«So will man nicht aufhören»

An den Olympischen Winterspielen in Sotschi wollte die 32jährige Anschieberin Ariane Walser ihre Karriere als Spitzensportlerin mit einem Höhepunkt beenden. Doch dann verletzte sich ihre Pilotin Caroline Spahni im Training.

Raya Badraun
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BOB. Ariane Walser fällt auf. Mit einer roten Jacke, schwarzer Sonnenbrille und einem rosaroten Schal läuft die 32jährige Niederuzwilerin durch das belebte Winterthur. Immer wieder werfen ihr Fussgänger neugierige Blicke zu. Ist sie das?, fragen sie sich wahrscheinlich. Die Swiss-Olympic-Jacke der Athleten in Sotschi? Hat die Trägerin auch um Medaillen gekämpft? Angesprochen wird sie jedoch selten. Zu zurückhaltend sind die Schweizer. Doch es stört Walser nicht, fast froh scheint sie darüber. Denn die Geschichte, die sie mit dieser Jacke an den Olympischen Spielen erlebt hat, ist keine, die sie gerne erzählt.

«So will man nicht aufhören», sagt Walser, die nach diesem Winter als Bobfahrerin zurücktrat. «Meine letzte Fahrt wollte ich in einem Wettkampf absolvieren. Sie sollte ein Highlight sein.» Stattdessen sass sie im Training auf der Olympiabahn das letzte Mal im Schlitten. Das war vor bald vier Wochen. Damals verletzte sich ihre Pilotin Caroline Spahni beim Start. Die Untersuchung ergab später eine gerissene Bizepssehne am hinteren Oberschenkel. Die Verletzung bedeutete für Spahni und Walser das Ende der Spiele. «Es war das Schlimmste, was passieren konnte», sagt Walser. In diesem Moment war sie nicht nur enttäuscht und traurig. Sie fühlte sich auch machtlos. «Es wäre leichter gewesen, wenn es mir passiert wäre», sagt die Anschieberin. «So war ich fit und konnte dennoch nicht starten.»

Ein Hin und Her vor Sotschi

«Kopf hoch», hörte Walser in der Zeit danach oft. «Als Leistungssportler ist das nicht so einfach», sagt sie. «Mein Traum war zerplatzt.» Für diesen hatte Walser acht Jahre trainiert und sich nach Verletzungen immer wieder zurückgekämpft. Bereits vor Vancouver 2010 war sie als Ersatz im Gespräch, wurde am Ende jedoch nicht selektioniert. Damals machte sie nur weiter, weil Spahni im Hinblick auf Sotschi ein Team aufbaute. Auch in diesem Winter stand lange nicht fest, ob Walser an den Olympischen Spielen starten kann. Um eine Hundertstelsekunde verpasste sie beim Selektionswettkampf von Swiss Sliding den zweiten Rang. «Ich war wahrscheinlich etwas müder als die anderen», sagt Walser, die im Unterschied zu anderen alle Rennen bestritt. Nach dem Weltcup in St. Moritz wurde mit den Verantwortlichen von Swiss Sliding besprochen, wer nach Sotschi reisen kann. In diesen zwei Stunden durchlebte Walser einige Hochs und Tiefs. Erst wurde sie als Ersatz gehandelt, dann sprach man darüber, sie gar nicht mitzunehmen. Schliesslich wurde sie als Fahrerin selektioniert. Im ersten Moment konnte sich Walser nicht recht darüber freuen. «Es wäre schöner gewesen, wenn ich die erste Wahl gewesen wäre», sagt die Spitzensportlerin. Erst als die Selektion von Swiss Olympic bekannt gegeben wurde, empfand sie Stolz. Für die Arbeit, die sie geleistet, für das Ziel, das sie erreicht hatte. «Ich dachte nicht, dass noch etwas passieren könnte. Davor? Ja. Aber in Sotschi?»

Eine letzte Fahrt im Engadin

Vier Wochen nach der Verletzung ihrer Pilotin fühlt sich Walser anders als in anderen Jahren. Sie ist nicht ausgebrannt, weder angeschlagen noch verletzt. «Dafür fühle ich mich mental müde», sagt Walser. Die Geschichte ist für sie noch nicht abgeschlossen. Eine weitere Saison als Spitzensportlerin plant sie dennoch nicht. Dafür seien die Perspektiven nach den Rücktritten der beiden stärksten Pilotinnen der Schweiz zu schlecht. Aber nochmals die Bahn in St. Moritz runterfahren, das will sie. Das Adrenalin spüren, die Schnelligkeit. Die Trainingsfahrt auf der Olympiabahn soll nicht die letzte Erinnerung an ihre Karriere als Bobfahrerin bleiben.