Ski alpin

Rückkehrer Didier Cuche: «Ich bin nicht der Retter der Mannschaft»

Die Schweizer Skiteam bekommt «moralische Aufrüstung». Didier Cuche und auch der verletzte Beat Feuz unterstützen das Team erstmals im Val Gardena. Cuche warnt vor zu grossen Erwartungen. Der Einsatz sei schon vorher abgemacht gewesen.

Richard Hegglin, Val Gardena
Drucken
Teilen
Didier Cuche (rechts) steht den jungen Nils Mani und Sandro Viletta bei der Streckenbesichtigung beratend zur Seite.Wolfgang Grebien/Eq Images

Didier Cuche (rechts) steht den jungen Nils Mani und Sandro Viletta bei der Streckenbesichtigung beratend zur Seite.Wolfgang Grebien/Eq Images

Man fühlte sich beinahe wie im letzten Winter. Didier Cuche ist zurück und gibt jungen Kollegen Tipps. Auch Beat Feuz ist da und macht im Zielraum Smalltalk. Nur auf der Piste fehlen die beiden an allen Ecken und Enden. In ihrer Anwesenheit glückt Silvan Zurbriggen im ersten Training im Val Gardena wenigstens ein 5. Platz – ein Lichtblick.

Vor zwei Jahren feierte Zurbriggen auf der Saslonch seinen einzigen Abfahrtssieg. Während Wochen kämpfte er um den Weltcup-Gesamtsieg. Dann ging es nur noch abwärts – bis gestern. Der Cuche-Effekt? «Ich habe erst am Start erfahren, wo Didier steht», relativiert Zurbriggen: «Er machte die Besichtigung mit den Jungen, die hier zum ersten Mal starten. Es ist toll von Didier, dass er sich ihrer annimmt. Tipps eines so erfahrenen Athleten sind für jeden hilfreich. Noch im letzten Jahr habe auch ich ihn bei Besichtigungen oft um Rat gefragt. Er gab immer ehrliche und offene Antworten.»

Didier Cuche legt Wert darauf, dass er sich als Helfer und «nicht als Retter der Mannschaft» sieht. Weil das Engagement mitten in die Krise fiel, war da und dort seine Verpflichtung als unnötiger Aktivismus wahrgenommen worden. «Das war», so Cuche, «schon vorher abgemacht. Wenn einer aufs Podest fahren sollte, hätte ich null Prozent dazu beigetragen.»

Der Tag gehörte ihm: Cuche liess sich feiern.
8 Bilder
In historischer Kleidung winkte er seinen Fans zu.
Ebenso alt wie die Kleidung: Skis, Schuhe und Stöcke
Statt eines Helms trug er die elegante Mütze...
... und einen Rucksack. Hatte er gar Weisswein dabei?
Nein. Aber seinen Ovo-Helm.
Der obligate Skisalto lässt sich auch mit alten Skis vollführen.
Wie Didier Cuche sich vom Skizirkus verabschiedete.

Der Tag gehörte ihm: Cuche liess sich feiern.

Keystone

Cheftrainer Osi Inglin ist sich bewusst, dass es im Moment «schwierig ist, alles richtig auf die Reihe zu kriegen. Egal, was man tut, es gibt immer kritische Reaktionen.» Eine gewisse Anspannung in der Mannschaft sei nicht wegzuleugnen, räumt Inglin ein, «aber wir versuchen Ruhe und Coolness zu bewahren. Ich bin überzeugt, wir haben genügend Schnauf, um wieder nach oben zu kommen.

Schon mal eine Krise wegen Cuche

Es ist nicht das erste Mal, dass durch Cuches Absenz eine Krise ausgelöst wird. Schon 2005 geriet das Schweizer Team in schwerste Turbulenzen, als er sich in Adelboden das Kreuzband riss. Danach folgten die legendäre WM-Nullnummer von Bormio und 1000 Tage ohne Schweizer Sieg. Das war auch nach dem Rücktritt von Michael von Grünigen, dem andern Seriensieger, nicht anders. In seinem letzten Aktivjahr 2002/03 zeichnete «MvG» für alle sieben Schweizer Podestplätze verantwortlich. Dann gab es in den nächsten drei Wintern im Riesenslalom nur noch zwei – beide durch Cuche. Bis er sich verletzte.

Trotz solcher Erfahrungen werden von Cuche keine Ratschläge bezüglich Krisenbewältigung zu hören sein: «Es braucht Ruhe und Gelassenheit. Dafür sorgen die Trainer. Da brauche ich mich nicht auch noch einzuschalten.»

Der Ausfall der 83er-Generation

So wie früher die Verletzung von Silvano Beltrametti in der Saison 2001/02 eine schwere Zäsur darstellte (keine Männer-Medaille an Olympia 2002 und Rücktritt von Cheftrainer Bartsch), stellt der fast komplette Ausfall des starken 83er-Jahrgangs für Swiss-Ski eine schwere Hypothek dar. Während sonst pro Jahr höchstens mal einer den Durchbruch schafft, glänzte der Jahrgang 1983 mit gleich vier hochkarätigen Talenten: Daniel Albrecht, Marc Berthod, Werner Elmer und Grégoire Faurquet. Dieses Quartett hatte national keine und international kaum Konkurrenz.

Doch Junioren-Meister Werner Elmer verunglückte bei einem FIS-Rennen in Verbier tödlich. Am letzten Montag war sein 10. Todestag. Grégoire Farquet musste wegen schwerer Trainingsverletzungen seine Karriere abbrechen. Das Schicksal von Daniel Albrecht ist bekannt. Und Marc Berthod schafft nach gesundheitlichen Problemen den Anschluss fast nicht mehr. Sie alle wären im besten Rennfahrer-Alter.

Einen solchen Aderlass verkraftet keine Mannschaft, zumal jetzt noch Beat Feuz ausfällt. Feuz und Cuche errangen im letzten Winter 20 von 24 Podestplätzen. Beat Feuz reiste von seinem Domizil Innsbruck nach Val Gardena, «um alle Trainer und auch meine Kollegen mal persönlich zu informieren». «Wenn du», so Feuz und Klaus Kröll, «einen Unfall hast, dann weisst du, was du hast. Bei meinem Knie ist eine Diagnose schwieriger.» So, wie auch bei der Diagnose der Swiss-Ski-Baisse nicht nach simplen schulmedizinischen Kriterien vorgegangen werden kann.