Wettkampfsprüngen an.

Und bisher läuft für den Solothurner alles nach Plan. «Die Umsetzung des neuen Absprungs entwickelt sich gut», lässt Gasser aus Ruka verlauten. Die von Trainer Michel Roth forcierte Umstellung diente bewusst auch als mentaler Kick. Denn Gasser blickt auf eine durchzogene Saison zurück, kämpfte mit mentalen Problemen.

«Oben an der Schanze ist es wichtig, was im Kopf passiert», erklärt der Profisportler, «und bei mir spielte die Angst eine Rolle.» Gasser kriegte die grossen Probleme bei der Landung einfach nicht in den Griff. Ein 10. Rang in Lake Placid blieb sein bestes Saisonresultat. Angst führte in den meisten Fällen zu Passivität. Mit dem Armzug bei der Anfahrt wird Gasser bewusst dazu gebracht, wieder selber zu bestimmen, was passiert. Er geht den Sprung entsprechend aktiver an.

Olympia-Final als Ziel

Dies ist auch nötig, schliesslich steht mit den Olympischen Spielen in Pyeongchang nicht irgendein Wettkampf an. «Seit ich 2010 vom Turnen zum Freestyle gewechselt habe, sind diese Winterspiele das grosse Ziel.» Und nachdem er als Einziger des aktuellen Teams bereits 2014 Olympialuft geschnuppert hat (18. Rang), geht es ihm diesmal um mehr als den olympischen Gedanken. «In Sotschi war ich bereits glücklich, dabei sein zu dürfen. Aber als Sportler befriedigt dies auf Dauer nicht.» In Südkorea will er in den Final der besten sechs vorstossen.

Und dort seinen schwierigsten Sprung auspacken: einen dreifachen Salto mit fünf Schrauben. «Mit diesem Sprung hat man Chancen auf jede Position in der Rangliste», weiss Gasser. Aber er weiss auch, dass es noch viel Arbeit bedarf, bis er jene Perfektion hinbringt, einen solchen Sprung auch wirklich zu stehen. Zuerst geht es für den gelernten Bauzeichner mit Berufsmatur, der in Zuchwil wohnt und regelmässig seine Freundin in Andermatt besucht, um das Wiedererlangen der Konstanz.

Gelungene Sprünge sind die beste Medizin gegen Angst. Das hat Mischa Gasser von seinem Mentaltrainer wohl schon oft gehört. Und er hat in den letzten Monaten bei der Umstellung seines Anlaufs auch erfahren, wie man alte Gewohnheiten abstreifen und sich aufs Risiko einlassen kann. Was jetzt noch fehlt, ist ein Erfolgserlebnis im Wettkampf. Die erste Gelegenheit, sich zu beweisen und der Olympianorm einen Schritt näher zu kommen, hat Mischa Gasser am 1. und 2. Dezember beim Saisonauftakt in Ruka.