So viele Baustellen wie auf Schweizer Autobahnen - das ist seit der WM 2018 mit der Schweizer Nati passiert

Nächste Woche trifft die Schweiz in der EM-Qualifikation auf Dänemark und Irland. Das Nationalteam hat 16 turbulente Monate hinter sich. Was ist alles passiert? Zeit für einen kleinen Rückblick.

Etienne Wuillemin
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„Wann steht endlich wieder der Fussball im Mittelpunkt? Die Schweizer Nationalmannschaft hat unruhige Monate hinter sich.“ (Pascal Muller/freshfocus)

„Wann steht endlich wieder der Fussball im Mittelpunkt? Die Schweizer Nationalmannschaft hat unruhige Monate hinter sich.“ (Pascal Muller/freshfocus)

Mit unserer Nationalmannschaft ist es wie auf Schweizer Autobahnen: Es gibt immer irgendwo eine Baustelle. Mal geht es um Spieler. Mal um Funktionäre. Mal um Strukturen. Die stetige Unruhe ist die einzige Gewissheit.

Als die Schweizer Nati im Juni 2018 zur WM in Russland aufbrach, lag viel Vorfreude in der Luft. Die Mannschaft kündigte an, Historisches zu vollbringen. Sie wollte erstmals in der Neuzeit an einem grossen Turnier den Viertelfinal erreichen.

Vier Wochen später blieb die Ernüchterung. Und damit war der Weg geebnet für die wohl hektischste Zeit der jüngeren Schweizer Fussballgeschichte. Innert 16 Monaten wurde aus dem vermeintlich so aufregenden Gebilde ein Trümmerhaufen.

Zuerst der Doppeladler und dann keine Energie mehr für das Wesentliche

Der Moment der Ernüchterung. Emil Forsberg schiesst im WM-Achtelfinal das 1:0 für Schweden gegen die Schweiz. (Bild: Keystone)

Der Moment der Ernüchterung. Emil Forsberg schiesst im WM-Achtelfinal das 1:0 für Schweden gegen die Schweiz. (Bild: Keystone)

An der WM verlor die Schweiz den Achtelfinal gegen Schweden 0:1. In Erinnerung blieb darum vor allem der Doppeladler. Die Aufarbeitung dieses Jubels von Xhaka, Shaqiri und Lichtsteiner gegen Serbien raubte in den Tagen danach viel Energie und lenkte zu sehr vom Wesentlichen ab. Im Anschluss an die WM provozierte Generalsekretär Alex Miescher die Frage, ob die Schweiz künftig nicht besser auf Doppelbürger verzichten sollte. Die Diskussion kostete ihm den Kopf.

Der fatale Jubel: Die Schweizer Nationalspieler freuen sich mittels Doppeladler über die Tore im WM-Spiel gegen Serbien. (Bild: Keystone)

Der fatale Jubel: Die Schweizer Nationalspieler freuen sich mittels Doppeladler über die Tore im WM-Spiel gegen Serbien. (Bild: Keystone)

Auch im Team gingen die Wirren weiter. Leader Valon Behrami trat erbost zurück, weil ihn Trainer Vladimir Petkovic per Telefon informierte, künftig eher auf Junge zu setzen. Der Fussballverband liess derweil seine Fehler von den Ex-FCB-Chefs Heusler und Heitz untersuchen. Die Erkenntnisse? Ein neuer Supermanager muss her! Auch, um den Nationaltrainer Petkovic stärker und besser zu führen. Doch die Wunschkandidaten sagten ab, allen voran Christoph Spycher (YB-Sportchef). Es blieb die Verlegenheitslösung Pierluigi Tami. Als Bauernopfer wurde später auch der Medienchef zurückgestuft.

Der neue Supermanager Pierluigi Tami. Gekommen, um Petkovic mehr zu führen. Und trotzdem ist er nur die Verlegenheitslösung. (Bild: Freshfocus)

Der neue Supermanager Pierluigi Tami. Gekommen, um Petkovic mehr zu führen. Und trotzdem ist er nur die Verlegenheitslösung. (Bild: Freshfocus)

Die Rückkehr von Captain Lichtsteiner und die Gespräche mit Shaqiri als Hoffnung

Im Frühjahr trat Verbandspräsident Peter Gilliéron nach zehn Jahren ab. Die Pläne von Nachfolger Dominique Blanc sind bis jetzt kaum erkennbar. Dafür mehren sich die Stimmen zur schwierigen Zusammenarbeit zwischen Verband und Liga.

Zurück zum Nationalteam. Die Frage nach der Zukunft von Captain Lichtsteiner begleitet das Team seit Monaten. Mal ist er dabei. Dann wiederholt nicht mehr. Und man befürchtet bereits den nächsten Abgang eines verdienten Nationalspielers durch die Hintertür ohne Anerkennung. Doch nun hat Petkovic am vergangenen Freitag seinen Captain zurückgeholt.

Die grössten Schlagzeilen machten zuletzt aber die Beziehungsprobleme zwischen Petkovic und Shaqiri. Der Wirbelwind fehlte im September wegen Motivationsproblemen. Nun ist Shaqiri zwar verletzt, hat Petkovic in einem persönlichen Gespräch aber versichert, alsbald wieder in die Nati zurückzukehren.

Wenn sich nun das Team ab heute auf die EM-Qualifikationsspiele in Dänemark am Samstag und drei Tage danach gegen Irland vorbereitet, besteht die Chance, dass die grössten Baustellen geflickt sind und endlich wieder einmal der Sport im Vordergrund steht. Es ist dringend nötig. Allfällige Misstöne würden die EM 2020 – sodann die Qualifikation wie erwartet auch klappt – frühzeitig zur komplizierten Mission verkommen lassen.